304 Vornehmer Scein.
ſprochen wird, gewöhnt werden. Spricht die ganze Claſſe gleichzei-
tig das Vorgeſagte nach, ſo wird die gehörige Genauigkeit im Nach-
ſprechen mit Hülfe des Takts bewirkt. Ueber das Geſprochene kann
und ſoll der Lehrer immer wieder kurze und leicht verſtändliche Fra?
gen ſtellen , und es durch zweckmäßige Beiſpiele erläutern. Er laſſe
das einmal Vorgeſprochene öfters wiederholen, äußere Gegenſtände
aufzählen und umſtändlicher beſchreiben; denn es iſt nicht genug,
daß das Kind bloß die Worte des Lehrers wiederhole, ſondern es ſoll
mehr ſprechen , als der Lehrer. Wird das Vor - und Nachſprechen
auf die kurz bezeichnete Weiſe betrieben, ſo wird es für den erſten
Unterricht von nicht geringem Nuken ſeyn.
Vornehmer Schein. Die vornehmen Stände betrachten
die Erziehung nicht ſelten am liebſten aus dem Geſichtspunkte der
Gewandtheit des Leibes, der Feinheit der Lebensart, des fich zur
Schau Stellens u. ſ. w. Aus dieſem Geſichtspunkte, aus welchem
die gedachten Stände die Erziehung zu betrachten pflegen, wobei ſie
nur den vornehmen Schein und alles, was feine Weltſitte und ein
Glanz erregendes Weſen im Auge haben, dagegen die drei heilig“
ſten Güter des menſchlichen Geiſtes und Herzens, =- Religion,
Tugend und Kenntniß =- in Schatten ſeken, kann, wie es
ſich wohl von ſelbſt verſteht, das Werk der Erziehung. unmöglich
recht betrieben werden. Wo es an der Hauptſache fehlt, was yoll
die Nebenſache für einen Werth häben? Eine ſol weiſe gleicht einer ſchön vergoldeten Nuß, “in der kein Kern ent-
halten iſt. Wir wollen ein ſolches erbärmliches Treiben durc) fol-
gendes Gleichniß in das gehörige Licht zu ſtellen ſuchen. Die Jüng-
linge eines Dorfes ſekten einſt einen Maibaum, Die ſchönſte Birke
in dem nahen Walde wurde hiezu erwählt und in dex Mitte des
Dorfes aufgeſtellt, Der Baum ragte über alle Häuſer empor , uud
ward mit bunten Bändern von Seide, und mit Flittergolde und al-
lerlei Glöcklein verziert. Das Gold aber und die Bänder rauſchten
im Winde, und lieblich erklangen die Glö>klein. Die Kinder des
Dorfes ſtanden in Reihen und hüpften herum und freuten ſich ſehr
des ſchön verzierten Baumes. Nachdem aber der Maibaum acht
Tage lang in der Sonnenhile geſtanden hatte, da verſchwand ſeine
Schönheit auf einmal. Sein grünes Laub war verdorrt und abge-
fallen, und die Zweigen hiengen matt und erſtorben herab. Da
kam Gottlieb, des Schullehrers jängſter Sohn, niedergeſchlagen nach
Hauſe und ſprach zum Vater: „,Ac<, woher mag es doc< kommen,
daß der vorhin ſo zierliche Baum nun auf einmal ſo entſtellt iſt?
Es iſt doh Schade um das Gold, die Bänder und die Glöcklein an
dem dürren, ausgetrockneten Holze!“ = Siehe, mein Sohn, ſprach
darauf der Vater, „,weil der Baum von ſeinen Wurzeln getrennt
iſt, ſo kann er die Säfte der Erde, den Thau und Regen des Him-
mels nicht mehr an ſich ziehen, und jeder Sonnenſtrahl, der ſonſt
ſo wohlthätig für ihn war, beſchleuniget nunmehr ſein Verderben.
Und ſo geht es, fuhr der Vater fort, mit jeglichem Menſchen , in
deſſen Herz Religion und Tugend keine Wurzeln gefaßt haben. Denn

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.