Studientag -- Stumpfsinnig 25

forderungen des Lehrplans den Interessen
der einzelnen Schülerindividualitäten Ge-
legenheit zu freierer Betätigung zu geben,
wurde ein Vor- oder Nachmittag wöchent-
lich in der Art verwandt, dais jeder Schüler
der 3, bezw. 4 Oberklassen des Gym-
nasSiums nach eigener Wahl einen antiken
Schriftsfteller las oder Sich Sonstwie mit
griechischen oder lateiniSchen Sprachstudien
beschättigte; die Aufsicht führte während
dieser Tätigkeit, bei der höchstens zwei
Schüler Sich zusammentun durften, ein
Lehrer, der zur unmittelbaren Auskunft
über Schwierige, dem Schüler nicht ver-
Ständliche Stellen bereit war, auch nach-
prüfend und gelegentlich neu anregend
von Schüler zu Schüler ging, wobei er zu-
gleich für die Aufrechterhaltung der Ord-
nung Sorge trug. Die Einrichtung, die in
Frankiurt von Direktor Tycho Mommsen
als der »kleine Winkel, in welchem eine
freiere Behandlung von Gymnasialstudien
noch möglich ists (Programm v. J. 1880
S. 83) mit besonderer Liebe und be-
wundernswert vielsSeitiger Sachkenntnis ge-
pflegt wurde, bestand am Frankfurter Gym-
nagiuvm von 1868--1880; in letzterem
Jahre wurde Sie als »auſserhalb des Normai-
lehrplans liegend« (s. Progr. v. J. 1881
S. 12) durch eine Verfügung der Kgl.
Behörde aufgehoben. In den AbsSchieds-
worten, die er der Einrichtung a. a. O.
widmet, Spricht Mommsen die Erwartung
aus, »daſs eine Zeit kommen wird, wo
man Sie zurückwünschen wird«, und wir
hatten in der ersten Auflage des vor-
liegenden Handbuches im Sinne Solchen
Zurückwünschens die Frage aufgeworfen,
ob nicht der Schöne und vom erzieherischen
Standpunkt äuſserst fruchtbare Gedanke,
der in der freien Betätigung des Interesses
an einem Sselbstgewählten Stoffe von Seiten
des Schülers liegt, in irgend einer an die
Einrichtung der Privatstudien anknüpfenden
Weise auch über die Grenzen des huma-
nistiScchen Gymnasiums hinaus, namentlich
auch zu gunsten freier neusprachlicher
Lektüre auf Realgymnasium und Oberreal-
Schule, mit Erfolg wieder belebt werden
könnte. Seit 1906 ist ein Solcher Gedanke an
dem Goethe-Gymnasium und dem Wöhler-
realgymnasium in Frankfurt a. M. verwirk-
licht worden, und zwar ist das geschehen
im Zusammenhange mit dem allgemeinen

Streben nach freierer Gestaltung des Unter-
richts in den Oberklassgen der höheren
Schulen, die durch die Einrichtung von
Studientagen wohl zweckmäſsiger gefördert
wird als durch Differenzierung der Lehr-
pläne nach den individuellen Neigungen
und Begabungsverhältnisszen der Schüler.
Für eine fördernde Durchführung des Ge-
dankens der Studientage ist wichtig, daſs
ihnen der Charakter freierer Arbeit gewahrt
bleibt, die Schulmäſsige Kontrolle, wie Sie
der lehrplanmäſsige Unterricht erfordert,
nicht kurzerhand auf Sie übertragen wird.
Die Erziehung zu Selbständiger Arbeit
muſs durchaus den beherrschenden Ge-
Sichtspunkt bilden.
Literatur: Die Programme des Städti-
Schen Gymnasiums zu Frankfurt a. M. von
1869--1881, des Goethegymnasiums und des
Wöhlerrealgymnasiums ebendort von 1907. Vgl.
auch die zum Artikel Reallesebuch für höhere
Schulen aufgeführten Schriften von Max C. P.
Schmidt und P. Cauer, Zur freieren Gestaltung
des Unterrichts (Leipzig 1906, Dietrich Weicher),
ferner Fr. Cramer, Die freiere Behandlung des
Lehrplans auf der Oberstufe höherer Lehr-
anstalten (Berlin, Weidmann, 1907) und die dort
angeführte Literatur.
Frankfurt a. M. ]. Zienen.
Stumpfsinnig
Ein Mesgger, das Stumpf ist, erfüllt
Seinen Zweck nicht oder nur unvoll-
kommen, ist darum ein wenig brauchbares
Werkzeug. Sinne, denen Stumpfheit eignet,
besitzen auch nur beschränkte Gebrauchs-
fähigkeit; Sie können Sinneswahrnehmungen,
Sinnesempfindungen, Sinnesanschauungen
nur unzureichend im Hinblick auf Klarheit
und Deutlichkeit, Inhalt und Umfang ver-
mitteln. Während der Scharfsinnige alles,
-auch das Nebensächliche, wahrnimmt, viel-
leicht über das Normalziel hinausdringt,
Sieht, hört, riecht, Schmeckt, tastet der
Stumpfsinnige zu wenig, was den Umfang,
zu unklar, was den Inhalt, und zu langsam,
was das Tempo der Sinnesbetätigung be-
trifft. Vom Sinnesleben auf das Vor-
Stellungsleben übertragen , heiſst das: dem
Stumpfsinnigen mangelt es an Sachrichtig-
keit, Raschheit und Klarheit im Auffassen,
Erfaszen und Zusammenfassen, an Ge-
wandtheit im Vergleichen und Unter-
Scheiden, an Vielseitigkeit im Verknüpfen

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