Ungeschickt -- Ungeschliffen -- Unhöflich
der vorhandenen Hilfsmittel bestehen, wenn
Vernachlässigung, vorübergehende Körper-
Schwäche und fehlende Selbstzucht in Frage
kommen. Viel tut hierbei, aufser dem
lebendigen Vorbilde, die Regelmälsigkeit
der Übungen und die Strenge Beobachtung
der Grundsätze: Hab" acht auf dich Selbst!
Nötige dich Selbst! Sei geduldig! (Vergl.
Unbeholfen; Siehe auch unter: Handfertig-
keit, Kinderspiel.)
Leipzig. G. Siegert.
Ungeschliffen
Gesgchliffen nennen wir das, was durch
Schleifen verziert, fein geglättet worden ist;
im übertragenen Sinne bedeutet es Soviel
wie erfahren, gewandt, durchtrieben, fein
in Sitten und Benehmen (vergl. Grimm,
Deutsches Wörterbuch). Ungeschliffen muſs
mithin der genannt werden, Gdessen äuſsere
Lebensführung (Sitte und Benehmen) Sich
als unfein, unliebenswürdig, unschön, rauh
erweist, also jene Fertigkeit und jenes
Wohlwollen im Umgange vermissen lälst,
das unbedingt gefordert werden muſs, wenn
Menschen miteinander »in der geringsten
Entfernung ohne Anstols« leben Sollen.
» Ungeschliffene Manieren Sind ebensowenig
Beweise von Geradheit und Redlichkeit,
als Höflichkeit Zeichen von Falschheit und
Verdorbenheit« (Weber, Demokritos, 8, 60).
Vergl. im übrigen: Lümmelhaft, Roheit,
Tölpelhaft, Unanständig, Unartig, Unhöflich.
Leipzig. G. Siegert.
Unhöflich
Ursprünglich war bhöflich gleichbe-
deutend mit: auf hofgemäſse Weise, fein
gesittet, artig im Verhalten gegen andere
(Gespräch, Umgang), enthielt also zugleich
den Begriff der Höflichkeit als vornehm-
weltmännischer Klugheit. Der gegenwärtige
Sprachgebrauch hat diesen Begriff ausge-
Schieden und Sieht in der Hölſlichkeit
» nichts anderes als das Wohlwollen, welches
Sich in den Umgangsiormen zeigt und
also unbedenklich den Tugenden beigezählt
werden darf« (Fricke, Erziehungslehre,
S. 236). Unhöflichkeit würde demnach

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Mangel an Wohlwollen im Umgang und
Verkehre Sein, Soweit äuſfsere Formen in
Frage kommen. La Bruyere (Die Charaktere,
S. 213) faſst Sie mit Recht als einen zu-
Sammengesgetzten Charakterfehler auf, indem
er Sagt: »Die Unhöflichkeit ist nicht ein
Gebrechen der Seele, Sie ist die Wirkung
mehrerer Gebrechen zugleich: der törichten
Eitelkeit, der Unkenntnis Seiner Pflichten,
der Trägheit, der Zerstreutheit, der Ver-
achtung anderer, der Miſsgunst. Wenn Sie
Sich auch nur auf ÄAuſserlichkeiten erstreckt,
SO iSt Sie doch um So hassenswerter, weil
Sie Sich Stets als Sittlichen und offenbaren
Mangel darstellt.« Sie äuſsert Sich in Un-
gefälligkeit, Unartigkeit, Ungeschliffenheit,
Vorwitz, Rücksichtslosigkeit, Gefühllosig-
keit, Heftigkeit, Grobheit, Lümmelhaftigkeit,
zeigt Sich in ihrem innersten Kerne als
widergesellschaftlich, verletzend und be-
leidigend, widerspricht den Siitlichen Hoch-
gedanken des Wohlwollens, der Billigkeit
und der Vollkommenheit und ist auſserdem
äSthetisch verwerflich, weil Sie dem Grund-
Satze der Schönheitgemälsen Darstellung
der Persönlichkeit zuwiderläuft. Das cho-
leriSche und das phlegmatische Tempera-
ment Stehen in innigerem Verhältnisse zu
ihr als Gas Sanguinische und das melan-
cholische; Knaben und Männer lassen Sich
eher zu ihr hinreilszen als Mädchen und
Frauen. Bemitleidenswert und entschuld-
bar ist Unhöflichkeit, wenn Sie krankhaften
Zuständen des Leibes und der Seele ent-
Springt, als perverse Strebung oder krank-
hafte Abneigung (Aversion) auftritt oder
wohl gar auf Zwangsvorstellungen (Ver-
folgungswahn) beruht. -- Der Erziehung
zur Höflichkeit muls vor allem daran ge-
legen Sein, die Höflichkeit der Formen auf
die Höflichkeit des Herzens zu gründen,
das Sittige und Schickliche dem Sittlichen
unterzuordnen, auf keinen Fall aber die
Betätigung der Hochachtung vor anderen
bis zur Selbstverachtung, zur Falschheit
und Unehrlichkeit zu treiben. Lieber ehr-
liche Derbheit, als konventionelle Verlogen-
heit! Dementsprechend wird darauf zu
achten Sein, daſs Sich, um ein Wort Pascals
zu gebrauchen, in der Höflichkeit » Ange-
nehmes und Tatsächliches gegenseitig durch-
dringen« und die »feine äuſserliche Zucht«
Luthers, die »elegantia morum« Franckes
nicht zur »chinesichen Kardinaltugend «

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