Verantwortung und Verantwortlichkeit -- Verbalismus
handeln, wenn man trotzdem rügen und
Strafen würde.
Bei dieser das einzelne Wollen deter-
minierenden Persönlichkeit oder Willens-
bestimmtheit, Gesinnung oder Charakter,
wie man es eben heiſsen will, bleibt die
Verantwortung stehen. Hier muſs Ja auch
die Bemühung, durch Rüge oder Strafe
besSernd zu wirken, Stehen bleiben.
5. Maß der Verantwortlichkeit. Das
Maſs der Verantwortlichkeit für eine be-
Stimmte Handlung hängt ab von dem Um-
fang, in welchem diese Persönlichkeit bei
dieser Willensentscheidung, dieser Handlung
zum Ausdruck kommt, ihre Sittlichen Fähig-
keiten, Speziell ihre widersittlichen Triebe
zur Mitwirkung bringen und zeigen kann.
6. Verantwortlichkeit der Kinder. Da
beim Kinde z. B. das Wegnehmen fremden
Eigentums keinerlei antisoziale Gesinnung
d. h. kein über das Erlaubte hinausgehen-
des Mals von egoistischen Trieben anzeigt,
Solange es um ein entsprechendes Verbot
nichts weiſs, So ist ihm die Tat zwar als
Seine freie Tat zuzurechnen, aber es wird
dafür nicht zur Verantwortung gezogen,
weil darin noch kein Beweis einer der
Verbesserung bedürftigen Gesinnung ge-
geben ist, weil aiso Seine Tat noch nicht
als vorschriftswidrig, es Selber darum auch
nicht als Strafwürdig beurteilt werden kann.
Das ist Sofort anders, wenn dem Kinde
das Verbot gegeben worden ist und je
öfter und je nachdrücklicher es ihm ge-
geben worden ist.
Über weitere Einzelheiten und über den
Determinismus als Grundlage der Verant-
wortlichkeit vergleiche u. a. Th. Lipps: Die
ethiSchen Grundfragen, Leipzig 1899, S.
273 ft., M. Offner: Willensfreiheit, Zurech«-
nung und Verantworiung, Leipzig 1904,
S. 83 if., Sowie den Artikel »Zurechnung«,
München. M. Offner.
Verbalismus
1. Bedeutung. 2. Bekämpiung.
1. Bedeutung. Wo an Stelle leben-
diger Bewuſstseinsinhalte, Seien Sie nun aus
der Anschauung geschöpit, oder aus der
Verdichtung von Vorstellungen entstanden,
Worte treten, da Spricht man von Verbalis-
mus. Wortmacherei ist ein altes unausrott-

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bares Übel. »Denn eben wo Begriffe
fehlen, da Stellt ein Wort zu rechter Zeit
Sich ein. « Unser pSychischer Mechanismus
arbeitet ebenso gut mit Vorstellungen, wie
mit bloſsen Worten. Ja Sogar mit letzteren
' leichter, als mit ersteren, wenigstens in der
Zeit der Kindheit. In der Kinderstube geht
die Bildung der Vorstellung Sehr häufig
den von Pestalozzi im Schwanengesang
beschriebenen Weg: Im Anfang ist das
Wort. Damit verbindet Sich ein Minimum
von Denkinhalt, der durch die Erfahrung
allmählich bereichert wird, bis endlich In-
halt und Wort voneinander unabhängig
gedacht als Sache und Zeichen unterschie-
den werden. Desghalb Ssträubt Sich auch
der Geist des Erwachsenen dagegen, mit
bloſsen Schemen zu operieren; er hat ein
Starkes Unlustgefühl, wenn er Sich bewuſst
iSt, nur Worte zu machen, hinter denen
nichts Steckt.
Am weitesten verbreitet ist der Verbalis-
mus in Verbindung mit dem didaktiSchen
MaterialisSmus in unseren Schulen. Das hat
eben Seinen Grund darin, dais das Kind
mit Leichtigkeit Worte aufnimmt und
widergibt ohne ihre Bedeutung gefaſst zu
haben, der Lehrer aber häufig in un-
verzeihlicher Leichtgläubigkeit annimmt,
daſs bei den Worten auch immer etwas
gedacht, und zwar das Richtige gedacht
wird. |
Prof. Th. Vogt unterscheidet (XIIL Jahr-
buch des Vereins für wiss. Pädag. 1881)
einen vierfachen Verbalismus: 1.den phrasen-
reichen, 2. den büchersSeligen, 3. den kopien-
haften und 4. den begriifsstolzen.
1. Derphrasenreiche Verbalismus.
Er ist in den höheren Schulen vor allem
heimisch. Man kann ihn auf Cicero zurück-
führen. Gegen Seine Vergötterung kämpfte
bereits Erasmus im Ciceronianus an. (8S.
Raumer, Gegch. der Pädag. 5. Aufl. S. 81 ff.)
Aber erst am Ende des 19. Jahrhunderts
iSt mit dem Wegfall des lateinisSchen Auf-
Satzes die Herrschaft des Verbalismus auf
diesem Gebiet gebrochen worden. Er hat
Sich dann mit Vorliebe in den deutschen
Aufsatz geflüchtet, um hier Seine Triumphe
zu feiern. In der neueren Zeit wird er
aber gerade hier aufs Schärfste bekämpft.
2. Der bücherselige Verbalismus.
Er zeigte Sich darin, dals man » Botanik lehrte
Ohne Botanisieren, Physik ohne Experimen-

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