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beruhen. Auch Zwangsvorstellungen (8.
d.) werden aus falscher Scham oft lange
dissimulierit.
Vergl. auch den Artikel Lügesgucht,
krankhafte. |
Berlin. Th. Ziehen.
Verträglich
Vertragen heiſst unter stillschweigender
Anerkennung des Rechts der Gegenseitig-
keit ertragen, erdulden, Nachsicht üben; ver-
träglich werden wir also den nennen, der
geeignet oder geneigt ist, Sich mit Seinen
Mitmenschen zu vertragen, deren Schwächen
zu ertragen und dem Streite auszuweichen.
Verträglichkeit ruht auf dem Grunde des
Wohlwollens und der Billigkeit, ist mithin
eine hervorragend Soziale und wahrhaft
christliche Tugend. Die Verträglichen und
Friedfertigen Sind es, denen die Bergpredigt
die Herrschaft über das Erdreich verheilſst,
und das mit Recht, gehört doch Verträg-
lichkeit zu den Tugenden, die Kulturwerte
erhalten und das bewährte Alte dem nütz-
lichen Neuen mit vergöhnlicher Hand ver-
knüpfen. Verträglichkeit bindet, Unverträg-
lichkeit zerreiſst; jene Schafft Frieden, diese
ruft der Zwietracht. Der Krittelige (s. d.),
Zänkische und Streitsüchtige wird im Denken
und Tun vom Geiste der Selbstsucht und
Rechthaberei (s. d.) beherrscht, den Verträg-
lichen, Friedfertigen und Versöhnlichen
zieren die Tugenden der Milde und der
Geduld. Körperliche und geistige Rüstig-
keit fördert die natürliche Neigung zu fried-
licher Geselligkeit, Kränklichkeit ist ein
Hindernis ihrer Entwicklung, Von den
Temperamenten erweisen Sich das phleg-
matiSche und das SanguiniSche als von
günstigem Einflusse; jenes wegen Seiner
Neigung zur Bequemlichkeit, dieses wegen
Seiner Geneigtheit zur Versöhnlichkeit. Wo
Sitte und Ton der Familie von freundlichem
Entgegenkommen getragen werden, gedeiht
Verträglichkeit zu herrlicher Blüte; wo Eigen-
nutz und Gewohnheit des Streitens im Ver-
kehre der Familienglieder vorwalten, findet
der Teufel des Unfriedens guten Acker-
boden für geine Schreckliche Saat. Da
Mangel an Gemeinschaftsgefühl das Haupt-
merkmal der Unverträglichkeit bildet, So
muſs die Erziehung zur Verträglichkeit als

Verträglich -- Vertrauen zum Lehrer
obersten Grundsatz aufstellen: Erwecke und
entwickle durch Vorbild, Lehre und Ge-
wöhnung das Bedürfnis nach Betätigung
echter Bruderliebe gemäſs dem Worte der
Bibel: »Seid untereinander freundlich, herz-
lich und vergebet einer dem andern!« Das
beste Mittel, Unverträglichkeit zu bestrafen,
iSt und bleibt zeitweilige ISolierung des
Unverträglichen. Soweit körperliche und
SeeliSche Erkrankung als ursächliche Mo-
mente in Frage kommen, bedarf es des
einmütigen Zusammenwirkens von Erzieher
und Ärzt.
Leipzig. G. Siegert.
Vertrauen zum Lehrer
1. Wegen und Bedeutung eines rechten
VertrauensverhältnisSes zwiSchen Lehrer und
Schüler. 2. Entstehung und Erhaltung des
Vertrauensverhältnisses.
1. Wesen und Bedeutung eines rechten
Vertrauensverhältnisses zwischen Lehrer
und Schüler. »Vertrauen« ist Sprachlich
und begriiflich verwandt mit »treu«. Wir
haben es hier mit einem festen Ge-
Sinnungsverhältnis, mit einem Sichver-
lassen auf eine Person, einem Glauben an
ihre Zuverlässigkeit zu tun. Wiederum
deutet die Wortverwandtschaft zwisSchen
»vertrauen« und »traut« an, dals Vertrauen
in enger Beziehung zur Liebe Steht, und
tatsSächlich hat die Liebe zu einer Person
auch das Vertrauen auf dieselbe im Gefolge.
Wenn unser Vertrauen Sich indessen auch
immer demjenigen zuwendet, den wir
lieben, 80 darf man doch daraus nicht
Schlieſgen, es könne überhaupt nur aus
dem Boden eines innigen Liebesverhält-
nisges hervorsprieſsen. Im täglichen Leben
glauben wir, ohne besondere Zuneigung
zu einer Person zu empfinden, doch an
Ihre ZuverlässSigkeit, wenn wir einesgteils
von ihrer redlichen Gesinnung, andernteils
von ihrer Fachkenntnis, Geschicklichkeit
und Gewandtheit überzeugt Sind. -- So
beruht auch das Vertrauen des Schülers
auf dem Eindruck, den die Autorität des
Lehrers mit ihrer geistigen und Sittlichen
Überlegenheit hervorruft; aber es wird in
hohem Grade verstärkt und vertieft, wenn
eine warme Zuneigung zu der Person des
Lehrers hinzukommt. Wo daher ein herz-

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