Vertrauen zum Lehrer
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liches Vertrauensverhältnis besteht, da glaubt
der Schüler an die Tüchtigkeit und Ge-
Schicklichkeit des Lehrenden, da Sieht er
in dem Lehrer Seinen wahren Freund, der
von treuer Gesinnung gegen ihn beseelt
iet und der Sein geistiges und Sittliches
Wachstum nicht nur fördern kann, Sondern
auch will.
Eine Solche GemütsverfasSung des Zög-
lings bildet die Grundlage des ganzen Er-
ziehungswerkes, und alle Maſsnahmen des
Unterrichts und der Zucht hängen in ihrem
Erfolge wesgentlich davon ab, ob Sie auf
jene Grundstimmung treffen. Durch das
Vertrauen auf die Persönlichkeit des Lehrers,
auf Sein umfassendes Wissen, Sein reiches
Können, Seine wohlwollende Gesinnung
entsteht in der Seele des Schülers jene
glückliche Temperatur, die dem geistigen
Wachstum 80 günstig ist. Da wird das
Wort des Lehrers willig und gern auf-
genommen, da wird die gemeinsame Arbeit
zur Lust, und indem der Zögling freudig
an der Erweiterung Seines geistigen Be-
Sitzes und der Emporbildung Seiner Kräfte
mitarbeitet, entfaltet Sich in ihm ein Interesse,
das -- So eng es auch anfänglich an die
Stütze der Lehrerpersönlichkeit gebunden
iSt -- immer kräftiger emporstrebt und
zuletzt Selbständig weitertreibt. Und wenn
auch der Unterricht Schwierigkeiten bietet,
SO Sucht der Schüler doch die UrSgache
dergelben in Sich und folgt der Entwicklung
des Lehrers auch da noch mit Beharrlich-
keit, wo gesteigerte Anforderungen an
Seine Aufmerksamkeit und Kraft und an
Seinen Fleiſs gestellt werden müssen. Wo
aber Miſstrauen in die Kraft und die Ge-
Sinnung des Lehrers vorwaltet, wo deshalb
ein Widerwille gegen Seine Einwirkungen
Sich festsetzt, da wird der Schüler in Seinem
Streben gelähmt oder zu oberflächlichem Ar-
beiten verleitet. Da kann zuletzt, weil Sich
die Bildung der Maximen nicht unter den
Augen des Erziehers vollzieht und der
Charakter Sich ohne dessen Wissen und Mit-
wirken entscheidet, die ganze Geistesrichtung
eine verfehlte werden. Nur wenn er das
volle Vertrauen des Zöglings besitzt, kann
der Erzieher den notwendigen klaren Ein-
blick in das Seelenleben des Zöglings ge-
winnen. Dann nur gibt Sich der Zögiing
S0, wie er ist, dann gesteht er auch Fehler
ein und bleibt leichter vor der Lüge be-

wahrt, dann wendet er Sich auch in kri-
tiSchen Zeiten mit offener Aussprache an
den Erzieher und Sucht dessen Rat und
Hilfe. So wird das Vertrauensverhältnis
für den Zögling eine Stütze in dem Ringen
nach der Tugend; es erweckt und Stärkt
den Willen zum Guten. Ja, es fehlt der
Sittlichen und religiöSen Bildung geradezu
der Boden, wenn in dem Kinde nicht
Vertrauen zu den Personen, von denen es
abhängt, geweckt worden ist. Denn ehe
der Glaube Sich zum Unsichtbaren erheben
kann, muſs er Sich erst am Sichtbaren
bilden und Stärken.
2. Entstehung und Erhaltung des Ver-
trauensverhältnissess Wie kann Sich nun
der Lehrer das Vertrauen des Schülers er-
werben, und wie kann er es Sich erhalten?
Herbeikommandieren läſst Sich ein So zartes
Band natürlich nicht, und ebensowenig
läſst es Sich auf künstliche Weise Schaffen.
Es Sind vielmehr, wie Schon erwähnt
worden, die beiden Grundkräfte der Lehrer-
persönlichkeit: Autorität und Liebe, auf
denen das Vertrauen beruht. Eine rechte
Lehrerpersönlichkeit braucht Sich gar nicht
darum zu bemühen, Sondern das Vertrauen
fällt ihr als reines Geschenk in den Schoſs.
Ein Mietling dagegen, dem die Begeisterung
für Seinen Beruf fehlt, an dem dazu das
Scharfe Kinderauge Nachlässigkeiten und
PflichtversSäumnisse entdeckt, bemüht Sich
vergeblich darum. Methodische Ungeschick-
lichkeit, die Schwierigkeiten auf Schwierig-
keiten Sich häufen und Langeweile ent-
Stehen läſst, hindert das Aufkeimen des
Vertrauens. Wo man übermälſsige An-
forderungen Stellt und den Schüler mit
Arbeiten überbürdet, wo durch empfind-
liche Strafen erzwungen werden Soll, was
der falschen Lehrart nicht gelingen konnte,
da wird ein etwa vorhandenes Vertrauen
getötet, und der Schüler greift notgedrungen
zu Täuschung und Betrug. Wer aber mit
Seinem Unterrichte Lernlust und frisches
Leben zu wecken versteht, dem iliegt ge-
wöhnlich auch das kindliche Herz zu.
Das Zutrauen wird dann auch keineswegs
beeinträchtigt, wenn der Lehrer einmal ein
Nichtwisszen bekennt oder einen Fehier
eingesteht. Vielmehr wird oit gerade da-
durch, daſs der Lehrer einen Irrtum ängst-
lich zu bemänteln Sucht, das erste Loch
in das Vertrauensverhältnis gerissen. Wie

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