618
in diesem Falle der Lehrer durch Mangel
an Wahrheitsliebe den Zweifel an Seiner
unbedingten Glaubwürdigkeit Selbst her-
vorruft, 850 auch dann, wenn er in Gegen-
wart des Vorgesetzten anders unterrichtet
als Sonst oder wohl gar zur Unwahrhaftig-
keit verleitet. EbensSowenig kann ein rechtes
Vertrauensverhältnis aufkommen, wenn der
Lehrer es an Gerechtigkeit fehlen läſst,
wenn er die Kinder reicher und vornehmer
Eltern anders behandelt, als die aus ein-
facher und armer Familie, wenn er Seinen
Lieblingen ein Vergehen ungeahndet hin-
gehen läſst, das er bei andern Streng be-
Straft. Verderblich wirkt auch die Launen-
haftigkeit, die an dem einen Tage als
Schweres Vergehen betrachtet, was Sie an
dem andern als Bagatelle behandelt. Da-
gegen bringt der Schüler demienigen gern
Vertrauen entgegen, der Billigkeit in der
Beurteilung der Leistungen walten läſgst,
der Geduid mit den Schwachen hat und
dessgen ganzes Auftreten von wohlwollender,
ernster und gleichbleibender Liebe getragen
iSt. Die Selbstlose Liebe hat eine ge-
winnende Macht, weil sie für die Leiden
und Freuden der Jugend teilnehmendes
Verständnis hat. Sie kennt nicht die un-
nahbare Würde eines Schulmonarchen,
Sondern leiht einer offenen Aussprache,
Soweit Sie Sich bescheiden äuſsert, gern
das Ohr. Sie hofft auch nicht Vertrauen
erwecken zu können durch jene Schwäch-
liche Nachgiebigkeit, die alles entschuldigen
will und gich nie zu einer kräftigen Ab-
wehr von Ungebührlichkeiten aufschwingen
kann. Ernste Strenge verträgt gich viel-
mehr recht gut mit der gewinnenden Liebe,
die der Jugend gern vertraut, und die,
weil Sie Vertrauen Sät, auch Vertrauen
erntet. Das Kind muls wissen, daſs es das
Vertrauen des Lehrers besitzt, und man
muis Sich hüten, dieses Vertrauen durch
kleine Vorkommnisse leicht und bald zu
entziehen. Je länger ein gutes Verhältnis
bestanden, desto weniger darf ein Lehrer
zu erkennen geben, daſs man Seiner Er-
wartung vielleicht auch nicht entspreche.
Selbst wenn der Schüler Sich des Ver-
trauens einmal nicht würdig gezeigt hat,
SO muls doch der Lehrer zur Wieder-
herstellung des alten Verhältnisses Schon
dann bereit Sein, »wenn der Zögling auch
nur an den dürftigsten Anzeichen zu er-

Vertrauen zum Lehrer -- Verwahrlosung
kennen gibt, daſs er Sich wieder anschlieſsen
will.« (Ziller.) Nicht Scharf genug kann
man deshalb jenes Miſstrauen geiſseln, das
eine jugendliche Torheit gleich zum Ver-
brechen sStempelt, das überall Faulheit und
BogSheit, Lüge und Schlechtigkeit wittert
und eben dadurch vielleicht Solche Eigen-
Schaften groſszieht. AndrersSeits darf frei-
lich das Vertrauen, das der Lehrer dem
Schüler entgegenbringt, nicht in allzu gut-
mütige Vertrauensseligkeit und Leicht-
gläubigkeit ausarten, wobei der klare Blick
für das wahre Wesen des Schülers verloren
geht. Es muls der Autorität des Lehrers,
der Grundlage des Vertrauens, Schaden,
wenn er Sein Vertrauen groben oder langen
Täuschungen preisgibt.
Die Entstehung und Erhaltung eines
rechten VertrauensverhältnisSes zwischen
Lehrer und Schüler kann auch durch das
Haus Stark beeinfluſst werden, und zwar
günstig, wenn im Hause mit Achtung von
der Schule und dem Lehrer gesprochen
wird und deren Maſsnahmen Unterstützung
finden; ungünstig, wenn man den Lehrer
als Schreckbild gebraucht oder ihn in
Gegenwart der Kinder einer milſsliebigen
Kritik unterzieht.
Literatur: Ziller, Aligem. Pädagogik. --
Niemeyer, Grundsätze der Erziehung und des
Unterrichts. =-- Schmid, Encyklopädie. -- Salz-
mann, Krebsbüchlein. -- Oppel. Das Buch der
Mütter. -- Mathias, Praktische Pädagogik für
höhere Lehranstalten. -- Kuhn, Die Lehrer-
persönlichkeit im erzieh. Unterricht. Leipzig
1898. -- Weimer, Der Weg zum Herzen des
Schülers. München 1908. -- Artikel: »Persön-
lichkeit des Lehrers« und »Anhänglichkeit«.
Eisenach. C. Kuhn,
Verwahrlosung
1. Begriff. 2. Symptomatologie und Ätio-
logie. 3. Behandlung.
1. Begriff, Das Wort »Verwahrlosung«
(von mhd. »warlös«, d. i. ohne die nötige
Be- oder Verwahrung) wird Sowohl im ob-
jektiven, als auch im Subjektiven Sinne ge-
braucht.
Objektiv bedeutet es den gänzlichen
Mangel der dem Kinde gegenüber ge-
botenen leiblichen und geistigen Fürsorge,
wozu die Eltern oder ihre Stellvertreter
verpflichtet Sind. Subjektiv angewandt, be-
zieht es Sich zumeist auf die Zustände

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.