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Die Reformen, die Seit längerer oder
kürzerer Zeit an die Tore der deutschen
Volksschule klopfen, hier näher zu kenn-
zeichnen, ist nicht möglich. Nur auf zwei
Gegenstände, die teilweise Eingang gefunden
haben und allmählich mehr Boden ge-
winnen dürften, muls kurz hingewiesen
werden. Die preuſsische Schulstatistik gibt
1901 zum ersten Male an, in wieviel
Volksschulen Knabenhandarbeitsunterricht
erteilt wird, und 1906 werden zum ersten
Male die Schulen mit Haushaltungsunter-
richt gezählt. Es ist auffällig, dals die
Knabenhandarbeit 1901 in 514, 1906 da-
gegen nur in 499 Schulen betrieben wurde.
Also ein Rückgang. In Sechs Regierungs-
bezirken wurde 1906 dieser Unterricht in
keiner Schule und nur in vier Bezirken
(Oppeln, Arnsberg, Düsseldorf, Aachen)
in mehr als 25 Schulen erteilt. Eine eiwas
Stärkere Verbreitung hat der hauswirtschaft-
liche Unterricht gefunden. Er war 1906
in 657 Schulen eingeführt, nicht vertreten
in fünf Bezirken, in mehr als 25 Schulen
vertreten in Sieben Bezirken (Potsdam,
Oppeln, Schleswig, Minden, Arnsgberg,
Düssgeldorf -- hier in 152 Schulen -- Köln).
Von erheblichem Einfluſs auf die Aus-
dehnung des Werkunterrichts waren in
den letzten Jahren die Veröffentlichungen
Kerschensteiners. Inwieweit die Bestre-
bungen, der Erziehung mit Hilfe der Kunst
und für die Kunst die Volksschule zu er-
Schlieſsen, von Erfolg gewesen Sind, ent-
zieht Sich der exakten Darstellung, da
Statieticche Aufnahmen nicht Sstattgefunden
haben.
Literatur: Die Verhandlungen im Hause
der Abgeordneten über den Gesgetzentwurf, be-
treffend die Beaufsichtigung des Unterrichts-
und Erziehungswesens. Vollständiger Abdruck
aus den Stenographischen Berichten. Berlin
1872. -- Dr. Falks Reden, I. Teil. (Verlag und
Erscheinungszeit nicht genannt.) -- Staat oder
Geistlichkeit in der Schule. Stenographische
Berichte der Verhandlungen des Abgeordneten-
und Herrenhauses über das Schulaufsichtsgesetz.
Berlin 1872. -- Die Beaufsichtigung des Er-
ziehungs- und Unterrichtswesens. Gesetz vom
11. März 1872. Mit erläuternden Anmerkungen
aus den Motiven, Verhandlungen usw. Ebenda
1872. -- Die Schulära Falk. Ein Beitrag zur
Schulgeschichte und Schulreform von Ernst
Deutschmann. Frankfurt a. M. 1884. -- Das
Verhältnis der Volksschule Preulsens zu Staat
und Kirche. Von V. Rintelen, Geh. Qber-
Justizrat. Paderborn 1888. -- Geschichte des
preuſsischen Unterrichtsgesetzes von L. Claus-

Volksschule, Die -- Volksschule, allgemeine
nitzer. Bis auf die neueste Zeit fortgeführt
von H. Rogin. Hamburg 1908. -- Die Gesetz-
gebung auf dem Gebiete des Unterrichtswesens
in Preuſsen vom Jahr 1817-1868. Aktenstücke
mit Erläuterungen. Berlin 1869. -- Die deutsche
National-Volksschule. Vortrag auf der 20. all-
gemeinen deutschen Lehrerversammlung in
Hamburg von Wichard Lange. Hamburg 1872.
-- Pädagogische Zeit- und Streitfragen. Von
Paul Schramm. München 1874. - Pädagogik
im Grundriſs von Prof. Dr. W. Rein. Stuttgart
1890. -- Pädagogik für höhere Lehranstalten
von Cl. Nohl. Berlin 1886. -- Wegweiser zur
Fortbildung deutscher Lehrer in der wissen-
Schaftlichen und praktischen Volksschulpäda-
gogik und zum Ausbau derselben von H.
Scherer, Schulinspektor in Worms a. Rh. Leipzig
1892. -- Lehrpläne, Jahresberichte, Jubiläums-
Schriften von VolksSschulen des Deutschen
Reiches. -- Siehe auch Literaturangaben bei
dem Artikel »Unterrichtsgesetzgebung«.
Berlin. 1. Tews.
Volksschule, allgemeine
1. Erläuterung. 2. Gründe dafür. 3.
Gründe dagegen. 4. Einrichtung.
1. Erläuterung. Unter der »allgemeinen
Volksschule« versteht man einen drei- bis
- vierjänrigen Unterbau der Gesamt-Volks-
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Schule, einen Elemeniar-Kürsus, der von
allen volksschulpflichtigen Kindern aller
Stände besucht werden Soll. Die allgemeine
Volksschule steht also der »Vorschule«
gegenüber, deren Existenzberechtigung als
Standesschule Sie nicht anerkennt, deren
Beseitigung Sie anstrebt. Die » Vorschule«
iSt ein Produkt Norddeutschlands, während
die allgemeine Volksschule in Süddeutsch-
land, namentlich in Bayern, geltende Schul-
form ist. Dals Sie auch in anderen Staaten
und Städten bevorzugt wird, dürfte be-
kannt Sein.
In Osterreich umfaſst die allgemeine
Grundschule fünf, in Basel vier, in Zürich
Sechs, in Frankreich Sieben, in den Ver-
einigten Staaten von Nordamerika acht
Schuljahre.
Welche Gründe sprechen für die »all-
gemeine Volksschule« ?
2. Gründe für die Einrichtung der
allgemeinen Volksschule. 1. Unter den
Gründen, die für gie Sprechen, Steht oben-
an ein Sozialpolitisecher. Man geht von
der Tatsache aus, daſs die Entfremdung
unter den verschiedenen Klassgen und
Berufsständen in unserem Volke und da-

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