Volksschullehrerbildung -- Vorbereitung des Lehrers -- Vorbild -- Vorlaut, Vorwitzig
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digen Besuch der Volksschule für den
künftigen Volksschullehrer nicht aus-
zusSchalten wagte, daſs man auf den Zu-
gang aus den Landschulen und den klein-
bäuerlichen Kreisen nicht verzichten wollte,
endlich, daſs die Staatsregierungen es nicht
glaubten riskieren zu können, den regel-
mäſsigen Bedarf an Lehrkräften von den
wechselnden wirtschaftlichen Verhältnissen,
welche die Berufswahl der von Realschulen
Abgehenden vorzugsweise beeinflussen, ab-
hängig zu machen. Sachsen hat das Ver-
dienst, in einer nicht unrühmlichen Ge-
Schichte diesen Typus vorgebildet zu haben.
Aber es wäre ein Irrtum, ihn für fertig zu
halten. Wir denken dabei nicht an die
Schon oben erwähnte Bewegung zu Gunsten
eines Siebenten Bildungsjahres, auch nicht
an die mit überlegener Sicherheit auf-
tretenden Bestrebungen nach der Methode
Dr. Eisenbart, die Seminare einfach auf-
zuheben und die Ausbildung der Volks-
Schullehrer an die Universität zu verlegen,
noch an die theoretischen Versuche, den
Anstalten durch andere innere Zweck-
bestimmung oder durch einen veränderten
Lehrgehalt die Existenz zu retten. Auch
Schulen wollen historisSch betrachtet Sein,
Sie Sind nicht die Ergebnisse theoretischer
Überlegungen, Sondern Erzeugnisse prak-
tiScher Bedürfnisse, welche, einmal da, Sich
anpassen und entwickeln und Sich nicht
beseitigen lassen wie Wirtshauskonzessionen.
Zur Zeit handelt es Sich darum, die SechS-
klassige Anstalt SO auszubauen, daſs Sie
Sich in den Organismus des Schulwegens
einfügt, ihre besondere Aufgabe in der
bestmöglichen Weise löst und eine Bildungs-
form repiägentiert, geschickt, Männer zu er-
ziehen, welche nicht nur mit dem nötigen
beruflichen Wissen und Können ausgerüstet
Sind, Sondern auch, ohne fertig zu Sein,
Lust und Fähigkeit besitzen, Sich überall
Selbst zu helfen, mit andern Worten das
Sechsklassige Seminar muſs zu einer wirk-
lichen höheren Schule werden, oder um
mit den Worten eines Osterreichischen
Seminardirektors zu reden: » Unsere Lehrer-
bildungsanstalt ist 50 auszugestalten, daſs
Sie für ihren allgemein bildenden Teil
mitten zwischen Gymnasium und Realschule
einen neuen Typus einer vollkommen eben-
bürtigen Mittelschule bilde, mit allen Vor-
zügen beider und ohne die Mängel beider. «

Daſs damit »ein vierter Strang zur Universität
gebaut werde«, ist dann nicht nur kein
Vorwurf, Sondern darf recht eigentlich
mindestens als Nebenziel in Anspruch ge-
nommen werden. Wenn all das, was in
den Anstalten angelegt ist, zu rechter
Entfaltung gebracht wird, So ist die Reife für
das akademische Studium ein natürliches
Ergebnis.
Auf diesem Boden Sollten Sich jetzt alle
Bestrebpungen zu Gunsten des Deutschen
Seminarwesens zuSammenfinden. Es muſs
freilich der Theorie unbenommen bleiben,
der Entwicklung der Lehrerbildung für die
Zukunft Wege zu weisen, aber sie darf
nicht da, wo konkrete Ziele die Arbeit
vereinter Kräfte fordern, Sich hemmend in
den Weg Stellen.
Literatur: Die amtlichen Ausgaben der
Seminar-Lehrpläne, insbesond. Janke, Deutsche
Schulgesetzsammlung. Jahresberichte einzelner
Anstalten.
Kaiserslautern. C. Andreae.
Vorbereitung des Lehrers auf den
Unterricht
s. Präparieren
Vorbild
Ss. Pergönlichkeit des Lehrers
Vorlaut, Vorwitzig
Vorwitz (Fürwitz) war ursprünglich
gleichbedeutend mit Neugierde, Lüsternheit
nach Neuigkeiten, erlangte aber Später die
Bedeutung Sich vorwagender Wilſsbegier,
leichtfertig Sich vordrängender Klugheits-
äuſserung und wurde in Gegensatz gebracht
zum Nachwitz, der hintennach angewandten
Gescheitheit, dem esprit d'escalier (Treppen-
verstand) der Franzosen. In diesem Sinne
redet beispielsweise Herder von »lüsternem
Vorwitz und reuigem Nachwitz«. Be-
zeichnet demnach Vorwitz ein vorzeitiges
Wissgenwollen, So bedeutet vorlautes Wesen
ein vorzeitiges, unangemessenes Reden bezw.
Redenwollen. Häufig treten beide ver-
bunden an. Der Vorwitzige ist dem
Superklugen (s. d.) verwandt, der Vorlaute
dem Schwatzhaften. Das Wort La Bruyeres
(Charaktere S. 81): »Es gibt Menschen,

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