910
die Vorstellungsmasse Schon vermindert,
die vorher 80 frischen Bilder der Phantasie
Sind Schon etwas verblaſst. Die Abschwä-
chung Setzt Sich die folgende Zeit über
fort, und zuletzt tritt Unlust und Unver-
mögen an Stelle der Lust, bis dann Pflicht-
gefühl und innerer Zwang ihn endlich an
die Ausführung treibt. Soll aber jener
Plan Sofort als Kilassenaufsatz verarbeitet
werden, So ist die eben geschilderte Lust
ja vorhanden, und doch geht auch da
wieder viel verloren auf dem Weg vom
Kopfe durch die Feder aufs Papier. Die
Schüler Schreiben vier, fünf Stunden lang,
und wie dürftig und mager erscheint jetzt
oft die vorher 80 glänzende Fülle der Ge-
danken! Wie anders flieſst es dagegen hin
bei Sofortigem mündlichen Vortrag; da
werden auch die Anakoluthien und Wieder-
holungen geduldet und nicht ais Fehler
aufgemutzt; das Ringen mit dem Ausdruck
iet ein neuer, Sonst unbekannter Reiz, jedes
Gelingen ist eine Stärkung des Willens und
des Selbstgefühls, ein Erfolg, der Später
immer Schönere Erfolge auf diesem Gebiete
in Aussgicht stellt. Vor allem macht kein
Liebäugeln mit einem bereits ansgearbeiteten
Manuskript, keine Gedächtnisanstrengung
den Vortragenden befangen und unsicher.
Wenn nun hinterher der bereits ge-
haltene mündliche Vortrag zur Niederschrift
aufgegeben wird, dann Sollte es Seltsam
zugehen, wenn man nicht einen günstigen
Einfluſs Spürte auf die Gewandtheit im
Schriftlichen Ausdruck. Der letztere krankt
in der Schule daran, daſs die Schüler ihren
Aufsatz Selten gewohnt Sind als lebendige
Rede zu denken; wüchse der Aufsatz mehr
aus lebendiger Rede hervor, dann mülſste
er entschieden Selbst lebendiger, freier, flie-
ſSender werden und vor allem eine lo-
gischere Gedankenfolge aufweisen.
So harren auch auf diesem Gebiete noch
manche Fragen ihrer praktisechen Lösung
und gibt es Arbeit genug für die Schul-
praxis kommender Jahre. Ist auch in
Deutschland die Kunst der freien Rede
wieder erweckt durch Parlament und Ver-
einsreden aller Art, 80 muſs doch die freie
Rede bei uns entschieden noch mehr Leben
und Beweglichkeit erlangen , technisch auf
eine viel höhere Stufe gebracht werden,
muls noch Sehr viel an Länge und Lang-
weiligkeit einbülsen; die Fähigkeit, Schön,

Vortrag, mündlicher und Seine Pflege im Schulunterricht
gut, zündend, überzeugend und auf den
Willen wirkend zu reden, muſs in noch
viel weitere Kreise getragen werden, und
dazu muls der Schulunterricht entschieden
noch mehr helfen, als er bisher getan hat.
Literatur: Ackerknecht, Zur Aussprache
des Schriftdeutschen, in Lyons Zeitschr. für
deutsch. Unt. 1906. -- Becker, Vortrag von Ge-
dichten im Chor. Lyon. Bd. 6, 766. -- Berg,
Zur Hygieine der Stimme. Lyon. Bd. 10, 486.
-- Bremer, Deutsche Phonetik. Leipzig 1893.
-- Diesterweg, Beiträge zur Begründung der
höheren Leselehre oder Anleitung zum logi-
Schen und euphonischen Lesen. 2. Aufl. Kre-
feld 1834 (trotz vieles Veralteten noch immer
lesenswert, das Grammatische Stützt Sich auf
Becker). - Dräger, Lautlehre und Aussprache-
übungen im Deutschen, in »Mädchenschule«
3, 207. Bonn 1890. -- Engel, Ideen zu einer
Mimik. 2 Bde. Mit Kupfern. Berlin 1875
(trefflich, verdient Neudruck). -- Erbe, Viermal
Sechs Sätze als Grundlage für eine Verständi-
gung über däie Aussprache des Deutschen.
Im Maitre phonetique 1896, S. 152. -- Fauth,
Die Notwendigkeit der Übung im lauten, freien
und zusgammenhängenden Sprechen. Lyon
a. a. O. Bd. 5, 801. -- Foltz, Behandlung
deutscher Gedichte. In der »Mädchenschule«.
Bd. 1, 403. Bonn 1888. -- Franke, Ist eine
einheitliche Aussprache d. Schriftdeutsch. er-
Strebenswert. Lyon. Bd. 2, 422. -- Gloel,
Über dramatische Schüleraufführungen. Lyon.
Bd. 7, 386. -- Goethe, Regeln für Schauspieler.
-- Grabow, Die diaiektirgeie Aussprache des
Deutschen, in Herrigs Archiv 1875. Bd. 54,
S. 378. -- Grünwald, Über die Pflege des
mündlichen Ausdrucks an den höheren Schulen.
Lyon. 1899, 672. -- Gutzmann, Vorlesungen
über die Störungen der Sprache. Berlin 1893.
-- Hartung, Methodische Richtlinien für den
LesSevortrag in höheren Schulen. Jahrb. des
Vereins für wissenschaftliche Pädagogik. 12,
1. -- Heine, Zur Geschichte der Aussprache.
Lyon. Bd. 7, 451. -- Heſs, Vom richtigen
Legen. Programm der höheren Mädchenschule.
Kaiserslautern 1883. -- Hessel, Behandlung
deutscher Gedichte, in »Mädchenschule«, 2,
233. Bonn 1888. -- Ders., Über die Pflege
eines guten Vortrags für Poesie und Prosa.
Ebenda 7, 129 (1894). -- Ders.. Über die Pflege
der deutschen Aussprache beim Unterricht.
Ebenda 9, 49 (1896). -- Ders.. Etwas über
Gedichtelesen in der Schule, in der deutschen
Schulzeitung 1889, Nr. 45f. Berlin. -- Ders.,
Schreib- und Lesefibel. Bonn (auf phonetischer
Grundlage). -- Hiecke, Der deutsche Unter-
richt auf deutschen Gymnasien. Leipzig 1842
(dies Sonst ausgesSeichnete Werk behandelt
S. 188--195 den Vortrag in Form weniger
wertloser Bemerkungen), -- R. Hildebrand,
Vom deutschen Sprachunterricht in der Schule.
2. Auil. Leipzig 1879. -- Ders., Zur Geschichte
der Auvssprache. Lyon. Bd. 7, 153, 449. -
Hoffmann, Zum Accent- und Sprachrhythmus.
Lyon. Bd. 8, 757. -- Kehr, Praxis der Volks-
Schule. 8. Aufl. Gotha 1877. (Das Dekla-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.