Berufswahl und Berufsberatung 77
Über den Weg, der bei der Aus- und Fortbildung der Berufsberater einzu-
ſchlagen iſt, beſtehen freilich bisher noch manche Meinungsverſchiedenheiten. Wäh-
renv zum Teil die Anſicht vertreten wird, der Beruf des Berufsberaters müſſe
einen regulären Ausbildungsgang aufweiſen, der demjenigen der ſtaatlich aner-
kannten Wohlfahrtspfleger(in) anzugleichen ſei, vertreten andere die Auffaſſung,
der Eintritt in den Beruf des Berufsberaters dürfe überhaupt nicht von beſtimmten
Vorbildungen abhängig gemacht werden, da wirkliche Berufsberater nicht durch
irgendwelche Ausbildung geſchaffen, ſondern nur geboren werden könnten. Voraus-
ſetzung ſei lediglich für die, die die inneren Qualitäten zum Berufsberater beſäßen,
eine mehrjährige praktiſche Erfahrung in irgendwelchen Berufszweigen. Tatſäch-
lich erſcheint eine Anpaſſung des Berufs des Berufsberaters an den des Wohl-
fahrtspflegers nicht unbedenklich: die Berufsberatung iſt ein Teil der Wirtſchafts-
und Sozialpolitik und verfolgt daher weſentlich andere Ziele als die Wohlfahrts-
pflege und Fürſorge. Die Verufsberatung dient der Wirtſchaft, indem ſie ein
weſentlicher Faktor zur Produktionsſteigerung iſt, und dient ebenſo den Menſchen,
indem ſie dieſe in jene Berufszweige führen will, in denen ſie den ihren Nei-
gungen und Anlagen nach größten wirtſchaftlichen und ſeeliſchen Nußeffekt zu er-
ringen hoffen. Dieſe beiden Ziele, zu deren Erreichung ſich die Berufsberatung
freilich unter anderem auch der Mitarbeit von Wohlfahrtspflege und Fürſorge
bedient, ſeßen aber auf der einen Seite ganz umfaſſende volkswirtſchaftliche,
insbeſondere beruſsfkundliche, arbeitsmarkt- und berufspolitiſche Kenntniſſe und
auf der anderen Seite ein tiefes beruſspſychologiſches Wiſſen -- ſowohl nach
der objektiven wie nach der ſubjektiven Seite hin --- voraus, kurz Erfahrungen
und Kenntniſſe, die ſich doch ganz beträchtlich von den an die wohlfahrtspflege-
riſche und fürſorgeriſche Ausbildung zu ſtellenden Anforderungen unterſcheiden.
Aus dieſen und ähnlichen Erkenntniſſen heraus hat die bisher in Preußen zu-
ſtändig geweſene oberſte Landesbehörde, das Miniſterium für Handel und Ge-
werbe, es ſowohl vermieden, den Eintritt in den Beruf des Berufsberaters von
der Abſolvierung eines beſtimmten Ausbildungsganges oder irgendwelcher Prüfung
abhängig zu machen, als auch eine enge Verbindung der berufsberateriſchen Aus-
bildung mit der des Wohlfahrtspflegers und Fürſorgers abgelehnt. Um ſo eifriger
wurde jedoch die Fortbildung der Berufsberater in Angriff genommen. In fünf
Lehrgängen, von je 10wöschiger Dauer, die in die Jahre 1925-1927 fallen und
in Berlin, Düſſeldorf, Frankfurt a. M., Hannover und Breslau abgehalten wurden,
hat das Preußiſche Miniſterium für Handel und Gewerbe eine ganz beträchtliche
Anzahl Berufsberater fortgebildet und ſo in hohem Maße dazu beigetragen, die
Arbeit der Berufsberatung auf ein weſentlich höheres Niveau zu heben.
Um ein anſchauliches Bild zu geben, was für Wiſſensgebiete in dieſen Lehr-
gängen den Berufsberatern vorgetragen wurden, und um zu zeigen, wie mannig-
faltig und umfaſſend das Wiſſen des Berufsberaters ſein muß, ſei im Folgenden
der Lehrplan des Frankfurter Lehrganges wiedergegeben.

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