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er jedoch ſelber eine Armenſchule, die ſchnell zu
hohem Anſehen gelangte. Wie Peſtalozzi ſich für
die armen 1. verlaſſenen Kinder aufgeopfert hat,
möge hier nur angedeutet werden. Da3 Nähere
ſ. unter „Peſtalozzi“. Sein Geiſt wehte auch in der
zu Hofſwyl gegründeten Anſtalt Fellenbergs (ſ. d.),
ie für viele A. vorbildlic) wurde. Fellenbergs
Zdeen erhielten ihre praktijche Aus8geſtaltung dann
erſt in vollem Umfange dur< Wehrli (ſ. d.). Dieſem
verdienten Pädagogen zu Chren wurden die nach
dem Hoſwyler Muſter errichteten A. Wehrliſchulen
genannt. =- In England gründete man ebenfalls
A. (Pauper Schools), u. zwar für die Kinder der=
jenigen Leute, die aus öffentlichen Mitteln Almoſen
erhielten. Außer dieſen hatte man „Lumpen-
ſchulen“ (Ragged Schools) für die von ihren
Eltern verlaſſenen u. verwahrloſten Kinder.
II. Gemeinde-Freiſchnlen. Al8 die Städte
ſich des Schulweſens mehr u. mehr annahmen,
trat auch an ſie die Frage heran, weiche Ein-
richtungen jie trefſen follten, um den Kindern
unbemittelter Eltern eine den Zeitverhältniſſen
angemeſſene Schulbildung zu vermitteln. Viel-
fach wurden milde Stiftungen zu dieſem Zwecke
gemacht. Doch genügte das nicht. Man fonnte
auch den Lehrern nicht zumuten, daß ſie auf das
Schulgeld, ihre faſt einzige Einnahmequelle, ver=
zichteten, obſchon Beweiſe von bewunderns8werter
Opferwilligkeit unter ihnen nicht ſelten waren.
Da blieb denn den Städten nicht3 übrig, als für
die Kinder der armen Leute da8 Schulgeld zu zahlen,
fall3 jie es nicht vorzogen, ſelbſt A. zu errichten.
Verſchiedene Städte wählten den lehtern Weg u.
errichteten „Freiſchulen“ (ſranzöſ. Beolos gra-
tuitos), jo genannt, weil ſowohl der Unterricht wie
die Lernmittel der Schüler aus öffentlichen Mitteln
bezahlt wurden. Die erſten öffentlichen Freiſchulen,
von denen wir hören, wurden von Papſt Alex-
ander VIII, 1655 in Rom errichtet. Wien folgte
mit der Gründung der erſten Freiſchule i. J. 1774.
Noc< ſpäter beſann ſich Berlin auf ſeine Pflicht,
errichtete dafür 1827 aber auch gleich eine ganze
Anzahl Freiſchulen. Mädtig gefördert wurde die
Sorge für die armen Kinder durch den allmählich
allenthalben eingeführten Schulzwang. Nungingen
auch die kleinern Städte u. die Dörfer dazu über,
durch Erlaß des Schulgeldes u. Lieferung der
Lernmittel od. durc) Errichtung von Freiſchulen
den Kindern der Armen den Schulbeſuch zu er=
möglichen. Der erſtere Weg war der billigere.
Wenn dennoch manche Städte den zweiten wählten,
jo geſchah dies vornehmlich, weil die wohlhabendern
laſſen ihre Kinder vor dem Verkehre mit den
Kindern aus den niedern Kreiſen bewahren wollten.
Man kann dieſen Wunſd verſtehen, ohne ihn
u billigen, wenn man ſich die Leben8verhältniſſe
er armen Leute in frühern Zeiten vergegenwärtigt.
Die erbärmlichen Wohnungen, die große Dürſtig-
feit 1. der geringe Sinn für Sauberkeit brachten
es mit ſich, daß die armen Kinder in ihrer äußern
Erſcheinung oft viel zu wünſchen übrig ließen.
Armenſc
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Nicht ſelten waren ſie auch mit ekelhaften u. an-
ſte>enden Krankheiten behaftet. E3 unterliegt daher
keinem Zweifel, daß die Freiſchulen, auch wenn
ſie ihren Zwe> durc die faſt überall durchgeführte
nentgeltlichfeit de3 Unterricht3 nicht verloren
hätten, dennoch aus ſozialen Rückſichten in Deutſch-
land nad) u. nad) eingegangen ſein würden. Nicht
minder hat das Beſtreben der Wohlhabenden, ihre
Kinder von den andern aus Geſundheit3= u. Rein-
lichfeitsrücſichten abzuſondern, ſeine Berechtigung
verloren durc behörden u. Lehrer der Geſundheitä8pflege widmen.
Und ſo ſind denn heute in Deutſchland wohl alle
Freiſchulen aufgegeben,
111. Schwierigkeiten dieſes Unterrichts.
Selbſtredend war der Unterricht an den Frei=
ſjhulen nicht leiht. Nicht nur die ſchlechte Er-
ziehung, die viele Freiſchüler zu Hauſe erhielten,
erſc größere Widerwille der Eltern gegen den Scul=
zwang. Da e3 damals Kinderſchußgeſeße noh nicht
gab, konnten die Kinder nämlich leichter als heute
dur) Arbeit etwas verdienen, u. der Verdienſt wog
die zu zahlenden Geldſtrafen auf. So war denn
der Schulbeſuch unregelmäßig, u. da3 Haus wirkte
der Schule entgegen. Endlich wurde der Unter=-
richt in den Freiſchulen dadur erſchwert, daß dieſe
ſelbſt in großen Städten in der Regel ein= od. zwei=
flaſſig waren. Dennoch erinnere ich mieh mit
Freuden der Jahre, während deren ich zuerſt mit
meinen Kollegen von der Zahlſchule gemeinſchaftlich
in der Freiſhule unterrichtete, ſie dann aber frei=
willig allein übernahm, damit dem für die Er=
ziehung ſo nachteiligen Fachlehrer?yſtem ein Ende
gemacht würde, Die böſen Erfahrungen, die aus
der ſ Schüler3 mit allen ihren Folgen erwuchſen, wurden
reichlich aufgewogen durd) die Freude an den ſicht=
baren Erfolgen meiner Tätigkeit bei der Mehr=
zahl der Schüler, die ſchließlich ſaſt dur Sauberkeit, Beſcheidenheit u. Intelligenz den Zahl=
ſchülern nicht nachſtanden.
Man hört bis8weilen die Behauptung, die
Vorſ höhern Lehranſtalten angegliedert ſind, machten
die Volköſhulen zu A. Obſchon viele Be=
denfen gegen die Vorſchulen berechtigt ſind, ſo
iſt jene Behauptung doch übertrieben. Bei den A.
wird eine Minderheit ausgeſchieden u. als arm
u. darum in den Augen mancher Kinder u. Eltern
auch als minderwertig gekennzeichnet. Bei den
Vorſchulen dagegen wird eine verhältni3mäßig
geringe Zahl von Kindern wohlhabender Eltern
der Volksſhule entzogen, während leßtere Kinder
au3 den untern, mittlern u. teilweije auch den
obern Bevölkerungsklaſſen auſnimmt. Von einer
Avſonderung ver armen Kinder iſt alſo keine
Rede.
Literatur. Zellweger, Die ſ dazu die Lehrbücher der Geſchichte der Pädagogik,
bef. Stö>l (21880). [H. Brück]

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