721
Lange, Geſch. d. Materialismus (2 Bde, 81908);
Stäudlin, Geſch, d. Rationali8smus u, Supranatu-
rali8mus (1826) ; IJ. Kremer, Das Problem der
Theodizee in d. Philoſ. u. Literatur des 18. Jahrh.
(13. Ergänzungsheft der Kantſtudien).
[I--IV Switals8ki, V Roloff.]
Deklamation, 1. Begriffsbeſtimmung.
Deklamieren u, rezitieren ſind verwandte Aus-
drüce, die wir den Nömern verdanken, Rezitieren
bedeutet vorleſen, wurde aber auch vom auswendig
gelernten Vortrag gebraucht (vgl. Nähere3 im Art.
Redeübungen), Die Deklamatoren hielten in den
Nhetorenſchulen remoto pulpito (d. h. nac) Weg
räumung des Katheder8) ſtehend au8wendig ge
lernte Reden, wobei ſie an Kraft der Stimme u.
an Geſten nicht ſparten. Goethe hat eine Schei-
dung der beiden Begriffe gegeben: „Die R ez i-
tation iſt ein Vortrag, der zwiſchen der kalten,
ruhigen u. der höchſt aufgeregten Sprache in der
Mitte ſteht. Der Rezitator legt auf das Schauer-
liche den ſchauerlichen, auf das Zärtliche den zärt-
lichen, auf das Feierliche den feierlichen Ton.
Aber dies ſind bloß Folgen u. Wirkungen des
Eindrucs8, den der Gegenſtand auf den Rezitieren=
den macht. Ganz anders iſt e8 bei der D. od. der
geſteigerten Rezitation. Hier muß ich meinen an-
gebornen Charakter verleugnen u. mich ganz in die
Lage u. Stimmung desjenigen verſehen, deſſen
Nolle ich ſpiele.“ Dieſe Negeln gelten aber nur
für Schauſpieler ; neuere Theoretiker wollen beide
Vortragsarten bloß al3 verſchiedene Stufen auſf-
faſſen, „deren Verwendung nicht durch die Rük=
ſicht auf den Vortragenden, den Ort u. die Hörer,
jondern lediglich durch den Geſamtc Dichtung u. innerhalb einer ſolchen dur< die
Natur der einzeinen Stelle bedingt iſt“ (Parow).
II. Bedeutung der D, für Erziehung u.
Unterricht. Gegenüber dem vielfältigen Nußen
der D. müſſen die dagegen geäußerten Bedenken
(Veranlaſſung zur Eitelkeit, Anleitung zur Schau-
ſpielerei, ungeſunde Stachlung de8 Ehrgeizes bei
den fähigen, Erzeugung von Mutloſigkeit bei den
ſc gemeinſamen Lektüre von klaſſiſchen Stücen deut=
ſcher wie ausländiſcher Poeſie erhoffte Nußen wird
erſt dur in der D. gewinnt die Dichtung Leben, Dekla-
mieren iſt gewiſſermaßen Nachdichten. Erſt das=
dur<, daß der Schüler ſich durch Memorieren ein
Gedicht zu eigen macht u, e8 gut vorträgt, lernt
er e3 ganz verſtehen. Der laute, freie Vortrag
wirkt auch der Sprachfaulheit, der Neigung zum
Flüſtern entgegen u, verhindert, daß durd< Sens
kung de3 Kopfe3 die der Stimmbildung dienenden
Organe zuſammengeſchnürt werden. Die D. bringt
Leben in den abſtrakten Unterricht, vermittelt das
Bewußtſein eignen Könnens u. gewöhnt zudem
an ſicheres, freies Auftreten, zumal wenn dorauf
geſehen wird, daß jeder derartige Vortrag vom
Podium herab zu halten iſt. Daher wurde ihr
Wert auch in der pädagogiſchen Literatur ſtet3
Deklamation.

722
betont, Herder forderte 1796 in einer Schulrede
zu fleißigem Vortrage von Gedichten auf. Die
D. „gibt der Rede ſowohl al3 der Seele eine große
Vielförmigkeit u, Gewandtheit. Die Zunge, das
Ohr, das Gedächtnis, die Einbildungskraft, der
Verſtand u. der Wiß werden geübt, Deklamieren
bildet nicht nur die Schreibart, ſondern e3 prägt
die Form der Gedanken ein u. weckt eigne Ges
danken, e8 gibt dem Gemüt Freude, der Phantaſie
Nahrung, dem Herzen einen Vorgeſchma> großer
Gefühle, u. erweckt, wenn das bei uns möglich iſt,
einen Nationalcharakter“.
III. Methodik der D.8übungen. Vorbedingung
für eine gute D. iſt ein möglichſt erſchöpfendes
Verſtändnis de8 zu Deklamierenden, ein deutlicher,
vollendeter Vortrag des Lehrers u. genaues, ſicheres
Auswendiglernen. Dem Einüben der D. muß
eine Erklärung vorangehen, die ſich auf Gedanken-
inhalt, Kunſtform, Einteilung, ſprachliche u. ſach=
liche Schwierigkeiten erſtre>t u. deren Ausführlich-
keit fich nach der Klaſſenſtufe richtet, Der Lehrer
trägt dann das Gedicht bei geſchloſſenen Büchern
vor, wobei auf Ausſprache, Pauſen u. Betonung,
Tempo, Tonſtärke, Tonhöhe u. Tonfärbung zu
achten iſt. Ob dabei auch Geſten anzuwenden
ſeien, iſt eine pädagogiſche Streitfrage. Weiſc3
Maßhalten darin empfiehlt ſich ſicher; bei den
deflamierenden Schülern verzichtet man beſſer ganz
darauf, da ungeſchi>te od. unpaſſende Geſten zu
Störungen führen ; die richtigen, d. h. von innen
heraus kommenden, ſtellen ſich allmählich ganz von
ſelber ein. Vor allem dulde man kein falſches
PathoB3 u. ſuche jede Unnatürlichkeit im Keime zu
erſtiden. Die in derſelben Stunde folgende Me=
morierübung muß dem Schüler das Wichtigſte
der Betonung ſchon mit nah Hauſe geben, wobei
Chorſprechen (ſ. d.) nach Taktierung gute Dienſte
leiſtet. Auch dur man da3 geſprochene Wort unterſtüßen , ent=
weder indem man die Schüler betonte Silben,
Pauſen u. dgl. im Buche mit Bleiſtift anmerken
läßt, od. indem man die einzelnen Verſe mit
wagerechten Strichen in verſchiedener Höhe u. mit
Betonungözeichen an die Tafel ſchreibt; 3. B.:
,
„ſt da3 dein Knabe, Tell ?“ (Palle3ke.) In der
nächſten Stunde überzeugt ſich der Lehrer durch
Abſragen, wobei jeder Schüler einen kleinen Ab=
ſchnitt herſagt, ob die ganze Klaſſe da8 Gedicht
eingeprägt hat. Dann erſt treten einzelne Schüler
vor u. deklamieren das ganze Stü>. Fehler, bes
jonder3 dialektiſche Unreinheiten, haſtige3 Sprechen
u. Leiern ſind jofort zu verbeſſern. Ein derartiges
„Einpauken“ iſt beſonder3 bei großen Klaſſen eine
der ſchwierigjten Auſgaben des ſprachlichen Unter-
richt3 ; gar vielen ſind durch ein ungeſchi>tes Ver-
fahren dabei herrliche Gedichte, wie Schiller8
Balladen, auf der Schulbank für3 Leben verekelt
worden, Der Lehrer muß ſich bemühen, den Stoff
dur kleine Kunſtgriffe immer wieder intereſſant zu

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.