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höherer Schulen (1903; Beilage zum Jahres»
beri Th. Matthias, Kieiner Wegweiſer durch die
Schwankungen u. Schwierigkeiten de8 deutſchen
Sprachgebrauchs (21906),
Die Wortbildungslehre, die ebenfalls
auf Tertia (am beſten Obertertia) zu erleilen iſt,
muß ſich von zu eingehender Behandlung de3
Stoffes frei halten. Der Unterricht hat lediglich
die Sprache der Gegenwart in8 Auge zu faſſen
Vv. ihre Formen durch geſchichtliche Darſtellung
wichtigſter Beſtandteile einigermaßen zu erklären.
Alles tiefgründige Heranziehen hiſtoriſcher Gram
matik u. ihrer oſt ſchwer faßbaren Eicie iſt hier
vom Übel, zumal die Schüler dieſer Stuſe für das
Geſchichtliche in der Sprache noch wenig Verſtänd»=-
ni8 beſihen. Nur ſo wird die Wortbildungslehre
keine neue Belaſtung, ſondern Erfriſchung u. Er=
quiung. Nur ſo kann ſie ihrer Aufgabe gerecht
werden, Dinge zu zeigen, die ſchon zutage liegen,
d. h. die Augen zu öffnen.
„Ihrem Namen entſprechend hat ſie über die
verſchiedenen Arten der Wortbildung zu unter=
richten. Danach entſtehen im Deutſchen die Wörter
3) durch Veränderung des Stammvokal8, bd) durch
Erweiterung der Stammſilben (Anfügung von
Präfizen u. Suſſizen), 6) durch Zuſammenſekßung
ſelbſtändiger Wörter,
Die Veränderung der Vokale in den Stamm=
filben iſt grundlegend für das Verſtändnis der
deutſchen Sprache. Sie erfolgt a) durch Ablaut
(vgl. : binde, band, gebunden; aber auch: die
Binde, der Band [da3 Band], der Bund); b) durc
Umlaut (a zu ä, o zu ö uſw. ; vgl. Plural der ſtarken
Deklination: Gaſt, Gäſte; die 2. u. 3. Perſon
Sing. Ind. Präſ. innerhalb der ſtarken Kon=
jugation : ich trage, du trägſt; ferner die Kom=-
paration: alt, älter, älteſt); €) durch Brechung
(Wechſel zwiſchen e u. i, o u. u; vgl. nehmen, aber
du nimmſt, er nimmt, nimm; Gold, Gulden,
gülden).
Ein andre8 Prinzip der Wortbildung iſt die
Erweiterung der Stammſilben : ſie kann erfolgen
durch Suſſixe (der Subſtantive), wie : =-er (Sang
=- Sänger), --in (Graf -- Gräfin), --ing u.
--ling (Haupt =- Häuptling), ==e (Güt--e), --t
(Trach---t von tragen, Gif--t von geben), --ung,
-=-nis, =-ſal, --lein, --“ --ſchaft, --ie od. =-ei (Melodei). Dieſes lezte
Suſſfix weiſt auf die Geſchichte des Fremdworts
hin, das kurz, mit beſonderer Rücſicht auf Frank-
reich (13. u. 17. Jahrh. ; vgl. Palaſt u. Palais),
herangezogen werden kann, Andrer Art ſind wieder
die Suſſixe der Adjektive, wie: ---en (eich--en,
buch--en), =-iſch (vgl. närr--iſch , büb---iſch),
--ig (vgl. müß--ig), --lich (vgl. männ--lich),
-=-haft (meiſterhaft) u. =-bar (frucht--barz;
vgl. Verwandtſchaft mit ferre u. pepe) u. ſchließ
lich) die Suffixe der Verben.
Nicht weniger bedeutſam zur Aufhellung ver=
ſtaubter Wortbeſtände iſt die Beſprechung der
Deutſcher Sprachunterricht in höhern Schulen.

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Vorſilben od. Präfixe. Manche (wie ant--, ge--,
ur=-, er=-1, erz=-) ſind heute nicht mehr verſtänd-
lich u. können durch Verdeutlichung einem bisher
gleichgültigen Worte (wie: antworten, Geſelle,
ke erkennen) neue Farbe u. neues Leben ver-
leihen. Aber auch manche durch bloße Zuſammen=-
jezung entſtandene Wörter ſind verdunkelt u.
können erklärende Beſprechung erfordern; vgl. :
Adler = adel--ar = edler Aar, Karwoche =
Klage--woc Wal---küre = die auf der Walſtatt (Schlachtfeld)
Wählende. .
Durch derartige Verdeutlichung der Suffixe u.
Präfixe od. auch ſelbſtändiger Wörter u. der wich»
tigſten Ablaut= u. Umlauterſcheinungen können
verblaßte Wörter plößlich in neuer Klarheit u.
Lebensfriſche geſchaut u. begriffen werden. Um den
Schülern einen deutlichen Begriff von der reichen
Bildungsmöglichkeit der Sprache u. dem dadurch
entſtandenen Wortſchaße zu vermitteln, laſſe man
öfter3 zuſammengehörige Wortgruppen (Wort-
ſamilien) auſſuchen u, zuſammenſtellen, z. B. Siß,
ſihen, Seſſel, Beſiß, beſißen; Saß, ſehen, Seßung,
Setßer, Setling, ſeßhaft, Geſeß, anſäſſig, Truch»
ſeß, ſiedeln, anſiedeln, Einſiedler uſw. Sie ge
winnen ſo dur etymologiſche3 Eindringen in den
Wortkörper den unmittelbaren Einblik in den
Bedeutungswandel, in das fließende u. geheimni8=
volle Leben der Sprache ſelbſt. Das Gymnaſium
inöbeſondere wird bei ſolcher Gelegenheit auch
griechiſche u. lateiniſche Wörter heranziehen, d. h.
über die indogermaniſchen Zuſammenhänge orien=
tieren. ES iſt in der glücklichen Lage, auf dieſem
Wege eine oſt überraſchende Fernſicht zu eröffnen.
Neal= u. Mädchenſchulen müſſen mit Hilfe des
Franzöſiſchen u. Engliſchen auf engerm Gebiete
Ähnliches erſtreben. An dieſer Stelle ſind die
fruchtbaren Anregungen von R. Hildebrand (Vom
deutſchen Sprachunterricht in der Schule [121910])
beſonders zu nennen. An kunſtvoll u. lehrreich
durchgeführten Beiſpielen wird hier die Pflicht
entwidelt, die in der Sprache verſteten Bilder u.
Anſchauungen in farbiger Unmittelbarkeit wieder
aufleben zu laſſen u. eine Spur geiſtigen Lebens
zu entdecken, wie e3 aus deutſcher Art u. Sitte,
deutſchem Gemüt u. eigenartigem Denken u.
Wollen aufquillt u. in ſprachlihe Gebilde hin=
überſließt.
Manche dieſer Aufgaben, wie die umfaſſendere
Beſprechung de8 Bedeutungswandels, ſind indes
nicht mehr der Obertertia, ſondern den oberſten
Klaſſen, inöbeſondere der Oberſekunda, zu über=
weiſen, wo im Anſchluß an die mhd. Lektüre des
Nibelungenliedes mittelalterliche Sprachformen be-
handelt u. im Zuſammenhang damit die wichtigſten
Erſcheinungen der deutſchen Sprachgeſchichte in
Mundart u. Schriftſprache erörtert werden können.
Der erſte amtliche Lehrplan, der mhd. Lektüre
in die höhere Schule einführte, war der „Ents=
wurf der Organiſation der Gymnaſien u. Real-
ſhulen in Öſterreich“ (1849), Auf preußiſchen

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