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Appetitloſigkeit u. ganz beſonder8 ſcheinbar urſach»
Joje Schlafloſigkeit von übler Vorbedeutung,
Auf ſeeliſchem Gebiete zeigt das Gefühls»
Jeben von Natur aus heiter, Selbſt hochgradige Heiter-
eit iſt erſt dann verdächtig, wenn ſie unbegründet
auftritt od, das genannte Umſchlagen aus vor»
Heriger Verſchloſſenheit vy. Stumpſheit in die ent»
gegen eſehte Stimmung zeigt. Traurigkeit hält
eim Kinde ſelten lange an, ſelbſt nicht bei ſchweren
Urſachen (3. B. Lei Todesfall), Nachhaltige Ge»
müadepreſſinen (j. d.) ſind zumeiſt krankhaft,
ebenſo maßloje Reizbarkeit u. Weinerlichleit, Wo
biöher ordentliche Kinder ohne nachwei3bare Ver»
führung durch ſchlechte Kameraden plöhlich an»
angen zu lügen, renommieren, ſtehlen, betiteln,
vagabundieren, ſchimpfen u. fluchen (auc im Bei»
ſein der Cltern od. Lehrer), liegen meiſt krankhafte
Charalterveränderungen vor. Die intellektu»
elle Seite des Seelenlebens iſt krankhaft ver»
ändert, wenn innerhalb weniger Wochen eine auſ-
wes Abnahme der Leiſtungen ſich zeigt, wobei
eder Verdacht auf Einwirkung ungünſtiger Fak-
ioren ausgeſchloſſen ſein muß, wie Überladung mit
körperlichen Arbeiten im Elternhauſe, Onanie,
ſchlechte Geſellſchaft uſw. Ein Merlmal bietet oft das Verhalten der Auf»
merlſamkeit. Dieſe iſt auch in geſunden Tagen
bei Kindern oſt wochenlang geſtört. Frankhaft
wird das aber erſt, wenn das Kind die Fähigleit
zum Achtgeben verliert, wenn bereits auf kleinſte
eize eine ſtarke Ablenkung erſolgt u. ſich eine
ganz unverhältni3mäßige, vorzeitige Ermüdung
einſtellt. Anderſeit3 kann auch ein Verſagen der
Auſmerkſamkeit ſogar auf ſtarke äußere Reize ein»
treten, wobei die Kinder teilnahm» u. weſenlo3
in3 Leere ſtarren. Die Häufung ängſtlicher 1.
ſchredhafter Träume u. mehr noch eine krankhaſte
Steigerung der Phantaſietätigkeit im wachen Zu»
ſtande bis zur wirklichen Sinnestäuſchung (vgl.
Bea nalionen, Illuſionen) mahnt zur größten
orſicht.
Endlich zeigt auch das Triebleben des
Kindes Störungen in Form von auſſälliger Haſt
y. Unſtetigkeit, jeltener in veitsötanzähnlichen u.
andern Bewegungen. Das Handeln ſteht vſt unter
dem Drucke des Zwanges.
V. Die ausgebrochene Pſychoſe iſt weniger
ſchwer zu erkennen, Wo der PBädagog deutlich ge-
warnt wird, ſollte er ſtet3 auf Hinzuziehung des
Arztes dringen. Eine baldige Unterbringung in
einer Irrenanſtalt iſt oſt das einzige Mittel, zu
retten, was noch zu retten iſt. Da3 Vorurteil des
Volke3 gegen derartige Anſtalten, die doch aud)
nur Hoſpitäler mit ſpezifiſch erkrankten Perſonen
ſind, kann oft gerade von ſeiten de3 Lehrers wirk»
[am bekämpft werden. Das Wiſſenswerte über
ie Pſychoſen iſt unter den einzelnen Erkrankung»
ſormen nachzuſehen. C3 kommen als Jugend»
pjychoſen in Betracht : Hebephrenie, Domontia
pravcox, maniſch depreſſives Irreſein ſowie epi»
Dialekt -- Diglektik,

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Teptiſche u. hyſteriſche Zuſtände u. Angſineuroſen
(Entartungsirreſein). Die Symptome der aus»
gebrochenen Pſychoſe laſſen ſich etwa folgender»
maßen ?urz gruppieren: Die Affekiſtörungen des
nervöſen Kindes nehmen einen hohen Grad an u.
dOgentleſgehende Crregungenod. änzliche Apathie.
Der Vorſtellungsablauf iſt au8geſprochen krankhaft
ehemmt od, flüchtig bis zur Zuſammenhangloſig»
eit, od. er wird durch Zwangs8» u. Wahnvor-
ſtellungen (Sinnes8täuſhungen, Empfindungs»
ſtörungen uſw.) ſchwer beeinträchtigt, E8 erſcheint
eutliche Gedähtni8» 1, Urteil8ſchwäche. Das
andeln zeigt krankhaften Bewegungsdrang od.
ewegungsträgheit u, wird ebenfalls durch Angſt,
Zwang u. Wahn tiefgehend beeinflußt. Endlich
treten Deſekthandhmgen auf, od. das Handeln
fut auf die niedrigſte Stufe rein automatiſcher
ewegungen herab.
Literatur. Die Lehrbücher der Pſychiatrie
von Binswanger u, Siemerling (81911), Kraepelin
(2 Bde, 81909 |), v. Krafſt»-Cbing (? 1903), ſowie
Ih. Ziehen, Leitf. d. phyſiol. Pſychol. (*1911).
[W. Bergmann.]
Dialekt j. Mundart.
Dialektik, Die D. hat für die Geſchichte
de8 Bildungsweſen8 da3 doppelte Intereſſe, daß
ſie eines8teils durch Jahrhunderte einen Lehrgegen-
ſtand bildete u. anderſeits die Vorläuferin der
Didaſltik als Lehrkunſt war. Das Stammwort
von D., da3 griechiſche 6a tyeoda, bedeutet
urſprünglich : ſich etwas anseinanderlegen, über
denken, erwägen; aber unter Einwirkung des
verwandten Wortes 8182.6406 („Zwiegeſpräch“) er-
hielt e8 den Sinn von: ſich unterreden, geſprächs»
weiſe erörtern, diökutieren, In beiden Bedeutungen
hat es von vornherein einen übeln u. einen guten
Nebenſinn. Als der erſte Dialektiker gilt der Eleat
Zeno (um 450 v. Chr.), der in den Begriffen
von Raum, Zeit u. Bewegung unlößbare Wider»
ſprüche nachzuweiſen ſuchte, alſo ein unfruchtbare,
ſpihfindiges Überdenken übte. Demgegenüber gab
Sokrate8 dem Diskutieren einen wertvollen Jn-
halt: ſeine D. iſt ein geſprächsweiſes Belehren, bei
dem der Mitunterredner zum Selbſtfinden des
Geſuchten angeleitet wird, alſo ein heuriſtiſche3
Verſahren, vas ſich in dem Gemeinverſtändlichen
bewegt. Dieſe Lehrſorm nimmt Platon auf, der
in den meiſten ſeiner Dialoge dem Sokrate8 die
Geſprächſührung zuweiſt, nur erhebt er ſich vom
Gemeinverſtändlichen in das Spekulative u. fügt
den von Sokrate3 verwandten logiſchen Opera-
tionen: der Induktion u. Definition, die Cin»
teilung od. Begrifſsgliederung hinzu, Bei ihm iſt
die D. gleichzeitig eine Methode u. der Inbegriff
der philoſophiſchen Wahrheiten. Ariſtoteles
bezieht zugleich das Schließen u. Beweiſen ein u.
wird dadurch der Begründer der Logik. Er weiſt
die exakte Darlegung der Denkoperationen der
Analytik zu, der D. dagegen deren gemeinverſtänd-
liche Anwendung; ſie iſt ihm die Technik de3 Er-
wägens u. Ausmachens auf Grund der allgemeinen

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