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um e8 vor Überanſtrengung u, Dberlaſtung zu be»
wahren, Man iſt geneigt, die Leiſtungsſähigleit
der Schule zu überſchä en; man ſtellt ihr immer
neue Auſgaben, mutet ihr immer neue Fächer zu,
während doch die Aufnahmeſähigkeit der Schul»
jugend beſchränkt iſt. Iſt ein Eimer Waſſer ge»
üllt, jo mag man noch ſo ſehr zugießen, es wird
adurch nicht mehr, das Waſſer läuſt eben ab;
mit den Schülerköpſen u. dem Wiſſen iſt e8 ebenſo.
Die Schule iſt ſür das Leben, ſie iſt aber nicht
das Leben, u. dieſes kann den Menſchen noch
mande3 lehren, da3 die Schule nicht vorwegnehmen
ſoll, Man muß der Zeit u. der Zukunft auch
etwas iberlſſen u. nicht alles Wiſjenöwerte der
Schule zuweijen wollen. Auch ſoll man ſie nicht
für alle möglichen Mängel verantwortlich machen.
Sie hat ihre Schüler nur eine kurze Zeit de3 Tages,
in der übrigen machen ſich andre Einflüſſe geltend.
Da ſind die „geheimen Miterzieher“ tätig, Per»
ſonen u. Umgebung: Kameraden u. Erwachſene,
as Straßenleben mit ſeinen Schaufenſtern, das
Geſellſchaftöleben mit Spiel u. Sport, Feſtlich»
keiten u. Vergnügungen.
Ein Organ dient dem Organi8mus, iſt in ſeiner
Arbeitöleiſtung aber auch vom geſamten Organis-
mu3 abhängig. Jſt dieſer krank, ſo wird da3 ein-
zelne Organ mit angegriſſen. Die Schule ent»
nimmt ihre Schüler den verſchiedenſten Kreiſen;
ſind einzelne von dieſen Volksſchichten leiblich,
geiſtig od. ſittlich nicht mehr völlig intakt, ſo wird
auc ihr Nachwuchs dieſelben Mängel zeigen. Aus
Familien, in denen Nervoſität, Genußſucht, Ar-
beitömüdigleit heimiſch iſt, können keine wider»
ſtandsfähigen, arbeit8freudigen Schüler kommen.
Gewiſſe bedenkliche Zeiterſcheinungen, 3. B. die
Schülerſelbſimorde (ſ. d.), ſind in erſter Linie in
ſeeliſchen u, leiblichen Schäden der Geſellſchaft
begründet; die Schule hierſür verantwortlich zu
madchen, ?j? oberflächlicher D. Hat doch die Selbſt-
mordſucht auch ſchon au] das nod) nicht ſchulpflich»
tige Alter übergegriſſen
Nur der Einbli> in das richtige Verhältnis
von Wijjen u. Können, das Verſtändnis für die
Stellung des Fachwiſſens zum allgemeinen Bil»
dungzsideal, für die Aufgabe der Schule im Ge-
füge der geiſtigen Lebenzauſgaben der Geſellſchaft
y. Hlarheit über die Leiſtungsfähigkeit der Schule
verbürgen eine richtige Beurteilung dieſe3 wich»
tigſten Gliedes unſers Bildung8weſens. Wer
einen dieſer Zuſammenhänge überſicht, läuſt Ge-
jahr, oberflächlich, dilettantenhaſt zu urteilen, mag
er Schulmann od. Nichtſchulmann ſein, Ihm gilt
die Mahnung, die O. Fri> (ſ. d.) an die Be»
ſprechung dex Willmannſchen „Didaktik“ anknüpft:
- „Das Reſormgeſchrei der exoteriſchen Kreiſe iſt
groß, u. man iſt gewiß berechtigt, die Stimmen
Nichtſachverſtändiger in die Schranken zu weiſen,
Aber es möge auch der eſoteriſche Kreis der Schul»
männer ſich jagen, daß dieſes Necht ein ſehr zweiſel»
haftes iſt, jolange man e8 ausübt, ohne ſich zu»
gleich mit den Aufgaben einer wiſſenſchofilichen
Dinzer,

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Didaktik zu beſaſſen“ (Lehrproben u, Lehrgänge
S. 81).
1890, Hji 28,
[I. B. Seidenberger.]
Dinter, Guſtav Friedrich. I. Lebens»
gang, D. wurde am 29. Febr. 1760 zu Borna
(Königreich Sachſen) geboren. Der Vater, ein
reicher, ſtet8 heiterer Nechtsgelehrter, erzog den
Sohn zur Unerſchroenheit u. zum Freimut, die
ernſiere Mutter zur Neligioſität, Den erſten Unter»
richt empfing der Hnabe von ſeiner trenen Wär»
terin, der Wieſenhanne, der D. noch im Mannes»
alter ſeine Dankbarkeit bezeigte. Sein Hauslehrer
Stecher unterwies ihn gründlich in den alten
Sprachen, aber mangelhaft in der Religion, im
Deutſchen u. in den Realkenntniſſen. 1773 kam
D. nach Grimma auf die Fürſtenſchule. Die
Schülerſelbſtverwaltung, die dort nach Troßen-
dorſ3 Muſter eingerichtet war, brachte ihm eine
Menge icher, Sagten ihm dieſe wie die ge-
nauen Vorſchrijten über die Bewegung im Freien
u. die ſtändige Beauſſichtigung auch nicht zu, ſo
regte doch der Unterricht ihn an. Seine natürliche
Lehrgabe entfaltete ſich dadurch, daß er im wechſel»
ſeitigen Unterrichte al8 „Obergeſelle“ die jüngera
Schüler unterweiſen mußte, Seit 1779 ſtudierte
D. in Leipzig Theologie u. Philoſophie, promo»
vierte 1782 u, beſtand dann in Dreäden das
Examenpro Ministerio, „ohnetheologiſche Moral,
ohne Homiletik, ohne Katehetik, Paſtoralwiſſen»
ſchaft u. manches andre gehört zu haben". Darauf
wurde er Hauslehrer zuerſt in der Familie des
Kaufmanns Nichter in Leipzig, dann beim Kammer
herrn v. Böllniß auf Schloß Bendorf. Nach
ſeinem eignen Zeugniſſe war D. ſeinem Zöglinge
wohl ein guter Erzieher u. Geſellſchafter, aber ein
mangelhaſter Lehrer, da ihm Selbſtbeherrſchung
u. unterrichtliche Erfahrung fehlten. Hatte der
Schüler den Stoff einigermaßen begriffen, ſo
ging D. weiter, ohne feſt einzuprägen u. öſter zu
wiederholen, Fand er dann das meiſte bald ver-
geſjen, ſo ſchlug er voll Zorn den Zögling mit
geballter Fauſt in3 Geſicht, od. biß ſich in den
Ballen der rechten Hand ſo oft u. ſo ſtark, daß
er die dadurch entſtandene harte Haut erſt als
Pfarrer verlor. Gleichwohl blieb das Verhältnis
zu ſeinem Zöglinge u. deſſen Eltern gut.
1787 wurde D. Pfarrjubſtitut zu Kitſcher bei
Borna. Als Schulaufſeher widmete er der Schule
beſondere Aufmerkſamkeit. Er ſelbſt erteilte den
Religions» u. den Nechenunterricht, gab den
Lehrern Anweiſung zur Verbeſſerung der Methode,
ſührte den mehrſtimmigen Geſang ein 1. verwertete
praktiſch das Weſentliche der Unterricht8weiſe von
Bell»-Lancaſter (ſ. d.); ſein Hauptziel war: „Die
Kinder müſſen denken, ſprechen, ſühlen, ſrei u.
jröhlich ſein,“ Da er darüber klar war, daß die
Beſſerung der Schule Vertiefung der Lehrer»
bildung voransſehte, bereitete er ſelbſt geeignete
Jünglinge auf den Lehrerberuf vor u. machte ſein
Pfarrhaus zur Lehrerbildungsanſtalt, die Dorf»
ſchule zur Übungsſchule, Weil D.3 Lehramt83ög»

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