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altklaſſiſchen Stües zu eigenartigen philologiſchen
Zweien,
Zu Anfang des 19. Jahrh., nac der
Wiedererſtehung de3 Jeſuitenorden38 u. ſeiner
Schulen, wird au< dem Theater eine beſcheidene
Wiedererwekung zuteil; aber e3 iſt nicht mehr das
alte Schuldrama, es ſind, kurz geſagt, Auſſüh»
rungen beliebiger Stücke durch Schüler bei jährlich
wiederkehrenden od. beſondern Feſtanläſſen, In
der allerjüngſten Zeit, etwa ſeit 1870, wendet man
allgemein der Schulbühne al8 einem tüchtigen
Bildungs3mittel wieder mehr Auſmerkjamkeit zu,
u. wenn die r.eueſte Strömung zugunſten der Rhe:
torik an den höhern Schulen Erſolg hat, wird
wohl auch das Theater als förderliches Unter-
ſtühnngemittel erhöhte Beachtung finden.
I. Die verſchiedenen Arten der Auſſührung.
€3 iſt zu bedauern, daß P. Exp. Schmidt 0. PF, M.
ſeine gekrönte Preisſchrift „Die Bühnenverhält»
niſje des deutſchen Schuldrama3“ auf da3 16.
Jahrh. einſchränkte. Vielleicht aber dürfen ſeine
grundlegenden Ergebniſſe im weſentlichen auh auf
die Schuldramaturgie des 17. Jahrh,, mit Aus-
ſchluß der eigenartigen Jeſuitenbühne, übertragen
werden. Danach fehlte in den meiſten Fällen die
ſtändige Bühne ; da3 Straßburger Akademiſche
Gymnaſium entwickelte ſich als Ausnahme, u. e3
mußte ein geräumigere3s Schulzimmer zum Spiel-
raume hergerichtet werden. Feierlicher geſtaltete
ſich das Spiel, wenn ein Nathausſaal, das Ball-
haus od. gar der Markt ſür die Darſtellung über-
laſſen wurde; religiöie bzw. bibliſche Stücke durſten
auch wohl in einer Kirche gegeben werden, Ob
dabei überhaupt außer einem Podium etwas
Bühnenartige3 aufgeſchlagen wurde, iſt zweiſel»
haft; falls e3 geſchah, kann man ſich die Vor-
richtung nicht dürftig genug vorſtellen. Der Zweck
der Darſtellung war ja kein theatraliſcher, ſondern
zielte lediglich auf rhetoriſche Wirkung ab. Damit
erledigt ſich weiter von ſelbſt die Koſtümſrage.
Eine Verkleidung, beliebig gewählt, allenfalls mit
Berückſichtigung allgemeiner Stande3trachten,
diente nur dem Prunk u. der Schauſtellung, nicht
der hiſtoriſchen Wahrheit. Wenn eine Bühne er-
richtet wurde, ſo nahm man entweder die ſchr ein-
fache Terenzbühne zum Muſter od. paßte ſich der
erweiterten Myſterienbühne an. Die Geldſrage
ſpielte hierbei die ausſchlaggebende Nolle: die
armen Schulleiter wollten keine Anslagen machen,
ſondern möglichſt viel einnehmen; da3 war auch
er Grund, weshalb zuweilen die Aufführung in
Privathäuſern ſtattfand, um einen Gönner zu
ehren od. der erhoſjten „Verehrung“ wegen. Selbſt»
verſtändlich wurde ein Cintritt3geld erhoben.
Ganz anders lagen die Dinge für das Jeſuiten»
drama, Cin Kolleg der Geſellſchaft ohne Aula
od. Theaterſaal war gar nicht denkbar. Die Bühne
gehörte eben zum weſentlichen Beſtande der Unter-
richtömittel; dakann eher ein Zuvielal8 ein Zuwenig
getadelt werden. Vildeten do beiſpielsweiſe die
Jequitentheater in München u, Wien da3 Vorbild
Dramatiſche Aufführungen in der Shule,

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für die ſpätern Hofbühnen. Daß Dichtung u.
Bühne jowoh1 bei dem proteſtantiſchen Schuyldrama
wie auc< bei der Jeſuitenkomödie in Wechſelbe-
ziehung ſtanden, ſei nur nebenbei erwähnt. Wohl
hat es an den Jeſuitenſchulen ebenfalls ganz ein»
jache Stücke gegeben, die man Klaſſenübung od.
»prüfung nennen könnte, angepaßt der Alteröſtufe
u. Faſſungskraſt der jedemaligen Schule, von
der die Auſſührung beſorgt wurde, Als Jeſuiten=
komödie im engern Sinne aber galten nur die
Aufführungen, an denen ſich die ganze Anſtalt
al8 ſolche beteiligte u. die bei den alljährlich wieder»
kehrenden Schulfeſten od. bei außergewöhnlichen
Anläſſen ſtattjanden. Ein ſicherer Beleg für dieſe
Doppelgattung liefert nachgewieſenermaßen (Eu
phorion XII1 757 ff) das von Prof. B. Seuſſert
veröffentlichte „Wiener Genoveva-Drama"“ u. die
„Genoveva“ Avancini83, de3 berühmteſten öſter»
reichiſchen Zeſuitendramatiker8, Daneben ent»
wickelte ſich im Laufe der Zeit noch eine 3. Art
von Spielen, die ausſchließlich frommen Zweden
dienten, wie die Fronleichnamöſtücke nach Art der
Sakramentsſpiele Calderons od, die Krippen
anſſührungen am Weihnachtsöſeſt od. Oſterſpiele in
der Weiſe der alten Myſteriendarſtellungen. Über
die Art der Inſzenierung, der Einübung, der
Koſtümierung, kurz des ganzen äußern Bühnen»
apparats unterrichtet ein jeht wieder bekannt ge=
wordene3 Büchlein (Euphorion VIII 57 |f) des
Dramaturgen P. Franz Lang 8. 3. (+ 1725), der
40 Jahre das großartig angelegte Theater des
Münchner Jeſnitenkollegs leitete. Daraus erſicht
man, wie praktiſch u. den Schulzwecken gemäß
alles eingerichtet war. Au8nahmsweiſe konnte auch
einmal eine große Aufführung öſſentlich ſtatt»
finden ; das iſt für München zweimal bezeugt :
1574 „Der Triumphzug Konſtantins", der durch
die Straßen der Stadt führte u. an dem über
1000 Perſonen mitwirkten, u. 5 Jahre ſpäter das
Prunkſtück „Der Triumph de3 hl. Michael“ zur
Einweihungsfeier der neuerbauten Michaelskirche,
da3 auf dem Plaße vor der Kirche geſpielt wurde;
die mitwirkenden Geſangö<öre ſollen au8 900
Perſonen beſtanden haben. Da3 ging natürlich
weit über den Nahmen eine3 Schuldrama3 hinaus
u. hat den Nuf der Jeſuitenkomödie eher gemindert
als erhöht.
Die gegenwärtig beliebte Art der Schüler-
auſſührungen läßt ſich am fürzeſten dur< das
eine Wort kennzeichnen : Dilettantenbühne. Ganz
ſelten wird für die Schule ein eignes Stü ge=
ſchrieben. Am liebſten führt man klaſſiſche Werke
der deutſchen Literatur auf, auch an Shakeſpeare
u. Calderon wagt ſich die Schule ab u. zu. Die
Behandlung der Stücke iſt verſchieden: einzelne
Akte werden aufgeführt mit Ergänzung des Au3>
gelaſſenen dur den Vortrag eines Schülers, od,
e3 muß zuſammengezogen od. geſtrichen werden,
indem etwa die Frauenrollen anderöwie erſeht od,
ganze Szenen umgearbeitet werden müſſen, um
ſchnlgemäß zu ſein ; manche Stücke laſſen ſich, jo

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