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wie ſie liegen, unbedenklich von Schülern auf»
führen, u. das ſcheint das Wünſchenswerteſte.
Ohne Bühne, ſtändige od. improviſierte od. fremd
überlaſjene, kann man ſich die Aufführung eine3
modernen Stüdes8 ſchwer vorſtellen, ſowie auch
ohne irgendwie hiſtoriſches Koſtüm. Geiſtliche
Anſtalten, beſonders die Kollegien der Jeſuiten,
haben nach alter Gepflogenheit ſtattliche Bühnen
mit den neueſten Einrichtungen u. beſißen eigne
reiche Theatergarderoben,
1IT. Püdagogiſche Bedeutung. Die Ziele
de3 größtenteil3 proteſtantiſchen Schul-
dramas8 im 16, Jahrh. ſind quellenmäßig in
folgende 5 Punkte zuſammengefaßt worden :
„1. Beherrſchung der lateiniſchen Sprache nebſt
Übung de8 Gedäctniſſe3 für die lateiniſchen
Nedeanwendungen ; 2. Nedneriſche Ausbildung u.
beherzte38 Auftreten auch vor größerer Verſamm
lung; 3. Weckung de38 Ciſer3 bei Schülern,
„Schulherren“ u. Bürgerſchaft ; 4, Auſbeſſerung
der Lehrerbeſoldungen ; 5. Vertiefung de3 Ver=
ſtändniſſes ſür die Kunſtwerke der dramatiſchen
Dichtung =- dieſe8 Ziel aber nur in gewiſſen
Grenzen u. faſt bloß in Straßburg.“ Bei dieſer
Feſtſtellung iſt de8 polemiſchen Charakter3 nicht
gedacht, den die Stücke vielfach u. in dem Maße
zeigten, daß der Angriff auf katholiſche Einrich-
tungen im Gegenſaße zu der neuen Lehre Luthers
geradezu au8geſprochener Zwec> des Spiele3 war.
Die Stellung der Komödien im Schulbetriebe
derJeſuiten---bei den übrigen Ordensſchulen
war e3 ähnlich --- hat ein hervorragender Kenner
dieſer Schule, Prof. J. Zeidler, zutreffend geſchil=
dert: „Nicht auf Anſammlung von Wiſſen kam
es dieſer Schule an, jondern auf Geſtaltung der
Perſönlichkeit in körperlicher u. geiſtiger Hinſicht.
Hier ſollte alle3 Wiſſen u. Lernen der Schule in
Können umgeſeßt werden. Hier galt e8 überall,
je nach den vorhandenen Talenten, von der Theorie
zur Praxis, vom Wiſſen zu eigner Kompoſition
ortzuſchreiten. Dieſe Übung begann mit den ein=
achſten Sprechübungen u. Exerzitien, ſetzte ſich
ort in Deklamationen u, Konzertationen, war
lebendig in der Abſaſſung lateiniſcher Carmina,
zu der die Praktiken des Orden3 nach ganz be=
ſtimmten Negeln anleiteten, u. erreichte ihren
Höhepunkt in den glänzenden Theateraufführungen
des Orden3,.“ Doh könne man darüber rechten,
meint der gelehrte Forſcher, inwieweit eine ſolche
Erziehung wünſchenswert u. in ihren Zielen er=
reichbar ſei: im Zeitalter des Humani8mus u. der
Renaiſſance ſeien die bedeutendſten Pädagogen
Europas von dem Werte de8 Syſtem3 durch-
drungen geweſen? erſt die Epoche de8 Nationali3=
mus, die einſeitig auf Ausbildung der Verſtande3=
fräſte zielte, habe e3 zurückgedrängt, Und was
waren die vorgeblichen Gründe, we3halb die
Schuldramen bei einem nüchternen Geſchlechte in
Ungnade fielen? „Zeitverſäumnis“, „übler Koſten-
auſwand“ u. „Verſtellungskunſt“. Die Anſchul-
digung der „Zeitverſäumni8“ wird in der Ein-


Dramatiſche Aufführungen in der Schule.

910.
übung der Spieler gefunden. Dieſen Einwand
hat P, M. Denis 3. JI. (Barde Sined) entſchieden
zurükgewieſen mit der Verſicherung, „daß er
jelbſt, ſowie alle, denen das Wohl u. Wehe der
ſtudierenden Jugend beſonder8 am Herzen gelegen
hätte, als Leiter de3 Theater3 nur an ſchulfreien
Tagen u. zur Zeit der Erholung die jugendlichen
Spieler eingeübt hätten“. Und wie früher, ſo
wird e3 mit der Einübung auch heute noch auf
den Schulbühnen der Jeſuiten gehalten. Nicht ſo
einſach läßt ſich der zweite Tadel, der eine3 „übeln
Koſtenauſwande8“, zurückweiſen; e8 muß vielmehr
zugegeben werden, daß zuweilen große Ver-
ſchwendung vorgekommen iſt. Da3 war aber
Sache des ſog. Patronu3, der die Koſten der
Aufführung übernahm, u. da wurde eine äußere
Glanzentfaltung al8 Ehrenſache angeſehen ; von
ſeiten des Ordens wurden ſolche Überleiſtungen
nicht gebilligt. Der leßte Vorwurf „der Ver-
jtellungskunft", auch noch in unſrer Zeit wieder
holt, entfräſtet ſich ſelbſt durch die Erklärung von
Verſtellung u. Schülerdarſtellung; dabei werden
dod) keine Schauſpieler geſchult. Der eigentliche
Grund für das Verbot der lang gepflegten Schul=
übung de3 Dramas ſteht in Paulſen3 „Geſchichte
de3 gelehrten Unterricht8“ (1? 358): „Der mit
dem 18. Jahrh. auſkommende Geiſt des polizei-
mäßigen profaiſchen Utilitariämus.“
Die alte Jeſuitenpädagogif drückt da38 Ziel
ihre3 Theater3 in 3 Worten aus: „Die Schüler
ſollen ſtehen, gehen u. ſprechen lernen.“ Damit
iſt faſt nur der äußere Nußen der Aufführungen
gefennzeichnet, Goethe ſpricht in dem Lobe, das
er dem Regensbuyrger Spiele der Exjeſuiten ſpen=
det, „von der Freude an der Sache dabei u. von
dem Mit= u. Selbſtgenuß, womit man ſich hier
des Theater3 mit Kenntnis u. Neigung annimmt“.
3a, Freude an der Sache, Mit= u. Selbſtgenuß
ſeiten3 der Leiter de3 Spiele3, dann Freude an
der Sache, Mit-= u. Selbſtgenuß, fortgepflanzt
auf die jugendlichen Darſteller u. ſo der ganzen
Aufführung eingehaucht, das iſt die höchſte drama=
tiſche Wirkung, die allein ſchon eine Anerkennung
de3 Schultheater3 vollauf berechtigt. Eigne Nei=
gung der Jugend, ihre körperliche u. geiſtige Aus8=
bildung, Kunſtübung zugleich mit Kunſtgenuß,
darin liegt der weſentliche Nußen der dramatiſchen
Schülerſpiele, der bei geſchickter Leitung u, maß=
voller Ausübung durch keinerlei Nachteile beein=
trächtigt wird. Jn dem Sinne haben ſich wieder=
holt Direktorenverſammlungen für eine gemäßigte
Wiederaufnahme der alten Schüleraufführungen
günſtig au8geſprochen: „Dieſe haben unter den Bil=
dung38= u. Erziehungsmitteln der Schule einen zwar
untergeordneten, aber doch ganz berechtigten Platz
u, eine diejem entſprechende Behandlung im Schul=
leben zu beanſpruchen.“ „Und ſo hat ſich all=
mählich an den Gymnaſien u. andern höhern
Schulen die Sitte herau8gebildet, an Kaiſer3 Ge=
burt8tag u. an ſonſtigen patriotiſchen Gedenktagen
anſtatt der gewöhnlichen Deklamationen von den

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