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kennung zu ſeiner Ermutigung angebracht, u. wären
die tatſächlichen Fortſchritte noch ſo minderwertig.
Mit ansdauernder Sorgſalt läßt ſich auch in dieſen
Fällen manches erreichen. Das Gedächtnis kann
ſehr gefräſtigt werden. Auch die Bildung der Be=
griffe iſt bi3 zu einem gewiſſen Punkte mögli,
wenn man Schritt für Schritt die hierfür not=
wendigen Vorſtellungen angibt u. auf dieſe Weiſe
der geiſtigen Unbeweglichkeit des Dummen ent=
gegenarbeitet. Freilich gehört dazu viel Anſchau=-
lichfeit; der Lehrer muß ſich auf die rechte, allſeitige
Sinnesöſchulung verſtehen. Dem Handſfertigkeits=,
Zeichen- 1, Werkunterrichte iſt dabei beſondere
Bedeutung zuzumeſſen u. das ſinnliche Intereſſe
durch Bilder u. andre Mittel der konkreten Veran-
ſchaulichung zu erhöhen, Leider laſſen jedoch die
meiſt überfüllten Volksſchulklaſſen dem Lehrer für
gewöhnlich nicht die nötige Zeit, ſich mit dem
einzelnen allzu intenſiv zu beſchäſtigen, ſoll nicht
der Stand der ganzen Klaſſe darunter leiden. Um
dies ebenſo wie eine Vernachläſſigung der Dum=
men zu verhüten, ſind für dieſe in den leßten Jahr-
zehnten die ſegensreichen Sonderklaſſen u. Hilſ3-
jc die Stofſwahl wie auch das Bildungstempo u. die
auf möglichſte Anſchauung bedachte Methode ganz
den Bedürfniſſen der Unbegabten angepaßt ſind.
Neben der allgemeinen kann man eine partielle
D. beobachten. Schüler, die vielleicht in den
jprachlich-hiſtoriſchen Fächern Gute3 leiſten, ver-
jagen völlig auf dem Gebiete der Mathematik u.
umgekehrt, Hier iſt große Aufmerkſamkeit von
jeiten des Lehrer3 nötig, um den wahren Sach-
verhalt zu erkennen u. dementſprechend zu handeln.
Entweder liegt wirkliches Unvermögen vor; dann
gilt das vorhin Geſagte. Oder die Begabung für be-
ſtimmte Fächer entwickelt ſich langſamer als die für
die übrigen; dann fann eine gewiſſe Auſmunterung
zur Erhöhung der Neizempfänglichkeit nicht ſchaden.
Oder aber die angebliche partielle D. beruht nur in
Faulheit u. Intereſſeloſigkeit für dieſen od. jenen
Unterricht8gegenſtand ; dann iſt ſogar eine recht
nachdrüdliche Aufrüttlung am Plaße. Noch ſchwie-
riger iſt die Diagnoſe einer andern Form der D.,
an der mancher ſpäter hoc leibe aber nicht jeder, wie W. Oſtwald u. andre
Verkeßerer unſers höhern Schulweſens heute glau=
ben machen wollen! --- al8 Schüler gelitten hat; e8
ſei mur an Alexander v. Hmnboldt erinnert. Wa3
iſt e8, das nicht wenige von dieſen in der Schule
dumm erſcheinen ließ? Wenn es nicht ein dem
Fernerſtehenden unerkennbare8 Konzentrieren aller
geiſtigen Kräſte u. Strebungen auf das außerhalb
des Nahmen3 der Schule liegende ſpätere Spezial=
gebiet des Betreffenden war =-- vor allem bei
werdenden Dichtern u. Künſtlern iſt das beobachtet
worden ---, ſo zweifello3 die Tatſache, daß ſein
ganzes Geiſtesleben ſich de8halb langſam entwickeln
mußte, weil es eine ſeiner nachmaligen Tiefe u.
Höhe entſprechende, viel breitere u. beſſer fundierte
Baſis nötig hatte, deren Au8bau gerarme Zeit
Dummheit.

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beanſpruchte. Bei ſolchen Gelegenheiten kann ſich
der wahre pſychologiſche Scarfſinn u. Takt des
Lehrer8 bekunden, der bei der Beurteilung der
Begabung eine3 Schüler3 ſowohl ſeiner felbſt wie
des Zögling8 wegen nicht umſichtig genug ver-
fahren kann ; denn gar leicht wird leßterer mutlos
gemacht, die Entmutigung aber lähmt die Urteils=
raſt u. züchtet Dummköpfe.
11. Dummſchulung. Daß es möglich iſt, aus
geſcheiten Kindern dumme Menſchen zu machen,
iſt allgemein bekannt; ſchon der häuſig gehörte,
nichtönutßzige Vorwurf der Verdummung, den die
Freidenker der Neligion im allgemeinen u. dem
katholiſchen Glauben im beſondern entgegen=
ſchleudern, beweiſt e8. Und in der Tat gibt es ein
Wiſſen, da3 fowohl an ſich wie beſonder8 auch für
ſeinen Inhaber bloß negativen Wert hat. So
fonnte im 18. Jahrh. der Leipziger Profeſſor
Erneſti im Hinblick auf den damaligen Lernbetrieb
von einem stupor paedagogicus(Dummſchulung)
reden, dur< welchen „dem Knaben bei lange fort=
geſeßter Jagd auf Wörter (Sentenzen u. Phraſen)
die Fähigkeit, Gedanken aufzufaſſen, verloren ge=
gangen jei“, Dieſer 8tupor paedagogicus iſt auch)
heute noh eine ernſte Gefahr, u. zwar namentlich
ſür diejenigen, die mit mangelhafter Begabung
durch die höhern Schulen getrieben werden. Sie
müſſen jo viele geiſtige Speiſe in ſich aufnehmen,
daß ſie ganz außerſtande find, ſie zu verdauen u.
in lebenſpendende Kraft umzuſeßen. Kommt dann
noch dazu, daß der Unterricht langweilig u. „geiſt
tötend“ iſt, weil er auf die Form übertriebene3
Gewicht legt; daß die herrlichſten Autoren ---
Dichter wie Denker -- nicht ihres Inhalt3 wegen
geſchäßt, jondern bloß als eine Fundgrube gram=
matikaliſcher u. ſtiliſtiſcher Tüſteleien betrachtet
werden; daß das Gedächtnis überfüllt, Verſtande38=
u. Herzenöbildung aber vernachläſſigt wird, ſo
muß Jdeenarmut u. Verminderung der Geiſtes8=
ſchärfe u. Urteilskraft die notwendige Folge ſein ;
ganzen Völkern kann da3 paſſieren: China mit
ſeinem geiſtlojen Examensdrill iſt ein Beiſpiel da=
für. Widerfährt es doch ſelbſt Gelehrten zuweilen,
daß ſie „den Wald vor Bäumen nicht ſehen“ u. in=
ſolge einſeitigen u. intenſiven Grübeln38 im Rahmen
ihres vielleicht engbegrenzten u. weitentlegenen
Forſchungsfeldes ſich „dumm“ zeigen, wenn ſie
einmal über etwas im täglichen Leben ſchnell ur=
teilen jollen. Sogar der unverbildete gemeine Mann
hat dafür Verſtändnis gezeigt, indem er das Neim=
wort prägte: „Die Gelehrten die Verkehrten!“
Literatur. S. Kaliſcher, Was können wir
für d. Unterr. u. die Erziehung unſrer ſchwach-
begabten u. ſ 8. Strümpell-A. Spißner, Die pädag. Pathol,
(*1910); S Minderbegabung von Schulkindern (1900; in d.
Zeitſchr. f. Shulgeſundheitspflege) ; K. Lange, Die
Sqchwadhen i. d. Schule (1901); O. Loodſtein, Die
Erziehungöarbeit d. Schule an Schwacbegabten
(1901); F. Scholz, Die Charakterfehler des Kindes
(21912, hr8g. von J. Trüper), [E. M, Roloff.]

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