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vorwiegend depreſſiven Charakter3 (Angſt u, Zorn=
affekte) auszeichnen. In pädagogiſcher Hin-
ſicht bedürfen die A. genauer Beachtung u. Be-
rüäſichtigung, da es für den Lehrer wichtig iſt zu
wiſſen, ob gewiſſe Äußerungen des Aſfekt3 etwa
nur Folgen mangelhafter Erziehung od. aber
Außerungen einer krankhaften Anlage ſind. Was
zunächſt die Hebephrenie, das Jugendirreſein (von
dem meiſt in der Pubertät3zeit ſtehende Individuen
befallen werden, die ſich häufig bi8 dahin durch
gute Fortſchritte u. einwandſreies Betragen aus=
gezeichnet hatten), betrifft, ſo iſt hier die Unter-
ſcheidung weniger ſchwierig, da die andern neben
der Affeltſtörung vorhandenen Krankheitserſchei-
nungen das Beſtehen einer ſchwerern Erkrankung
bald erkennen laſſen. Ebenſo dürften die Zornaus=
brüche bei ſchwerern Fällen von Jdiotie ſowie bei
(Epileptikern (mit Krampfanfällen) durch die Be=
gleiterſcheinungen ſofort als Krankheit8äußerungen
erkannt werden. Schwerer werden ſchon die A. bei
Maniſch-Depreſſiven, bei leicht Imbezillen, bei
Hyſterikern, bei Cpileptikern ohne Anfälle u. bei
im übrigen volljinnigen Pſychopathen als krank=
haft zu erkennen ſein. Die abnorme Stimmungs-
lage der Maniſc äußere Anläſſe hin gern zum Affekt. So wird
die gedrücdte Stimmung des Melancholiker leicht
zum Angſtaſſekt, bei dem Selbſtmordgefahr nicht
ausgeſchloſſen iſt. Anderſeits entlädt ſich die mit
gehobenem Selbſtgefühl u. motoriſcher Unruhe
einhergehende Erregung des Maniſchen bei größern
Hinderniſſen leicht in Wutansbrüchen. Nicht ſelten
ſind ferner bei jugendlichen Imbezillen ſog. moria=
artige (mit läppiſcher Heiterkeit) Erregung3zuſtände
mit gelegentlichen Zornaus8brächen. Dieſe werden,
da ihre Unruhe ſich auch darin äußert, daß ſie
andern allerhand Streiche ſpielen, häufig nicht für
frank angeſehen. Auch bei Hyſteriſchen ſchließen
ſich an unluſtbetonte Vorſtellungen oft depreſſive
Affekte bis zum Auftreten von Konvulſionen uſw.
Anderſeits kann fich der depreſſive Aſſekt infolge
pſychiſcher Hemmung in Form von Troß u. Ver-
ſtetheit äußern, was pädagogiſch ſehr wichtig
iſt. Bei Epileptikern u. Pſychopathen endlich ſind
oft maßlos heſtige Zornafſekte für das Krankheits=
bild heiten mit Trübungen de8 Bewußtſeins während
des Anfalls einhergehen, ſo daß nachher die Er-
innerung für das Vorgefallene vollſtändig ſehlt.
Häufig ſpielt bei dieſen leztern Formen der Alkohol,
gegen den dieſe Kranken meiſt intolerant zu ſein
pflegen, die Nolle des agent provocateur. Cine
Perverſion der Affekte wird, abgeſehen von Schwad>-
ſinnigen, zuweilen bei Hyſteriſchen u. Pſychopathen
getroffen. Auch ohne etwa vorherrſchende melan=
Erſcheinungen gehört, können ſonſt luſtbetonte Vor=
ſtellungen einen depreſſiven Aſfekt auslöſen. Um=
gefehrt können Erlebniſſe, die gewöhnlich als un-=
angenehm empfunden werden, einen Luſtaſſekt im
Gefolge haben. So gab ein Pſychopath, der wegen
Affenliebe,

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Ausſchreitungen in einem Zornaffekt, von denen
er nachher nicht8 mehr wußte, vor Gericht ſtand,
an, daß er die meiſten Schläge in der Jugend de8=
halb erhalten habe, weil er bei Vorhalt od. Strafen
ſtet3 habe lachen müſſen. Au3 dem Obigen iſt er=
ſichtlich, daß Störungen des Affeki8 auf Grund=
lage einer ganzen Reihe von pſychiſchen Erkran=
kungen vorkommen können. Auffällig intenſive od.
ſehr häufige Affekte müſſen daher den Verdacht
auf das Vorhandenſein einer abnormen geiſtigen
Anlage als begründet erſcheinen laſſen. Da die
Entjcheidung für den Laien häufig fehr ſchwierig
iſt, jo iſt es für den Pädagogen dringend geboten,
daß er da, wo bei Jugendlichen derartige Affekt
äußerungen beobachtet werden, eine genaue Unter=
ſuchung auf das Vorhandenſein einer der oben-
genannten konſtitutionellen Störungen durch einen
pſychiatriſch vorgebildeten Arzt veranlaßt.
Literatur. Wundt, Phyſiolog. Pſychologie
111 (81911); v. Krafft-Ebing, Lehrbuch der Pſy-
der. Sammlung zwangloſer Abhandlungen aus
dem Gebiete der Nerven- u. Geiſteskrankheiten
(1905); I. 8. A. Koch, Pſyc keiten (1891 f) ; Oppenheim, Die erſten Zeichen der
Nervoſität im Kindesalter (81909) ; Emminghaus,
Die pſych. Störungen im Kindesalter (1887); Bin3=
wanger, Die Epilepſie (1899) ; derſ., Pathologie u.
Therapie der Neuraſihenie (1896). [E. Thoma.]
Aſſenliebe. So ſegensreich hingebende Liebe
für die Erziehung der Jugend iſt, ſo gefährlich iſt
jenes überzärtliche unvernünſtige Gebaren mancher
Eltern u, ältern Verwandten, da3 man A. nennt, *
Die Bezeichnung iſt der Beobachtung der Affen=
mütter entnommen, die ſich in eifriger Pflege u.
Liebkoſung ihrer Jungen nicht genugtun können.
Sie verrät zwar eine ſtarke natürliche Zuneigung
zum Kinde, aber ſie iſt nur zu ſehr mit Eigenliebe,
Eitelkeit u. Willensſchwäche durchſeßt u. entbehrt
jeder wohlüberlegten erzieheriſchen Abſicht. Viel-
leicht das auffallendſte Merkmal ſolcher Liebe iſt die
ſtändige Sorge um die augenblikliche Befriedigung
de3 Zöglings. Um dieſer Sorge willen wird ihm
keine Bitte abgeſchlagen, kein erfüllbarer Wunſch
verſagt, wird jede ernſte Anſtrengung des Leibes wie
de3 Geiſte3 vermieden : er wird mit einem Worte
verhätjhelt u. verwöhnt. Die Eigenliebe ſolcher
Eltern ſtellt das Kind über alles, weil e8 eben ihr
Kind iſt; ihre Eitelkeit läßt ſie ſeine Fehler über=
jehen od. beſchönigen, ihre Willensſ ſie ohnmächtig gegen jugendliches Aufbegehren.
-- Eine derartige Behandlung muß die übelſten
Folgen zeitigen. Ein von A, umhätſchelter Menſch
wird niemals lernen, Regungen der Selbſtſucht in.
ſich zu unterdrücken, ſeine Launen zu bekämpfen,
fich Wünſche zu verſagen, andrer Leute Meinung
u. Willen zu ertragen. Er wird im Hauſe der
Tyrann der eignen Eltern werden, deren kurz=
ſichtige A, er mit Liebloſigkeit heimzahlt ; er wird
in Schule u. Leben den Weg des Leidens gehen,
weil ſein empfindliches, eigenwilliges Weſen überall
Anſtoß nimmt u. erregt,

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