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theorie meinten. Die E. beſteht auch nicht bloß
in der böſen Luſt od. unordentlichen Begierlich»-
keit (vgl. d. Art, Begehrlichkeit), wie vor allem
die Neformatoren u. ſpäter Bajus u. Janſenius
lehrten. Auch Hermes u. Günther faßten da3
Weſen der E. bloß als eine Naturſchädigung auſ,
die Gott mißfalle, Dem allem gegenüber ſtellt
die Kirche feſt, daß die E. eine wahre Sünde iſt,
die jedem einzelnen Menſchen als ſeine eigne
Sünde innewohnt infolge der natürlichen Ab=-
ſtammung von Adam, Den Übergang der E.
durch Fortpflanzung lehrt das Tridentinum au8-
drücklich gegenüber dem Irriume von Pelagius,
der ihr Weſen in die Nachahmung de3 ſchlechten
Beiſpiels ſehte. Gegenüber einigen Lutheranern,
wie z. B. Matth. Flaciu3 JUyricus, die lehrten,
durch die Erbſünde ſei die Subſtanz (Weſen) des
Menſchen ſchlecht geworden (Subſtantiarier), lehrt
das Konzil die Möglichkeit der vollſtändigen Be-
ſeitigung der EC. durch die Erlöſung Chriſti. Das
Weſen der E. wird von der Kirche al8 „Tod der
Seele“ bezeichnet. Dieſer aber iſt nicht3 andres
al3 der verſchuldete Mangel der übernatürlichen
Heiligkeit u. Gerechtigkeit, der Vollkommenheit,
die allen Menſchen für ihre übernatürliche Be-
ſtimmung notwendig iſt. Die durc die Sünde
Adams verlorene heiligma perſönliches Gut des erſten Menſchen, ſondern ein
Gut für die ganze menſchliche Natur, wie ſie in
Adams Perſönlichkeit eins war. So iſt auc die
erſte Sünde Adams8 eine Sünde für die ganze
menſchliche Natur, nicht bloß eine perſönliche Sünde
Adams, ſie war eine Abwendung der Natur aller
Menſchen von ihrem übernatürlichen Endziele.
Darum ſind auch die Wirkungen der Sünde
eingetreten nicht bloß an Adams Berſon, ſondern
an der ganzen menſchlichen Natur, ſoweit dieſe
nicht durch eine beſondere göttliche Gnade von der
Sünde u. Schuld bewahrt blieb, wie die3 bei
Maria geſchah (Unbeſlec>dte Empfängnis). Die
Folgen der E. ſind teil8 natürliche, teil3 außer=
u. übernatürliche, teils diesſeitige, teils jenſeitige.
Die E. bewirkt die Beraubung der über- u.
außernatürlichen Gnaden de3 Urſtande3; dazu die
Schwächung u. „Verwundung“ der natürlichen
Seelenkräſte des Verſtande3 yu. Willens u. da3
Erwachen der Begehrlichkeit (ſ. d.); dann den
körperlichen Tod, die ihm voraus8gehenden u. ihn
begleitenden Leiden u. Mühſeligkeiten de3 Lebens
u. das Mißverhältnis zu den übrigen Natur-
dingen (vgl. Gn 1, 26); endlich den Ausſchluß
vom Himmel, Dieſe Strafe iſt aber nach dem
Konzil von Florenz anders geartet bei der E. al3
bei der Todſünde.
Getilgt wird alle8, was an Sündenſchuld in=
folge der E. auf der Seele iſt, durch die Taufe,
die uns da3 Verdienſt Chriſti, de8 zweiten Adam,
zuwendet. Der übernatürliche Zuſtand der Heilig-
keit u. Gerechtigkeit wird ſo wiederhergeſtellt, die
jenſeitige Strafe auſgehoben, der Zugang zum
Himmel eröffnet, Die diesſeitigen außernatür-
Rexikon der Pädagogik. 1.
Erbſünde,

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lichen Verluſte u. die Verwundung der Natur
bleiben al3 Wirkungen der E. auch nach der Taufe
beſtehen, jedoch nicht mehr als Strafe, ſondern
al3 Gelegenheit zu Verdienſten.
IL €, yu. Erziehung. „Bei der Lehre von der
E. ſcheiden ſich die Wege der Pädagogen“ (Die-
jterweg). E38 ind zwei Richtungen, die wir vom
Standpunkte der rücdweiſen müſſen. Die eine iſt die an die Reſor-
matoren ſich anſchließende u. aus ihren Anſchau-
ungen hervorgewachſene Richtung, wie ſie haupt=
ſächlich der Pietiömus des 17. u. 18. Jahrh.
pflegte. Da nach dieſer Meinung das Ebenbild
Gotte3 im Menſchen durch die E. nicht bloß ent-
ſtellt, ſondern zerſtört, der Wille dure die böſe
Begierlichkeit vollſtändig auf das Böſe gerichtet
war, ſo hatte hier die Erziehung nur die Auſgabe,
die „ſündige Individualität zu unterdrücken, damit
die Gnade den Menſchen wie ein unfreies Werks=
zeug lenke u. beſtimme. Da3 Kind mußte in
ſllaviſcher Furcht gehalten werden“. Die andre
Nichtung iſt die des pädagogiſchen Naturali8mus,
der vollſtändig den verderbten Zuſtand der Men-
ſjchennatur verkennt u. die E. leugnet. Dieſer
Naturalismu3, der ſich auf kirchlich-religiöſem
Gebiete ſchon ſehr frühe im pelagianiſchen Ratio=-
naliamus regte, beherrſcht vielfach bi38 in die
Gegenwart die Erziehungslehre. Jn die moderne
Pädagogik wurde dieſer Jrrtum zuerſt durch John
Locke (7 1704) mit ſeiner Schrift Some Thoughts
concerning Education (London 1693; deutſc
1883) eingeführt, im Anſchluß an die Essays
von Montaigne (+) 1592). Das klaſſiſche Buch
für den pädagogiſchen Naturalismus iſt aber
Emile ou de l'education (Amſterdam 1762)
von J. 3. Rouſſeau (ſ. d.). Sein Hauptgrundſaß
war: Der Neugeborne iſt gut. Zie Erziehung
hat nur dur Jſolierung ihn vor ſchlechten Ein-
ſlüſſen zu ſüßen, um ihr Ziel, den Naturmenſchen,
zu erreichen. Je mehr der Menſc ſeiner Naturtriebe überlaſſen bleibt, deſto beſſer
entwiclelt er ſich. Zur Charakteriſtik der Stellung
Nouſſeaus zur E. dienen ſolgende Worte: 1 'en-
ſant n'est mechant que parce qu'il est faible,
rendez-le fort, 11 Sera bon (Muvres V 90).
Le premier de tous les biens n'est pas l'au-
torit6, mais 1a liberts. L'homme vraiement
libre ne veut que ce qu'il peut et fait ce qui
lui plait. Vola ma maxime fondamentale,
U ne 8'agit que de l'appliquer 8 Venfance et
toutes les regles de l'education vont en d6-
couler (ebd. V 123 ff). Rouſſeau war ein „fa-
natiſher Leugner der E.“ Nach Deutſchland wur-
den die Nouſſeauſchen Jdeen u. Irrtümer haupt-
ſächlich durch Baſedow (ſ. d.) verpflanzt. In
ſeinen Erziehung3anſtalten, den Philanthropinen,
ſuchte er ſic praktiſch durc iſt hauptſächlich noch Dieſterweg (ſ. d.) al3 Ver-
treter der Leugnung der E. in der Pädagogik zu
nennen. Er ſagt gegen die EC. z. B.: „Ein Natur=
produft ſoll den Lebenstrieb haben, das Gegenteil
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