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zum Schmude, ſelbſt wenn derartige Sitten in
erjter Linie aus andern Gründen (Schuß gegen
Ungeziefer, Heilmittel gegen Krankheiten) ange
wendet worden ſind. Mit der Betätigung des
Schmucſinnes geht offenbar Hand in Hand die
Betätigung des Kunſtſinnes, die in Zeich»
nungen, Malereien u. Skulpturen zum Ausduue
kommt. Wie die Menſchen der ältern Steinzeit,
ſo ragen hinſichtlich naturgetreuer Darſtellung
auch in moderner Zeit manche Jäger- u. Fiſcher-
völker (Buſchmänner, Es8kimo8) vor andern her-
vor; ſobald die Jdeenwelt an Mannigfaltigkeit
gewinnt, meiſt in Verbindung mit einer ſeß-
haften Lebenöweiſe, erſcheinen Darſtellungen phan-
taſtiſcher, ſtiliſierter Lebeweſen u. mehr rein geo-
metriſche Verzierung8motive. Die zum Kochen
nötigen Gefäße lieſert entweder die Natur
(Fruchtſchalen, Muſcheln uſw.), od. der Menſch
ſtellt ſich die nötigen Küchen= u. Hausgeräte durch
Flechten her, u. wo ſich Ton in der Natur findet,
fertigt er ſich Gefäße daraus, Da der Menſcd)
ein geſelliges Weſen iſt, ſchloß er ſich in Geſell-
hafts8gruppen zuſammen. Die urſprüng-
lichſte Geſellſchaft iſt die Familie, die aus
dem Geſchlecht8verkehre ſich von ſelbſt ergibt u. zu
den blut8verwandten Gruppen der Sippe u. des
Stammes im engern Sinne ſich erweitert, Dieſen
ſtehen al8 Vereinigungen von Perſonen des
gleichen Geſchlecht3 die Altersklaſſen u. Geheim=
bünde gegenüber, die dem Geſelligkeitstriebe ihren
Urſprung verdanken. Sehr häufig erſcheint nicht
der Vater, ſondern die Mutter al8 der Mittel=
punkt der Familie; zu ihrem Stamme gehören die
Kinder, u. der Mutterbruder übt die maßgebende
Macht über ſie aus (mutterre milie als Gegenſaß zur vaterre Familie). Neben der monogamen Ehe zwiſchen
einem Manne u. einer Frau gibt e8 noh die
Vielweiberei (Polygamie) u. Vielmännerei (Poly»
andrie), welch lehtere zuweilen in de“ Form der
Gruppenehe (Punaluaehe) auftritt, d. h. eine An=
zahl von Männern hat ein Anrecht auf beſtimmte
Frauen. Allmählich haben ſich bei der Schließung
von Ehen beſtimmte Sitten hHerausgebildet.
Herrſcht Endogamie, dann werden nur Weiber
aus dem eignen Stamme, bei der Exogamie bloß
ſolche aus einem fremden Stamme geehelicht. Die
Erwerbung. der Frau erfolgt gewöhnlich durch
Raub od. Kauf. Die Entſtehung de8 Staates
hängt mit der Entwi>lung der Häuptlingsſchaft
zuſammen. Der Sippenhäuptling hat ſämtliche
Stammezangelegenheiten in Friedenszeiten zu
beſorgen, das freigewählte Oberhaupt der Männer-
gejellſchaften iſt Anführer bei der Jagd u. im
Kriege, meiſt tritt eine Vereinigung der beiden
Gewalten in einer Perſon ein. Daneben erſcheint
ſchon frühzeitig als 3. Macht das Prieſter-
tum. Die Negierungsformen haben offenbar die
verſchiedenſten Entwilungen durchlaufen. Die
Sklaverei, die auf der Unterwerfung im Kampfe
beruht, bildete ſich nur bei ſeßhaften Völkern aus.
Ethnographie.

1170
Aus den Familien der Häuptlinge u. Reichen od.
aus den Siegern bildet ſich der Adel aus; Be=
ruſ8gruppen ſchließen ſich enger als Kaſten zuſam-
men, Die älteſte Wirtſ melſtufe (Jäger= u. Fiſcherſtämme) ; e3 folgte dann
die Produktionsſtufe, dieim Anbaue von Nußpflan-
zen, in der Zähmung von Tieren u. in der Ver-
wertung der auf dieſe Weiſe regelmäßig erlangten
Rohprodukte im Haushalte beſteht. Mit dem
Wirtſchaft8leben hängt der Handel zuſammen,
der wohl zuerſt ein Geſchenkhandel, dann ein ge»
regelter Warenaustauſc) war. Als beſtimmter
Wertmeſſer entſtand das Geld („Binnengeld“
die innerhalb de3 Stammes benötigten alltäg=
lichen Dinge, wie Schmucſachen, Nahrungs= u.
Genußmittel ; „Außengeld“ == beſonders wichtige
Naturprodukte, wie Muſcheln, Steine, Metalle,
Znduſtrieerzeugniſſe). Innerhalb der verſchiedenen
Geſellſchaften bildeten ſich gemeinſame Sitten u.
Gebräuche aus in den Grußformen, in den Feier»
lichkeiten zur Zeit der Geburt u, der Geſchlecht8-
reiſe, bei der Eheſchließung u. beim Tode; da=
neben bot auch der Verlauf de8 Jahres, die regel-
mäßige Wiederkehr der ländlichen Arbeiten u. a.
Gelegenheit zu Feſtfeiern. Innerhalb der Ge-
ſellſchaften entſtanden allmählich feſte Normen des
ſozialen u. wirtſchaftlichen Lebens, die ſich nach
u. nach zu Geſeße3= u. Rechtönormen umbildeten.
Al3 feſtſtehendes Ergebnis. der biSherigen Unter=
ſuchungen darf betrachtet werden, daß kein
Volk, kein Stamm, keine Horde ohne
Spur religiöſen Leben iſt. Aber welche
Art des religiöſen Denkens die älteſte iſt, läßt
ſich wiſſenſchaftlich ſchwer feſtlegen. Wenn der
Menſc< glaubt, dur Umwelt beeinfluſſen zu können, dann iſt das ein
Zauberglaube. Unter Animi8mus8 verſteht man
den Glauben an die allgemeine Beſeelung der ge=
jamten Natur; andre Glaubens8formen ſind der
Ahnenkult od. Manismu3 u, der Animali8mus, d. i.
die Vorſtellung, daß die Tiere als beſeelte Weſen
dem Menſchen gleichartig od. überlegen ſeien.
Bei manchen Stämmen ſind beſtimmte. Tiere
(Totemtiere), ſeltene Pflanzen od. unbelebte Dinge
nicht nur die Schußgeiſter der Gruppe, ſondern
e3 wird angenommen, daß dieſe von dem Totem=
wejen abſtammen ; man ſpricht in dieſem Falle
von totemiſtiſcher Religionsform. Dieſe führt zur
Entſtehung beſtimmter Heiratsklaſſen u. CEhe-
formen ſowie auch von Speiſeverboten. Die
Vorſtellung überſinnlicher ſelbſtändiger Weſen,
oft mit übernatürlichen Kräſten begabt, bedingt
den Dämoni8mu3 od. Geiſterglauben, von dem
der Fetiſchizmu8, das Gebundenſein der Geiſter
an gewiſſe unbelebte Gegenſtände, eine Abart
darſtellt. Der Glaube an Götter, die über dem
Menjſden ſtehen, wird als Dei8mu3 od. Götter-
glaube bezeichnet. Neuerdings wird in der
Wiſſenſchaft die Anſchauung vertreten, daß der
Monothei8mus die urſprünglichſte Religions8form
ſei, da er ſich bei beſonder3 primitiven Völkern,
emmenamand
emer

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