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Miſſionär der Heiden „in unſrer Mitte, in
Sachſen, Preußen“ uſw. zu werden. Das Mittel
zu dieſer Art „Heidenmiſſion" ſah er in einer Er-
ziehung, die nicht mit äußerlichen Gewaltmitteln
hantierie, ſondern mit den Grundkräſien des
Glaubens u. der alle8 überwindenden Liebe,
Dieſe u. die Heiligung der ihm anvertrauten
Seelen bilden da8 Fundament ſeiner Pädagogik.
Zm Zuſammenhange hat er ſich über leßtere in
ſeiner kleinen Schrift „Von dem Einen, was
unſern Gymnaſien u. Volksſ jehigen Zuſtande nottut“ (1821) ausgeſprochen:
„Wir ſchmieden alle unſre Ketten von inwendig.
Wie der recht ſrei iſt, den Chriſtus frei macht, ſo
joll auch der e8 wohl unterlaſſen, über Berg u.
Tal zu ſchweifen, den Chriſtus ſrei macht." --
Das iſt das Leitmotiv der Erziehungslehre F.3.
Darum muß nach ihm „alle gelehrte u. alle
Volksbildung die Wort u. Handlung in ſeliger Dur wird". Darin liegt bereit8 ausgeſprochen, daß
ihm die Erziehung höher ſteht al3 der Unterricht ;
„denn 35 Millionen Taugenichtſe, die leſen,
ſchreiben, rechnen können, wären noch immer kein
Fundament der Schule ſein. „Eingelebt u. ein-
geliebt" muß das Chriſtentum den Kinderſeelen
werden. Eine derartige Erziehungstätiglkeit ſeßt
aber voraus, daß die Lehrer ſelber raktere find ; nur ſo können ſie ihre Hauptaufgabe,
die Fortführung der Erziehung de3 Elternhauſes,
erfüllen. Das alles gilt im weſentlichen auch für
die höhern Schulen; bloß auf den Univerſitäten
muß der Unterricht vorherrſchen. Wohltuend be=
rührt F.8 Betonung einer „wahrhaft humaniſtiſch»
deutſchen Nationalbildung“. Man kann die
Griechen u, Nömer nur verſtehen, wenn man ver=
traut iſt mit dem Geiſte der deutſchen Klaſſiker
alter u. neuer Zeit, Wie hod) er auch die Arbeit
als Erziehungs8mittel ſchäßte, wird der folgende
Abſchnitt zeigen.
111. Das F.ſche Juſtitut, Als F. einſt ſeine
Vaterſtadt verließ, um die Univerſität zu beziehen,
verabſchiedete ihn der Magiſtrat, der für die
Koſten ſeiner Studien auffam, mit folgenden
Worten: „Wenn über kurz od. lang ein armes
Kind an Deine Türe klopft, ſo denke, wir ſind'3,
die alten, grauen Bürgermeiſter u. Nat8herren von
Danzig, die anklopfen, u. weiſe ſie nicht von
Deiner Türe.“ Dieſe3 Auftrags entledigte ſich
F-., als er die ſchon erwähnte „Geſellſchaft der
Freunde in der Not“ ſtiſtete. Urſprünglich ge=
dachte er die ihm (namentlich aus England)
reichlich zufließenden Mittel ür Hilfeleiſtungen
in jeder durch den Krieg geſchaffenen Not zu ver-
wenden. Bald aber ſah er ein, daß er ſich auf
die verwahrloſten Kinder beſchränken müſſe. Der
Weg, den er zu deren Erziehung einſchlug, iſt
eigenartig u. vorbildlich. „Um das Zuchthaus
um ſo viele Kandidaten zu betrügen wie nur
immer möglich“, veranlaßte er zunächſt jedes
Falk.

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Mitglied der Geſellſchaft, ſich einer Anzahl von
Kindern anzunehmen, damit dieſe in einfachen,
braven Familien erzogen würden. Die ältern
brachte er bei guten Lehrmeiſtern unter. So
waren bald einige hundert verſorgt. Er ſelbſt
nahm etwa 12 der verwahrloſeſten in ſein eignes
Huus auf; dazu kamen ſpäter nod einige beſon=
der3 Begabte, deren Heranbildung zu Lehrern u.
Pfarrern er plante. Die in Weimar wohnenden
Zöglinge ſammelte er abends um ſich u. beſonder8
am Sonntage. Die Auswärtigen kamen monat=
lich einmal zu ihm u, wurden von ihm in Religion
unterwieſen. Auch der eigentliche Unterricht, der
in Bibelleſen, Schreiben, Rechnen u. Zeichnen be=
ſtand, wurde nicht vernachläſſigt. Wurden die
Kinder konfirmiert --- damal38 mit 12 Jahren--,
ſo ſorgte F. für gute Handwerkslehrmeiſter, die
damit zugleich Mitglieder der F.ſchen „Geſell
ſchaſt“ wurden. Die begabtern Schüler erzog er
ſich ſelber zu Mitarbeitern. Mit den Gefördertern
hielt F. allabendlich Bibelſtunden ab, wobei auch
die Muſik u. der Choralgeſang gepflegt wurden.
Da der Andrang der Armen ſich ſtetig vergrößerte,
war die Schaffung einer beſondern Anſtalt als
Mittelpunkt unabweislich. So baute er mit Hilfe
der Zöglinge ein Haus für 200 Kinder, in dem
dieſe beköſtigt u. unterrichtet wurden, bis ſie in
ein Handwerk eintraten. Die tüchtigern Schüler,
die das Lehrerſeminar od. das Gymnaſium in
Weimar beſuchen durften, erhielten in der Anſtalt
Koſt u. Pflege, mußten aber dafür die jüngern
Inſaſſen unterrichten. Ebenſo blieben die Hand=
werkälehrlinge mit der Anſtalt verbunden, die für
ſie da3 Lehrgeld bezahlte, u. waren verpflichtet, in
Nebenſtunden für dieſe zu arbeiten ; auch mußten
ſie regelmäßig die Sonntagſchule beſuchen. Für
die Mädchen wurden Näh=, Spinn= u. Strik=
ſchulen eingerichtet, u. auch ſie mußten ſür da3
„Inſtitut arbeiten.
So hatte F. in der Waiſenerziehung eine neue
Bahn eingeſchlagen, indem er die Koſterziehung
mit der bi3 dahin allein üblichen Anſtalt3erziehung
zu einer höhern Einheit verband, u. mit ſeinem
erſtaunlichen Liebe3werke zugleich den Anſtoß zu
der großen Bewegung gegeben, die wir heute
„innere Miſſion“ -- die Bezeichnung ſtammt
aus F.3 „Aufruſ“ --- nennen. Seine Anſtalt
ſtellt das erſte Nettung8hau3 in Deutſchland dar,
das den v. d. Reckeſchen Anſtalten in Overdyk
(1816) u. Düſſeltal (1820), dem Martinsſtift in
Erfurt (1820), der Zellerſchen Anſtalt in Beuggen
(1820) u. a. als Vorbild gedient hat. 1817/18
beherbergte die F.ſc 174 Lehrlinge bei den Meiſtern, 11 Seminariſter
(teil3 im Hauſe, teil3 bei Pflegeeltern), 32 jünger(
Schüler außer dem Hauſe u. 59 im Hauſe. Dod
ſuchte F. allmählich den Gedanken zu verwirk:
lichen, nur ſoviel Kinder auſzunehmen, wie di
Hanzeltern üÜberbli>en könnten. Er ſelbſt ver
ringerte daher no bedeutend. Bei ſeinem Tode umfaßte die Anſta!l

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