1255
Ic Wichtig iſt auch die Mithilfe der Preſſe zur Umbil»
dung der öſſentlichen Meinung; Vorträge, ſachlich
gediegene u, ſittlich einwandfreie Literatur, ins-
beſondere auch tüchtig geleitete Frauen» u. Müliter-
eitſchriſten zönnten ſchäßbare Dienſte leiſten. Auch
üttervereine zählen wir zu den Pionieren in
dieſer Nichtung. Den Einfluß der Kanzel möchten
wir gerade auch hierſür nicht miſſen; it e8 ja doh
eine Gewiſſensſache, die Erziehungspflicht ernſt zu
nehmen. C3 muß nun immerhin zugegeben wer-
den, daß die wirlſchaſtlichen u. ſozialen Verhält-
niſſe die ruhige u. geſunde Entwieklung des Fa»
Milienlebens EN in der Gegenwart ſtark
bedrohen u. erſchüttern. Namentlich führt der
moderne haſtige Broterwerb dazu, daß die Eltern
ſich in den Gedanken leicht eingewöhnen, die für
die Erziehung aufgewandte Zeit ſei eine gewiſſe
Vergeudung. Das ſührt dann gern zu einer Art
Erziehung3müdigkeit u. Erziehungsunluſt, ſo daß
die Gelegenheit zur Abſchiebung der Erziehungs»
pflicht nicht jo ganz ſelten gern ergriſſen wird u.
die Erzichung3anſtalt als Erſahſtätte der F. nicht
eben unwillkommen iſt. Bieten ſich wirtſchaftlich
ungünſtiger geſtellten Familien Staat, Gemeinde
od. Vereine zux Verſorgung der Kinder in An-
ſtalten an, ſo droht ſolchen Eltern die Scheu vor
?innahme derartiger Hilſe leichter zu ſchwinden,
als es im Intereſſe der erziehungspflichtigen Ge»
ſinnung u. in der Wertſchätzung ſozialer Selbſt-
achtung liegt, Sie wälzen dann ſorgloſer, raſcher
U, lieber die Erziehungspflicht auf die genannten
Verbände ab, nicht ſelten, um perſönlich unge-
bundener leben zu können. E8 ſind das Tatſachen,
die veranlaſſen ſollten, jede Erſahſorm der F.
Hinſichtlich ihrer Notwendigkeit u. Erwünſchtheit
ſtreng zu prüfen, u. zwar möglichſt in jedem
Einzelſalle.
11, Die Anſtaltserziehung. Von ſolchen Ge»
ſichtöpunkien aus muß auch die A. geprüft werden,
Niemals darf man ſie als das Normale anſehen,
Wir müſſen entjchieden jede Beſtrebung ablehnen,
die etwa darauf hinzielt, die Erziehung als Staats»
naſgabe den Familien abzunehmen u. die Kinder
in ſtaatlicherſeit3 zu erbauenden Anſtalten für die
Stinat3zwecle zu erziehen. Die A. darf nur Hilſe
fü bie F. ſein u. iſi bloß dann berechtigt, wenn
niſje vorliegen, die erſichtlich das körperliche, gei-
ſtige u, ſittliche Wohl de3 Kindes erheblich zu
gefährden geeignet wären. Dieſe grundſäßliche
Frage wird namentlich angeſichts der immer weiter
ſich organiſierenden u, auch geſeßlich ſeſigelegten
Jugendſürſorge (vgl, den Art, Fürſorgeerziehung)
brennend, u, es iſt begreiflich, wenn ſich gewiſſen»
haſte Nichter reiſlich überlegen, ob ſie die Zwangs»
Fürjorgeerziehung verfügen ſollen od. nicht. Denn
ſo wünſchenswert ſie in gewiſſen Fällen iſt, ſo
bleibt ſie doc< immer ein Eingriff in das Natur-
recht der Eltern, Vorlteilhaſter wäre e3 gewiß, die
wirtſchaſtlichen u. ſozialen Verhältniſſe u, gleich»
Familien» u. Anſtalts8erziehung..

1286
zeitig auch die religiöſe Gewiſſenhaſtigkeit der
Eltern zu heben, um ihnen die Erziehungspflicht
wieder ausführbar erſcheinen zu laſſen, wenn das
nur [o leicht zu bewerkſtelligen wäre, Solang
jedoc<) irgendwie Ausſicht beſteht, durch ſole
Maßnahmen das M Bien der Eltern
wachzurütteln u. wachzuhalten, dürſten je in ihrer
ſittlichen u, ſozialen Endwirkung begrüßenswerter
jein al8 alle die trefflich organiſierten Surrogate
der Familienpflege, wie Krippen, Kindergärten,
NKinderhorte uſw. Wichtig iſt auch, daß die Aus»
übung von Erziehungs3pflichten ſeiten3 der Mülter
der väterlichen Beruſsarbeit wieder mehr als eben-
bürtig gewertet wird; dann werden die Frauen
von neuem auch einen gewiſſen mütterlichen Er»
ziehungöſtolz bekommen u. ihre Erziehungsanſgabe
nicht als eine Laſt empfinden, die ſie den haus»
wirtſchaſtlichen Arbeiten unterordnen. Aber gleich»
wohl wird die A. nie ganz überflüſſig werden,
vor allem nicht für jog- pathologiſche Kinder,
für deren ſachverſtändige Behandlung in gut ge»
leiteten Anſtalten mehr Gewähr geboten iſt. Cbenſo
wird für Waiſenkinder A. unter Umſtänden vor»
teilhafter jein al8 Familienpflege. Wenn lehtere
ſo gern gefordert wird, ſo iſt zu bedenken, daß ſie
geeignete Pflegefamilien voransſeßt. An ſolche
müſſen aber beſondere Anforderungen geſtellt
werden, für die nicht immer ohne weiteres Ver»
ſtändnis vorliegt, So darſ nicht bloß der Geſichts»
punkt des Erwerbs Veranlaſjung zur Übernahme
der Pflege jein; auc ſchloſſen bleiben, daß das Pflegekind als „Arbeit3»
ſllave“ betrachtet u. ungebührlich ausgenüßt wird.
Nur in durc) u. durch der nötige liebevolle Opſergeiſt erwartet werden,
der das Bewußtſein des künſtlichen Bandes zwiſchen
Pflegeeltern u. Pflegekind in den Hintergrund
zu drängen u. ſo das Pflegekind wirklich heimiſch
zu machen vermag. Die Frage der Familienpflege
ſt gerade auch bei Unterbringung von Fürjorge-
vglingen akut. Die Übergabe ſolcher an Pflege-
familien ſeht mindeſten38 längere Beobachtung
ihrer körperlichen, geiſtigen u. ſittlichen Veran
lagung u. Beſchaſſenheit voraus, die am zweck»
mäßigſten in eignen Beobachtungsſtationen im
Anjchluſſe an Erziehungsanſtalten ſtattfinden kann.
Aber auch die Kontrolle der ausgewählten Pſlege-
ſamilien muß geſordert werden, um den Pflegling
vor Willkür zu ſchüßen. Die Alltagspraxis aber
lehrt, daß ein gewiſſer Prozentſaß ſolcher Fürſorge»
zöglinge beſſer unter der Anſtaltspflege gedeiht,
u. daß eine rationelle A., die namentlich aud)
die ſichern Ergebniſſe der pſychiatriſchen Forſchung
beachtet, nom mance Rettung bewirkt. Solang
man freilich glaubt, die A. ſei etwas, wa3 keiner
eignen Übung u, Forſchung bedürfe, werden die
Erſolge geringer jein, als ſie in Anbetracht des
aufgewandten KLapital8 an Mühe, Zeit u. Geld
jein dürften ; denn das Volk wird an der Be-
hauptung feſthalten, die Anſtalten ſeien notwen-
dige Übel. Und doc können ſie von ſchäßbarem

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.