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(Muß). Line andre Form der religiöſen F. iſt
die Lauheit, Man will allmählich nur noh das
unbedingt Notwendige u. ſchließlich auch das nicht
mehr tun u, hat einen Widerwillen gegen alles
kirchlich-religidſe Leben u. die Übungen der Fröm»
migfeit. Dieſe Lauheit iſt nur zu bekämpfen durch
eine gründliche Einkehr in ſich ſelbſt, durch ernſte
Lebenöbeſjerung u, Sinnes8änderung, wozu haupt»
jächlich der häufigere würdige Empfang der Sakra-
mente u, gute Gxerzitien (j. d.) verhelfen. Denn
ewöhnlich hat dieſe Lanheit ihre Quelle in ge»
beimen Sünden u. Leidenſchaſten u, iſt uur
Symptom dieſer tiefer ſihenden Übel, Wenn es
gelingt, den Menſchen für den Fortſchritt im reli»
giöſen Leben zu begeiſtern, dann wird dadurch
auch die F. in den andern Lebensgebieten über»
wunden, Denn da3 jeder F. entgegenſtehende
Prinzip des ſittlich-religiöſen Fortſchritt8 heißt:
„Gerade ſoviel du dir ſelbſt Gewalt antuſt, gerade | |
ſoviel nimmſt du im Guten zu" (Nachfolge Chriſti).
Literatur. F. X. Linſenmann, Lehrb. d.
Moraltheol. (1878); F. X. Muß, Chriſtl. Asketik
(?1909); A. Stolz, Erziehungöskunſt (81911); F.
W. Foexſter, Schule u. Charakter (''1912).
[F. Keller.]
Fechner, Guſtav Theodor. Der Phi-
loſoph u. Phyſiker G. Th. F., indirekt der Vater
der Experimentalpädagogik, wurde geboren am
19. April 1801 in Großſärchen bei Muskau
(Niederlauſikb) al8 Sohn eine8 Pfarrer8. Mit
16 Jahren bezog er die Univerſität Leipzig, wo
er Medizin u. Naturwiſſenſchaſten ſtudierte, 1822
ſich habilitierte, 1834 zum Profeſſor der Phyſik
ernannt wurde u. am 18. Nov. 1887 ſtarb.
F.3 Wirlſamkeit geht aus von der Phyſik.
Im Gegenſaße zu der von obenher deduzierenden
Spekulation der Schellingſchen Schule ſucht er
durch die induktive Methode, die vom Experimente
ausgeht u. dieſes mit den Mitteln der Mathematik
exalt bearbeitet, die damal8 mächtig auſblühende
Naturwiſſenſchaft zu fördern. So hat er ſich auch
das mathematiſche Rüſtzeug u. die exakten Me-
thoden zu eigen gemacht, wodurch er befähigt
wurde, ein Hauptbegründer der experimentellen
Pſychologie zu werden. Zu dieſer kam er inde8
nicht unmittelbar, ſondern auf dem Wege über
die Philoſophie.
Durch ein mit tiefer ſeeliſcher Depreſſion ver»
bundenes Augenleiden an der Fortſehung ſeiner
phyſikaliſchen Arbeiten verhindert, wandte ſich F.
im Anfange der 1840er Jahre philoſophiſchen u.
religidjen Fragen zu, für die er von je ein ſchon
in den religidjen Cindrüken der Familie begrün»
dete8, durch Freunde, wie den theiſtiſchen Philo»
ſophen Chr. & Weiße, geſördertes Intereſſe ge»
hegt hatte, Er bildet ſeine eigentümliche idealiſti-
ſche Weltanſchauung aus. Den Materiali8mus
will ex durch den piychophyſiſchen Paralleli8mus
überwinden, Nach F. iſt das Bewußtſein nicht
ein Produkt des Gehirn8, wie der Materiali3mu3
will, aber auch nicht die Tätigkeit einer beſondern,
Fechner,

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von dem Körper verſchiedenen Seelenſubſtanz (die
Ariſtoteliſche Lehre von Leib u, Seele als 2 Seins»
prinzipien einer an engdehten Enbſtanz bes
rüdſichtigt er überhaupt nicht), Vielmehr iſt es
nac< ihm ein u, dieſelbe in Gottes Vernunft 1.
Willen wurzelnde Geſeßlichkeit, die von außen,
d. h, im Verhältnis eines Syſtems zu andern
Syſtemen geſchen, die Körperwelt, von innen,
d. H. al3 innere Einheit eine3 ſolchen Syſtems
jen geſchen, die Bewußtſeinswelt begründen
oll, Darum iſt nach F.8 Meinung nicht nur der
Menſc< u, das Tier, ſondern auch die Pflanze,
ja die ganze Natur beſeelt, Alle3 individuclle
Bewußtſein auf Erden aber ſoll in höhern
Einheiten verbunden ſein, zunächſt im Geiſte
der Erde, die, wie auch die übrigen Himmel8-
körper, nach ihm ein pſychophyſiſches Doppel-
weſen iſt, u. zuleht in Gott, Dieſer iſt aber
ür F., der ſeinen pantheiſierenden Spekula-
tionen zuleßt eine theiſtiſche Wendung zu geben
ſucht, nicht nur das alles beſondere Bewußtſein
umfaſſende Weltbewußtſein, in dem unſre Seelen
nac<:) dem Tode geſondert fortleben, wie unſre
Wahrnehmungen in unſern Erinnerungen, ſon-
dern zugleich eine in ſich einige, über den Men»
ſchen gnadenvoll waltende Perſönlichkeit. =- E8
iſt nicht möglich, auf dieſe3 metaphyſiſche Syſtem,
das F,. in einer Neihe von Schriften, wie „Nanna
od. über das Seelenleben der Pflanzen“ (1848,
1909), „Zendaveſta od. über die Dinge des
Himmels u. des Jenſeit8" (3 Bde, 1851, 81906,
Bde), „Die Tagesanſicht gegenüber der Nacht-
anſicht" (1879, 21904), vertritt, hier kritiſch ein»
zugehen, E8 ſtellt ſich mehr wie eine ſinnige
Dichtung dar, als daß es den logiſchen Ver»
ſtande8forderungen entſpräche, Für F. hat e8 die
Bedeutung gehabt, daß e3 ihn auf die Pſychologie
hinführte, die er nunmehr nach naturwiſſenſchaſft=
licher Methode, d. h. experimentell, zu behandeln
unternahm,
Da eine experimentelle Behandlung der Pſy»
ſiſchen ſteht, jo war es natürlich, daß von phyſio»
logiſcher Seite (3. Müller, E. H. Weber, Vierordt,
Donders u, a.) bereits eine Reihe von Neſultaten
gewonnen war, die auch ſür die Pſychologie
brauchbare Bauſteine abgaben. Aber niemand
hatte vor dem Erſcheinen von F.8 Hauptwerk
„Clemente der Pſychophyſik" (2 Bde; n. A,
von Wundt 1889, *?1907) die Frage nach den
junktionellen Beziehungen von Phyſiſchem u.
Pſychiſchem prinzipiell geſtellt u. ſie ſyſtematiſch
in Angriff genomnien. Da die Qualität der
Empfindungen mit den vermſachenden Reizen
unvergleichbar iſt, ſo ſaßte F. das Quantitative,
die Stärke (Intenſität) von Neiz u. Empfindung
ins Auge, Hier gewann er 3 Geſeßmäßigkeiten :
1. das Geſez der Schwelle: um überhaupt eine
in unſer Bewußtſein fallende Empfindung hervor-
zurufen , muß der Reiz eine beſtimmte Stärke

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