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Zn dieſem Sinne iſ die Religionslehre nicht ein
Lehrzweig neben andern, ſondern ein Stamm, der
alle Zweige trägt." Neben den Religionsunter-
richt tritt da8 heimatlich-vaterländiſche Bildungs»
gut, al8 auf die natürliche u. geſchichtliche Heimat
bezogen. „Um dieſen engern Bezirk od. Ning legt
ſich der weitere herum, der ſich aus den Bildungs=
inhalten zuſammenſeßt, die dem Geiſte iveaie
Momente zuführen u. zugleich in dem Gemüte die
Teilnahme zu pflanzen vermögen ; u. um dieſen
wieder der äußerſte, der jene Lehrgebiete umfaßt,
deren Ertrag zunächſt dem Wiſſen u. Können zu=
gute kommt u. das Gemüt nur vermittelterweiſe
erreicht.“ Zu den Lehrgütern des zweiten Ninges
rehnet Willmann die Sprachen, die Geſchichte,
die Weltkunde u. die Philoſophie; zu denen des
dritten Ninges Mathematik, Sprachlehre, Zeich=
nen, Formen, Handarbeitsunterricht u. Turnen.
V. F, W. Foerſter hat ebenfalls zum G.
Stellung genommen. In ſeiner „Jugendlehre“
(60. Tauſ. 1912, S. 12) jagt er: „Nun iſt die
ZAUuſion leider no das lebendige Intereſſe des Kindes am Mora-
liſchen durch Erzählungen mit vorbildlicher Ten=
denz gewedt werden könne -- daß 3. B. in dieſem
Sinne auch der geſchichtliche u, literariſche Lehr-
ſtoff zu einem G. verwertet u. verdichtet werden
könne.“ Damit wendet ſic Foerſter weniger gegen
den G. als ſolchen, als vielmehr gegen deſſen
Methode in der Herbartſchen Schule. Das pſy-
ihre pädagogiſchen Maßnahmen gründen, iſt die
Gedankenwelt der jugendlichen Seele, Foerſter8
Methode des Moralunterrichts liegt eine Pſycho-
logie zugrunde, die dur< den Voluntarismus Er=
gänzung gefunden hat. Die Grundfunktionen der
Seele ſind für ihn nicht Vorſtellungen, ſondern
Triebe, Neigungen, Strebungen. Es kommt ihm
alſo in erſter Linie nicht darauf an, den Gedanken=
kreis des Zöglings, als vielmehr deſſen Triebleben
zu beeinfluſſen. Er will ihn nicht durch Urteil8=
bildung zur moraliſchen Cinſicht leiten, ſondern
da8 Moraliſche ſoll auf dem Wege natürlicher
Kraftentfaltung ein Erlebni8 werden, mit dem
man dann erſt wie mit einem bekannten Begriffe
operieren kann, um weitere Leben8gedanken daran
zu knüpfen. Foerſter3 Methode iſt „induktiv“.
Erjte pädagogiſche Negel iſt, Anknüpfungspunkte
zu ſuchen im JIntereſſenkreiſe des Kinde3, fortzu-
ſchreiten vom Bekannten zum Unbekannten, vom
Konkreten zum Abſtrakten, vom Einfachen zum
Zuſammengeſeßten.
Wenngleid) wir dieſe Methode für richtig halten,
ſo möchten wir dennoch dem Foerſterſchen G. nicht
uneingeſchränkt das Wort reden. Er bekennt zwar
„ausdrüclich ſeine größte Chrſurcht vor den un=-
erſchöpflichen Geſtaltungskräſten des Chriſten=
tum3“, unterläßt e8 aber aus andern Erwägungen,
ſeinen ethiſchen Unterricht religiös zu begründen.
YLiteratur. E.v. Sallwürk, G. u. Kulturgeſch.
(1887) ; O. Willmann , Didaktik (*1909); derſ.,

Gesner.

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Aus Hörſaal u. Schulſtube (?1912: „Die Stellung
d. Nelig.-Lehre im erzieh. Unterr.*); T. Ziller,
Allg. Pädag. (21892); derſ., Grundleg. 3. Lehre
v. erzieh. Unterr. (*1884) ; J. IJ. Wolff, Herbarts
pädag. Schr. (2 Bde, 1891/95); F. W. Foerſter,
Jugendlehre (60. Tauſ, 1912). [Z. Bötſch.]
Gesner, Johann Matthias. I. Leben.
G. wurde am 9. April 1691 zu Noth in
Franken als Pfarrer8ſohn geboren, beſuchte das
Gymnaſium zu Ansbach u. ſtudierte ſeit 1710
Philologie in Jena, wo er ſchon 1714 eine von
Burſjian hoc Lukian zugeſchriebenen Dialog Philopatris u.
1715 die pädagogiſch-didaktiſchen Institutiones
rei scholasticae verfaßte. 1715 wurde er Kon-
rektor de3 Gymnaſiums in Weimar (ſeit 1723
auc) Leiter der herzoglihen Bibliothek), 1729
Rektor in An8bach u. 1730 Rektor der Thomas-
ſchule in Leipzig, wo der jüngere Erneſti u. Joh.
Seb. Bach zu ſeinem Lehrerkollegium gehörten.
Schon in Leipzig begann er ſeine Reformen, indem
er die durc< Jakob Thomaſius 1776 eingeführten
Autoren, von denen bisöher eigentlich nur noch
Nepo3 im Gebrauche geblieben war, wieder leſen
ließ. Daneben war er auch auf zwe>mäßige Be=
handlung der Realien bedacht. 1734 wurde G.
als Profeſſor der Eloquenz an die neugegründete
Univerſität Göttingen berufen, wo er eine außer=
ordentlich ſruchtbare Tätigkeit in wiſſenſchaftlicher
u. praktiſcher Beziehung ausübte: neben ſeinen
zahlreichen Vorleſungen, von denen die Primas
Jineae 18agoges In eruditionem univergalem
(1756; in der Au3g, von Niclas 1774, 1784;
gewöhnlid als I8agoge zitiert) eine der bedeutend=
ſten iſt, war er Gründer u. Verwalter der Uni-
verfitätsbibliothef, Leiter des wahrſcheinlich 1738
gegründeten Seminarium philologicum zur
theoretiſch=-praktiſchen Ausbildung tüchtiger junger
Schulmänner, Präſident der von ihm zur För-
derung deutſcher Sprache u. Literatur in8 Leben
gerufenen „Deutſchen Geſellſchaft“, Direktor der
Kgl. Geſellſchaft der Wiſſenſchaften u. Inſpektor
der braunſchweigiſch-lüneburgiſchen Schulen. In
leßtgenannter Eigenſchaft führte er die unter
jeiner Mitwirkung geſchaffene u. von ſeinem
Geiſte getragene Braunſchweigiſch-Lüneburgiſche
Schulordnung v. 1737 in die Praxis ein. Troß
zahlreicher ſchmeichelhaſter Beruſungen in andre
Stellungen blieb G. dem ihm liebgewordenen
Göttingen treu u. ſtarb dort am 3. Aug. 1761,
11. Bedeutung al8 Pädagog u. Philolog.
Daß G. zu den gebornen Pädagogen gehörte,
bewies er bereit3 durc die Art, wie er die Ver=
wilderung an der Thomasſhule ohne Aufſehen
in kürzeſter Zeit beſeitigte u. eine wahrhaft muſter=
gültige Zucht ſchuf, für die er 1733 beſondere
Geſeße veröffentlichte. Barbariſcher Strenge, die
man damals in den Schulen meiſt für das einzig
richtige hielt, war er abhold u. forderte, daß durch
geſteigerte Aufficht die Gelegenheit zum Böſen u.

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