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unſre Anſtrengungen immer wieder von vorn ay»
Jangen“ (Erziehung de8 Willens8 [* 1910] 183).
-- Auch für den Lehrer u. Erzieher iſt es wichtig,
ſi durc ſtändige Selbſterziehung die Tugenden
es guten Lehrers u, Erzieher3 zu eigen zu machen.
Literatur, P, Nadeſto>, Die G. u. ihre Wich»
Hgkeit i. d. Erzieh, (*?1884) ; I. Payot, Die Erzieh.
d. Willens (dtſch von T. Voelkel, 291910); F. W.
Foerſter, Jugendlehre (60. Tauſ. 1912); derſ,,
Schule u. Charalter ('!1912). -- Ferner ſei hin»
ewieſen auf die bezſiglichen Kapitel der pädag.
andbücher, 3. B. in des Verſaſjers Pädag. Pſychol.
11 (21911), Kap. 28/31. [L. Habrich.]
Girard, P'. Gregor, 0.[M. Conv. I, Le»
bens8gang, Geboren den 17, Dez. 1765 zu Frei-
burg i. Ue., mußte Joh. Bapt. G. ſchon als Knabe
der Mutter beim Unterrichte der kleinern Geſchwiſter
helfen 1. erhielt dadurch die erſte Anregung zu ſeiner
ſpätern Methode. 16jährig trat er in das Noviziat
er Franziskaner zu Luzern ein, ſtudierte Philo-
ſophie in Oſſenburg u. Überlingen, Theologie in
Würzburg. Die dekadente Theologie der Zeit er»
ſchütterte ſeinen Glauben, den er inde3 durc das
Studium der Cvangelien wieder feſtigte. Nach
Freiburg zurückgekehrt, erhielt G. die Prieſter»
weihe (1789), beſreundete ſich mit dem gelehrten
liberalen Chorherrn Fontaine u. dem Patrizier
Pierre d'Appenthel, mit dem er die Werke Nouſ-
jeau3 la3. A138 Lehrer der Bhiloſophie ſür die
Ordenökieriker ſtudierte er die Schriften Kant3,
1798 jandte er an Ph. A. Stapfer, Miniſter der
Künſte u. Wiſſenſchaſten der helv.tiſchen Nepublik,
ein Projet d'education publiquo pour 1a Repu-
blique bhelvetiquo, wurde von Stapſer nach Ly»
zern berufen, arbeitete von Ende Febr. bi8 Mitte
April 1799 im Unterricht3miniſterium u. kehrte,
abgeſtoßen durch den dort herrſchenden religion3»
feindlichen Geiſt, nach Freiburg zurück, Das hel»
veliſche Direktorium berief ihn 1799 nach Bern
al3 erſten katholiſchen Pfarrer ſeit der Neſormation.
Hier wirkte er mit großem Erſolge, 1804 über»
gab der Stadtrat zu Freiburg die Primarſchule
den Franziskanern, G. wurde Schulpräſekt. Er
wirkte in der Folge auf da3 geiſtige Leben der
Stadt u. Umgebung mächtig ein u. nahm an der
Schaffung gemeinnühßiger u. literariſcher Inſtitute
regen Anteil. Sein Hauptwerk aber war die
Schule, die er 1804/23 ganz nach ſeiner perſön»
lichen Eigenart leitete. Schon 1801 hatte er Peſta»
lozzi in Burgdorf bejucht. 1809 ging er, von der
Tagſahung beauſtragt, mit einer Kommiſſion zur
Inſpektion der Anſtalt Peſtalozzi3 nach Jſerten,
Der von G. verfaßte kritiſche Kommiſſionsbericht,
eine wertvolle methodologiſche Arbeit, tadelt die
didaktiſchen Irrgänge, zumal den Zahlenmechanis-
mus. G.5 Kritik erregte Widerſpruch u. erzürnte
Beſtalozzi, der ſich jedoc< ſpäter mit G. verſöhnte
u. ſeine Schule in Freiburg beſuchte. -- G. brachte
ſeine Schule, die anfangs (1804) 40 Kinder der
ärmſten Volkstklaſje umfaßte, auf mehr als 300
Schüler aus allen Geſellſchaftsſchichten. In der
Girard.

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Folge ſchloß ſich nach) G.8 Methode die von den
Urjulinerinnen geführte ſtädtiſche Mädchenſchule
an mit ebenſo vielen Schülerinnen, Noch erſreu»
licher waren die erziehlichen Früchte an der infolge
der Nevolutionskriege verwilderten Jugend. Der
gute Erfolg eröſſnete der Methode G.3 die Frei»
burger Landſchulen u, die Schulanſtalten be-
nachbarter reformierter Kantone. Bald ſtrebten
Bädagogen, Staatsmänner, Literaten uſw. aus
allen Nationen danach, die weltberühmte Sc G.3 zu beſuchen u. in ihren Ländern nachzuahmen.
-- Durch da8 Buch Ch. Ph. de Laſteyries
Nouveau systdme d'education (Par. 1815)
wurde G. zur Einführung des wechſelſeitigen
Unterricht8 bewogen (1815/16), wa8 den Päd-
agogen A, Bell (ſ. d.) bewog, die Schule G.8
zu beſuchen. Das Jahr 1818 bezeichnet den Höhe=
punkt der Erfolge G.ö. Niemand ahnte, daß der
Sturz nahe ſei. Der Kampf zwiſchen den Be=
wunderern u. den Gegnern G.3 hatte zum änßern
Gegenſtande den wechſelſeitigen Unterricht, Ums
ſonſt ſuchte G. die Frage der Methode von dem
religiö3=politiſchen Streite zu trennen, der damals
die Geiſter entſlammte u. in das katholiſch-konſer-
vative u, liberale Lager ſchied. Hier lag der Kern-
punkt der Kontroverſe. Schon zu Bern hatte G.
durch weitgehende Jrenil gegenüber den Prote-
ſtanten Anſtoß erregt. Nach Freiburg zurücge-
kehrt, unterſtüßie er die Kirchenpolitik des ihm
befreundeten Generalvikars H. v. Weſſenberg in
Konſtanz, neigte zur zeitgenöſſiſchen deutſchen
Philoſophie, kämpfte gegen die von ſeinen Partei=
genoſſen al38 Fanatiker u. Obſkuranten bezeich
neten Jeſuitenſreunde, jympathiſierte mit Peſia-
lozzi, ſ ſeinen Kampf gegen die Nücberufung der Jeſuiten
an da3 Kolleg St Michael zu Freiburg das Miß-
fallen der kirchlichen Behörden u. der Geiſtlichkeit.
Al3 nun 1818 der Groſe Rat das Kollegium,
die Stiſtung des ſel, Petrus Caniſiu3, wieder den
Jeſuiten übergab, konnte G. ſeinen Gegnern auf
die Dauer nicht mehr ſtandhalten. Biſchof P. T.
Jenny erklärte ſich in zwei amtlichen Schreiben
gegen den wechſelſeitigen Unterricht. G. verteidigte
ſich in Denkſchriſten u. öffentlichen Anſprachen
gegen die Beſchuldigungen, er vertrete die rationali=
ſtiſche Philoſophie, erziehe die Kinder zum religiöſen
Liberalismns, u, ſpeziell ſein wechſelſeitiger Unter=
richt ſei ebenſo unpädagogiſch wie unkatholiſch,
weil er in den Schülern da3 Autorität8gefühl zer»
ſtöre u, die Moniteurs zum Hochmute verleite.
Am 4. Juni 1823 beendete der Große Rat den
Streit, indem er den wechſelſeitigen Unterricht
verbot. Der Beſchluß erregte einen gewaltigen
Sturm u. veranlaßte G. u. die ihm ergebenen
Lehrer, ihr Amt ſofort niederzulegen. G. über-
nahm dann in dem Franzisfanerkloſter zu Luzern
die Leitung einer Freiſchule, wurde von der dortigen
liberalen Kantonsregierung in den Erziehungörat
berufen u. übte als Natgeber in Fragen der Schuls-
organiſation u. Lehrmethode eine weitverzweigte

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