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auch nicht, daß wir den Grundgedanken de8 No-
mans in den Schlußworten Wilhelm Meiſters
ſuchen: „Wirſi du doch immer auſs neue hervor-
gebracht, herrliches Cbenbild Gottes, u. wirſt ſo-
gieic) wieder beſchädigt u. verleßt von innen od.
von außen.“ Der Kreislauſ des abſoluten Wer-
den3, in den der pantheiſtiſche Monismuß G.38
endigt, bleibt die Antwort auf das lebte Warum
u. Wozu ſchuldig, u. der Altrui8mus vermag für
die Sittlichkeit u. daher auch ſür die Erziehung
keine feſte Grundlage zu bieten (vgl. F. Klimke8.3.,
Der Monismus u. ſeine philoj. Grundlagen
[1911]). Wohl aber das Chriſtentum, das da
lehrt, wie die einzelne Seele, an ſich von un»
endlichem Werte, durch den Sündenfall ihrer
Beſtimmung, der Vereinigung mit Gott, ent»
ſremdet, dieſe nur wieder erreichen kann durch
gliedliche Dienſtbarkeit im Gottesreiche auf Er»
den u. durch Anteilnahme an den Gnadenſchäßen
dy Kirche.
1v. 0.8 „Fauſt'. Auch das eigentliche
Lebenswerk G.3 darf hier nicht übergangen werden,
Fauſt, der in die tieſſten Geheimniſſe der Natur
eindringen möchte u. doh überall auf die Schrauken
menſchlichen Erkennens ſiößt, wirſt in raſender
Leidenſchaſt alle Gaben Gotte3 vollends von ſich.
Num taumelt er „von Begierde zum Genuß“ u,
verſchmachtet im Genuß nach Begierde, ſchwere
Schuld auf ic ladend. In der Art nun, wie G.
den Lebenspjad ſeines Helden ſich auſwärts win-
den läßt, zeigt ſich der fortdauernde Einfluß Nouſ-
ſeauſcher Naturſhwärmerei, Die Flucht aus den
So der ſittlichen Welt in die natürliche,
Faujt8 Erneuerung durch freundliche Naturein»
drüde ſordern den Widerſpruch des ſittlichen Ur-
teil3 heraus, Erſt durch Einführung in die Er-
habenheit 11, Schönheit der Antike eröffnen ſich
weitere Ausblieke. Fauſt wird den „Müttern“ zu»
geführt, die Jdeen ſollen ihn über die Sinnenwelt
hinausheben. Aber er ſicht wiederum im Alter»
tinme nur die ſchöne Natürlichkeit, im ſchönſien
Weibe (Helena) wieder nur das Mittel des Ge»
nuſſe3. -- Die alte Welt hat er nur „prächtiger
in ſeinem Buſen wieder aufgebaut“, u. doch iſt
au3 dem genußjüchtigen Träumer des 1. Teils
ein tatenluſtiger Denker geworden, Sein Handeln
findet nach mancherlei Abenteuern wieder nur in
der Richnmng auf die Natur ſeinen krönenden, aber
nicht verjöhnenden Abſchluß: Bodenmelioration
wird zum Wendepunkte der Menſchheitötragödie.---
Wenn zum Schluſſe gute Geiſter Fauſt3 Unſterb»
liches in katholiſchem Koſtüme zum Himmel tragen,
ſo iſt e3 wieder nicht die Gotte3mutter, die den
Sünderx vor den Gnadenthron ihre38 Sohnes führt,
ſondern das Urweib, das Cwigweibliche als Natur»
typus hat ihr Gewand geborgt, um endgültig den
Titanen 2'! befrieden. Die Schlußſzene iſt die
Krönung oer Apotheoſe des auf die Nechte jeiner
Natur pochenden autonomen I<. „G.3 Fauſt
iſt die gereiſte poetiſche Frucht des unechten Jdea»
liamus8, wie er ſich ſeit langem vorbereitet hatte,
Goethe als Erzieher,

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Der Dichter zahlt hier dem Zeitgeiſte ſeinen Tribut,
der Geiſt»-Eigne dem Tyrannen“ (D. Willmann,
Geſch. des JdraliSmus 111 369/872).
V. Püdagogiſche Goldkörner in G.8 Werken.
Gerade der Geſchichtſchreiber des Zdeali8mus hat
aber auch gezeigt, wie G. in manch tieſſinnigen
Ausſprüchen ſich zu den Grundwahrheiten eines
echten Jdealiömus8 bekennt, die er allerdings mehr
dur) Divination als auf ſpekulativem Wege ſich
zu eigen gemadht hat. So hat G. richtig erkannt,
daß der erkennende Geiſt u, der Erkenntni8inhalt
aufeinander hingeordnet ſeien; er hat darum auch
die Bedeutung de8 Objektiv-Gedanklichen für das
menſchliche Geiſtesleben voll gewürdigt u. mit Recht
behauptet, daß alle fortſchreitenden Epochen eben
durch deſſen Würdigung ſich von rücſchreitenden,
in Auſlöſung begriſſenen unterſcheiden. Leßtere
jeien immer ſubjektiv geſtimmt (CE>ermann, Ge-
ſpräche mit G. 1 240). Er erkannte, daß die Alten
die rechte Verbindung beider Elemente beſaßen, u.
daß man in dieſem Sinne zu Sokrates, Platon,
Ariſtoteles zurückkehren müſſe (Werke XXI11 253).
Schen wir zudem, daß ex den kulturſördernden
Wert des Glaubens wohl zu ſchäßen wußte (vgl.
Noten u. Abh. zu beſſerm Verſtändnis des weſt-
öſtl. Divan, Werke VI 153), ſo dürfen wir wohl
jagen, daß er im Beſiße der Leitlinien war, um
da8 geſamte Geiſte8leben ſeiner wie früherer Zeiten
recht zu beurteilen. So verſtand er denn aud) die
Ideen als die Quelle des poetiſchen Schafſen8 zu
würdigen u. ging ihnen in der Natur forſchend
nach (vgl. Willmann, Geſd. des Jdealismu3 111,
8 111), aber ſie wurden ihm nur zu Blihlichtern
für geiſtvolle Aphorismen, nicht zur befruchtenden
Sonne für ganze Werke.
Nicht vergeblich iſt Fauſt zu den Müttern ge
ſtiegen ; aber Helena iſt ihm nur zu bald wieder
entſchwunden u. hat ihm bloß Kleid u. Schleier
urücgelaſſen. Beider Sohn Euphorion, die
fugendlich-titaniſche Kunſt, wie ſie aus der Ver-
einigung antiken u. mittelalterlichen Geiſtes ent-
ſtand, war nur kurzlebig. Oder ohne Bild ge-
ſprochen : G. hat wohl die Anfänge zur Wieder-
gewinnung der idealen Prinzipien miterlebt, ihre
Auſerſtehung in Wiſſenſchaft, Kunſt u. Leben aber
nicht mehr geſchaut, Cine von dieſen Segen3-
mächten belebte Pädagogik --- u. nur eine ſolche
hat bi3 heute wiſſenſchaftliche Geſtalt angenom»
men --kann darum aus G.3 Werken manche Gold»
körner pädagogiſcher Weisheit verwerten, jedoch
ſür die großen u. grundlegenden Fragen des Er=
ziehungswerke8 würde ſie bei dem Dichterſürſten
mehr Irrtum al3 Wahrheit finden.
Literatur. A. Oldenberg, Grundlinien der
Pädag. G.8 (1858); F. Ciſelen, G.8 Pädag. (1881);
A. Langguth, G.s8 Pädag. (1886); derſ, G. als
Pädag. (1887); derſ., G. als pädag. Sc (1888); C. Stein, Die Bedeut. d. Pädag. G 8 f.
d. Gegenw. (1898) ; K. Mutheſius, G. als Kinder-
freund (1903); B. Münz, G. als Erzieher (1904);
K. Mutheſius, G. u. Peſtalozzi (1908), Biogr. G.8
von A. Baumgartner 8. 9. (21911 ff, bearb. von

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