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weiſe, die G.edidee ſei uns angeboren, iſt ſchr
mißverſtändlich ; je ſie richtig ſein, dann kann ſie
nur beſagen, daß die Fähigleit, G. zu erkennen
(nicht aber die Erkenntnis ſelbſt), jedem Menſchen
angeboren iſt. Der einzig richtige Weg zur ſichern
Erkenntnis G.es iſt die nüchterne Schlußſolgerung
auf einen urjachlojen, notwendig exiſtierenden,
höchſt weiſen Urheber der ſich ſelbſt nicht genügen»
den, niht notwendig beſtehenden, nicht einheitlich
bejeelten u. dennoch wundervoll geregelten Welt,
Dem geſunden Sinne, auch ſchon de38 Kindes,
drängt ſich dieſer Auſſtieg zu G. von ſelbſt ſo
kräſtig auf, daß nicht allzuſchwer die dagegen er-
hobenen Bedenken al8 Sophi8men erkannt werden;
der Gelehrte kann jene Schlußſolgerungen dann
in exakte Beweisſormen ſaſſen u, mit aller Schärſe
gegen Trugſchlüſje verteidigen.
111. Die angebliche Unfähigkeit des Kindes
ur G.ezerkenninis. Zn neuerer Zeit, beſonder8
deit Rouſjean, iſt! oſt behauptet worden, das Kind
könne den G.esgedanken gar nicht ſaſſen. Würde
man damit ſagen wollen, daß den Vorſtellungen
des Kindes über G. manc bei nicht guter Belehrung auch Irrtum anhaftet,
jo wäre das richtig. Aber anderſeits beweiſen die
handgreiſlichen Wirkungen einer auch nur einiger»
maßen ſrommen Erziehung, daß das Kind von
G. 1. ſeien Eigenſchaſten ohne beſondere Schwie=
rigkeit wenigſtens ſo viel erſaſſen kann, daß davon
ſeine Geſinnung u. ſein praktiſches Benehmen ſehr
nachhaltig beeinflußt werden, u. da3 iſt ja die
koſtbarſte Frucht, die der Unterricht über G. zei-
tigen ſoll. Dieſe Tatſache kann auch durch an»
gebliche Reſultate von Experimenten u. Umfragen
nicht hinweggeleugnet werden; ſie erſährt viel-
mehr ihre weitere Erklärung durch die pſy giſche Analyſe der Begriſſe von den ſog. tranſzen» | *
denten, d. h. jenen Gegenſtänden, die nicht direl!
in ſich ſelbſt unſrer unmittelbaren Erſahrung zu-
gänglich ſind. Zur Erkenntni8 der Exiſtenz wie
auch der Eiggenſchaſten ſolcher Gegenſtände ver-
helfen uns Beziehungsbegriſſe, die wir aus dem
Vergleiche der Erfahrungsobjekte gewinnen. Solche
vermittelnde Begrifſe ſind: Wirkung, Urſache,
Gleichheit, Ähnlichkeit, Verſchiedenheit. Die erſten
zwei führen zur Erkenntnis des Daſeins G.es, die
andern fönnen, zwar nicht eine volle (adäquate),
aber doh eine richtige u. immer vervollkomnmungs»
fähige Kenatnis der Eigenſchaften G.es8 vermit-
tein. Oſjenbar iſt auch da3 Kind ſchon imſtande
-=- neueſte Experimente beſtätigen das --, jene
vermittelnden Begriſſe zu bilden, u. ſie ſind ihm
der Schlüſſel zur „tranſzendenten“ Welt, Nur
muß der Erzieher u, Lehrer damit rechnen, daß
das Kind zu einer vorſchnellen u. direkten An-
wendung der Erfahrungsbegriffe auf das Über-
ſinnliche neigt; darum wird er durchweg würdige
Gegenſtände wählen, die al8 Au8gangspunkte ſür
die Vermittlung der G.eserkenntnis dienen ſollen,
u. beſonders wird er nicht verſäumen, ſelbſt bei den
beſten Vergleichen noch beizufügen, daß G. alles
Gottesfurcht -- Gräfe,

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weit überrage (z. B. die Güte de3 beſten Vaters,
die Gerechtigkeit des unbeſtechlichſten Nichters),
u. daß den göttlichen Cigenſchaften nichts von
Unvollkommenheit beigemengt ſei (vgl. die Bei-
ſpiele im 4. Kapitel des 1. Buches der Bekennt-
niſſe des hl. Auguſtin). So kann der Erzieher der Nouſſeauſchen Einwendung: „Beſſer
wäre es, gar keine Vorſtellung von der Gottheit
zu haben, als niedrige, phantaſtiſche, die ſie ent-
würdigen“, jede Berechtigung entziehen, ſogar
wenn es ſich um die ſür das Kind ſchwierigſten
Begriffe über G. handelt. Überdies iſt jedoch G.
jelbſt der "bO a Schwäche u, insbeſondere
em Kinde hilfreich entgegengekommen : er offen»
barte ſich uns in menſchlicher Geſtalt, ſogar als
Kind, in Bethlehem u, Nazareth. Fortan konnte
auch der Schwächſte u, auch das Hind leicht zu
einer ganz richtigen u, reichhaltigen Kenntnis G.es
gelangen. Die Einwendungen gegen die Fähig-
keit des Kinde3, G. zu erkennen, kamen zum guten
Teile auch daher, daß man eben den wahren,
menſchgewordenen G. dur< ein unfaßbares Ab»
ſtrakium verdrängen wollte, über das nicht einmal
die Philoſophen ſelbſt, geſchweige denn die Kinder,
ſich einen klaren Begriff bilden konnten,
Literatur. Kieutgen, Die Philoſophie der
Vorzeit [1 (?1878 ; 9. Abhandlg) ; derſ., Die Theol.
der Vorzeit 1 (?1867 ; 2.--5. Abh.); G. Eſſer, G.
u. Welt (in „Nelig., Chriſtent. u. Kirche. Eine Apo-
fogetit" I (1912] 135/317); IJ. Geyſer, Lehrb. d.
allgem. Pſychol. (?1912; 17, Kap.: Pſychologie der
Begriſſe) ; derſ., Die intellekt. Entwi>l., mit beſ.
Berückſichtigung der relig. Begrifſe (2 Neferate bei
dem 4, katechet. Kurs in München. Ausgeführter
Bericht [1911]); J. Terwiel, Nouſſeaus Anſichten
üb. die geiſt. Entwickl. d. Kindes u. die heut, Kirchen»
pſythol. (Diſſ., Münſter i. W. 1908), -- Was die
experiment.“ Pädag. zu unſrer Frage direkt bietet,
iſt ſehr dürſtig u. öfter ſo einſeitig, daß vor einer
pralt. Anwendung ayf die Erziehungsarbeit gewarnt
werden muß ; beſſer ſieht es mit den Experimenten,
die ſich auf die Analyſe des kindl. Denkens u. Be-
grifſbildens beſchränken, ohne geradezu ins Neli»
giöſe einzugreiſen (vgl. K. Groos, Das Seelenleben
des Kindes [21911]. 16. Kap. : Der Verſtand).
[F. Kru3 8. J.]
Gottesfurcht [. Gott; vgl. Frömmigleit.
Gouvernante ſ. Erzieherin,
Gräfe, Heinrich. 1. Lebens8gang. G.
wurde am 3. März 1802 in Buttſtädt (Thüringen)
geboren, vollendete ſeine Studien in Mathematik,
Philoſophie, dann Theologie zu Jena u. wurde
hier 1825 Nektor der Bürgerſchule. Schon die
15 Jahre in dieſer Stellung zuſammen mit ſeinen
tüchtigen literariſchen Leiſtungen reichten hin, ſei-
nen Namen beſonder8 in der Shulwelt Mittel=
u. Norddeutſchland8 rühmlich bekannt zu machen.
An Stelle Brzoska3 wurde er 1840 Profeſſor der
Pädagogik an der Univerſität Jena, aber ſchon
1842 nahm er den Nuf als Nektor der Bürger»
ſchule in Kaſſel an, organiſierte dort das Bürger
ſchulweſen neu u. ſchuf ſeine Anſtalt zu einer an»
geſehenen, vielſtufigen Nealſchule (heute Oberreal»

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