449
ſchule) um. Als Abgeordneter in die Ständekammer
gewählt, verteidigte er die Volksrechte in mann=
hafter Weiſe, kam aber in den Verfaſſungskämpfen
in Kurheſſen mit der Regierung in ſol flikt, daß er eine jährige Haſt auf der Feſte
Spangenberg zu büßen hatte (1852). Von dort
entlaſſen, ging er, in ſeiner Geſundheit ſ geſchädigt, zuerſt nach Zürich u. vann nach Genſ,
wo er ein Inſtitut gründete. 1855 wurde er nach
Bremen zur Einrichtung der nenen Bürgerſchule
berufen, die er bald zu hoher Blüte brachte u. zur
Nealſchule erweiterte. Literariſch war er nebenbei
unermüdlich wirkſam. Am 22. Juli 1868 ſtarb
er in Bremen.
H. Bedeutung, Groß iſt, was G. al3 prak=
tiſcher Shulmann geleiſtet, größer ſein Verdienſt
al38 pädagogiſcher Schriftſteller. Auf dem Gebiete
de3 höhern Bürger» u. Nealſchulweſen3, ſeinem
eigenſten Wirkungsſelde, entwickelte er ſich zu einem
der gediegenſten Vorkämpfer u. Organiſatoren
dieſer Schulgattung. Verdienſtvoll iſt auc< der
1845 von ihm u. Vogel au3gegangene Nuf zum
Zuſammenſchluſſe der Nealſqulmänner. Seine
zahlreichen Schulbücher, mathematiſche, natur=-
wiſſenſchaftliche u. neuſprachliche, wurden viel
benußt. Aber ſein Intereſſe erſireckte ſic) auch
auf das Geſamtgebiet der Schule u. Erziehung,
ſpeziell der Volksſchule. Seine pädagogiſchen
Jdeen aus den beiden Hauptwerken, „Allgemeine
Pädagogik“ u. „Deutſche Volkſchule“, find im
weſentlichen folgende: Peſtalozzis Kraftbildung
u. deſſen Verhimmelung lehnt er ab, denn der
Menſc< muß formal u. real gebildet werden ; die
Cinſeitigkeiten Peſtalozzis darf man nicht über-
ſehen. Allgemeine Menſchenbildung zu erſtreben,
iſt ein Unding, da kein Menſch al38 Menſc<, ſon=
dern al8 Glied einer beſtimmten Geſellſchaft von
Menſc iſt die abſichtliche Einwirkung mündiger Menſchen
auf noch unmündige, um dieſe zu beſähigen, ſelbſt-
tätig im Sinne u. Geiſte des Erlöſers zu leben.“
Das iſt der ſonſt neben allen freiern Anſchauungen konſequent
feſthält, Sehr verſtändig äußert er ſich über die
Anſchauung der Philanthropenzeit, daß das Kind
von Gott u. göttlichen Dingen erſt dann etwas
hören dürſe, wenn e3 imſtande ſei, dieſe Begriffe
zu verſtehen. Da ſei grundfalſch. Wie das Kind
früher die Sprache gebrauchen, als ihre Geſeße ein-
ſehen lernt, wie es fich lange vorher an das ſittliche
Handeln gewöhnt, bevor e3 die ſittlichen Grund=
fäße würdigen kann, ſo müſſen auch Gefühl u. Wille
ſchon lange vorher religiö3 geſtimmt ſein, ehe die
Religion Sache der Erkenntnis werden kann. Mit
dem Schulbeginne tritt der Neligion3unterricht ein,
das Kind lernt Chriſtus den Erlöſer kennen ; Ge=
bet un. Geſang, der Beſuch des öffentlichen Gotte8=
dienſtes ſollen dazu ſühren, den religiöſen Glauben
im Kinde immer lebendiger zu machen. Zwe>
der Erziehung iſt, daß der Zögling mit der
erforderlichen Einſicht u, Willensſtärke ausgerüſtet
Lexikon der Pädagogik, 11.
Gräfe.

450
werde, um ſtet3 u. überall in ſeinem Lehen den
Willen Gotte3 nach de38 Erlöſer3 Vorbild u. der
Eigentümlichkeit ſeiner Kräfte u. Verhältniſſe zu
vollbringen. Die Erziehungs8tätigkeiten
ſind Pflege, Zucht u. Unterricht, Den Herbart-
ſchen Begriſf der „Negierung“ nimmt er nicht an.
Zwe dcr Pflege iſt die Beförderung der natür=
lichen Entwicklung, der Zucht die Gewöhnung
an da3 rechte Leben, de38 Unterricht3 Einſicht u.
Willensſtärke. Erziehung3grundſähße ſind:
Wirke auf den Zögling ſo, daß er ſelbſttätig u.
ſelbſtändig werde. Gebrauche in jedem Falle ſolche
Mittel, die in dem Zöglinge für den beabſichtigten
Zwe wirkſam werden können. Erziehe dem eigen=
tümlidjen Charakter der Verhältniſſe gemäß. Das
oberſte Prinzip der Erziehung iſt die Liebe zu
Gott, d. h. die gänzliche, freiwillige Hingabe des
ganzen Menſchen an Gott. Die Erziehung ſoll
den Zögling befähigen, daß er ſich in der Familie,
in ſeinem Berufe u. in ſeinem Verhältniſſe als
Bürger des Staates durc Liebe betätigt. Darin
folgt er geſunden Jdeen Schleiermachers. Die
reine Erziehungs8lehre behandelt die phy-
fiſche, intellektuelle, äſthetiſche, moraliſche, religiöſe,
joziale u. Geſchlecht3erziehung. Bei der ſozialen Er=
ziehung wird verlangt, daß der Zögling mit dem
Organi8mus des Staatsleben3 bekannt werde,
Achtung u. Gehorſam gegen die Staatsgeſeße
lerne. Die Schule gliedert ſich in die Elementar-,
Real=, Jdealſchule (Gymnaſium). Volksſchule iſt
der gemeinſchaftliche Name für die Schulen, in
denen die künſtigen Glieder de3 Bauern= 1. niedern
Bürgerſtande3 nicht nur ihre Grund- u. Elementar
bildung, jondern auch die für ihren Stand als
ſolchen erforderliche allgemeine Bildung erhalten.
Dieſen Standpunkt, der ſich nicht deat mit dem
Verlangen der deutſchen Lehrerwelt nach einer all=
gemeinen Volks8ſ der in Norddeutſchland no verbreiteten Vorſchule
ſür beſſere Stände, nimmt G. aus praktiſchen
Gründen ein. =- Wa3 er über die Methode
de3 Unterriht8: den Lehrgang, die Lehrform,
die Lehrweiſe, den Lehrgeiſt, ſchreibt, gilt meiſt
heute no<, die Zillerſchen formalen Stufen waren
nod) nicht geboren, G. folgt Herbart aber hierin
nicht. Die Methode der einzelnen Lehrfächer wird
eingehend behandelt, manches iſt heute überlebt,
vieles gilt noch.
G. ſpricht ſich über alle Schulverhält-
niſſe eingehend aus. Er will eine naturgemäße
Organiſation. Die Verteilung der Unterricht3-
fächer muß ſich nach den Alteröſtufen uſw. richten,
die Klaſſenziele dürfen nicht zu ho geſte>t werden.
Für die Lehrerbildung verlangt er Übungsſchulen
zur praktiſchen Ausbildung im Seminar, ſpricht
ſich aber gegen die Internate aus, weil ſie --
ſeiner einſeitigen Meinung nach --- die Lehrer
an blinden Gehorjam gewöhnen, ſie heranbilden
zu unduldſamem , rechtgläubigem Kirchentume.
Das Verhältni3 von Kirche u. Schule zeichnet G.
zum Teile ſehr zutreſſend ; „Die Schule würde
15

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.