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doch wurden auch allerlei ſchwerreizende Mittel,
elettriſche u. magnetiſche Apparate verſucht, wo»
durch der Betrieb ein etwas veräußerlichendes
Gepräge erhielt, das bei manchem Beſucher G.
als Scharlatan erſcheinen ließ. Nichtsdeſtoweniger
hatte OG. außerordentlich warme Verehrer, die,
zum Teil aus weiter Ferne herbeigeeilt, über das
Hitſawer? G.3 teilweiſe begeiſterte Berichte ſchrie-
en; jo Dr Röſch au3 Württemberg, Dr 'Buk
aus Hamburg, Medizinalrat Dr Hergt aus Karls»
ruhe, Die beſte Würdigung hat wohl Lehrer
Hörnig aus Dre3den auf Grund eine3 längern
Aufenthaltes auf dem Abendberge in einem Be-
richt an das ſächſiſche Miniſterium (abgedruct
im XX. Jahrg. d. Zeitſchr. f. d. Behandlung
Schwachſinniger u. Epileptiſcher, Dreöden 1901,
83 fj) geboten. Er betont, daß G. zweifello38 das
Verdienſt bleibt, „den Impul3 zu einer Reihe
theoretijch u. praktiſch fördernder u. zwekmäßiger
Beſtrebungen“ gegeben zu haben, daß ihn „wiſſen-
ſchaſtliche3 Streben, edle Pietät u. ein ſrühgebil-
deier Ernſt“ auszeichneten, daß die äußern Be-
dingungen der Anſtalt zwe>mäßig ſeien, daß aber
in der Direktion Konſequenz u. Energie, in der
mediziniſchen Behandlung die ſorgfältige Führung
von Protokollen (Indivpidualitätsliſten) u. im
Unterrichte gute Veranſchaulichung ſehlten.
Bedenkt man, daß wir :3 bei G, mit den erſten
Anfängen der Schwachſinnigenfürſorge zu tun
haben, u. daß er Arzt u. nicht Pädagog war, ſo
wird man über ſeine Arbeit milder urteilen, als
dies von manchem Zeitgenoſſen geſchehen iſt. Daß
e3 G. daneben nicht an Auszeichnung u, Anerken»
nung gefehlt hat, beweiſt ſeine Mitgliedſchaſt in
ahlreichen in» u. ausländiſchen (deutſch., ſchweiz.,
Franz. ital., ruſſ.) wiſſenſchaſtlichen Geſellſchaſten.
G. ſtarb am 2, Febr. 1863 u. wurde in Gſteig
bei Interlaken begraben. Seine Anſtalt wurde
wenige Monate nach ſeinem Tode infolge immer
neuer Verdächtigungen geſchloſſen.
Literatur. Außer den bereits erwähnten
Schriſten : IJ. P. Gerhardt, Zur Geſch. u. Lit. des
Tdiotenweſ. in Deutſchland (1904) ; K. Alther, G. u.
die Anſänge der ſchweiz. Idiotenfürſorge (1905).
--- Der Stand der ganzen Forſchung iſt dargeſtellt
im Bericht über die am 7.1. 8. April 1906 in Wien
abgehalt. 11. öſterr. Konferenz d. Shwachſinnigen-
fürſorge (1906). [F. Weigl.]
Gute Hirtinnen, So heißen die Mit=-
glieder der „Kongregation Unſrer Lieben Frau von
der Liebe des guten Hirten“, aud „Frauen vom
guten Hirten“ genannt. Ihre Haupttätigkeit bes
zwet Beih gefallener u. gefährdeter Mädchen.
1. Geſchichte. Schon im 13. Jahrh. ſinden
wir namentlich in Deutſchland Häuſer, in denen
ſich gefallene Mädchen zu gemeinſamem Bußleben
auf Grund der Auguſtinerregel vereinigten z ſie
nannten ſich „Magdalenen“. Daneben gab es ein-
zelne Stiſte, die ſolchen Mädchen lediglich Zu-
flucht gewährten ; andre ließen ſich darüber hinaus
die Bekehrung der Verirrten angelegen ſein. Beide
Gute Hirtinnen,

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Arten von Unternehmungen erwieſen ſich infolge
ihrer Organiſation als nicht lebensfähig. P. Eudes
(1601/80, Oratorianer, Gründer der „Genoſſen»
ſchaft von Jeſus u, Maria" beſonders zur Heran»
bildung einestüchtigen Pfarrklerus, ſelig geſprochen
1909) ſchuf darum eine neue Organiſation, deren
Mitglieder in der Heilerziehung gründlich geſchult
jein ſollten, Dieſe Kongregation entſtand dadurc,
daß geſallene Mädchen, erſchüttert von den Pre-
digten de3 Seligen, ſich ſreiwillig zu gemeinſamem
Bußleben zuſammenſchloſſen, um vor dem Rüdk-
ſalle geſchüßt zu ſein. Die Leitung übernahmen
zunächſt Damen aus der Geſellſchaſt. Die von
Endes auſgeſtellte Regel für die Büßerinnen ſtimmt
im weſentlichen mit der no< heute beſtehenden
überein, Das Haus erhielt den Namen „Kloſter
Unſrer Lieben Fraun von der Zuflucht“. Äußere
Anfeindungen u. innere Zwiſtigkeiten bewogen
ECudes, die „Frauen de3 Orden8 von der Heims
ſuchung" zu Caen zu veranlaſſen, die Erziehung
der Büßerinnen zu übernehmen u. hierſür No=-
vizinnen heranzubilden. Unter Zugrundelegung
der Auguſtiniſchen Negel arbeitete er eine nee aus
u. fügte den 3 gewöhnlichen Gelübden da3 4. hin-
zu, beſonders an der Beſſerung der verirrten Mäd»
Ordens8gewand u. über dem Skapulier ein ſilbernes
Herz mit den Bildniſſen der Herzen Jeſu u. Mariä.
Der Name war: „Orden Unſrer Lieben Frau von
der Nächſtenliebe u. Zuſlucht“. In der Bulle v.
2. Jan. 1666 wurde der Orden vom Papſte Alex-
ander VII, beſtätigt.
II. Außbreitung u. gegenwärtiger Beſtand.
Beim Ausbruche der ſranzöſiſchen Nevolution
zählte der Orden 7 Niederlaſſungen. Durd) die
Schre>ensöjahre au3einandergetrieben, nahmen die
Schweſtern nach Wiederherſtellung der Ordnung
ihre Tätigkeit wieder auſ. Veranlaßt durd) den
Biſchof Montault v. Angers u. mit Unterſtüßung
der Frau v. Neuville wurde in Anger3 1829 ein
Aſyl gegründet mit dem Titel „Haus vom guten
Hirten“, zu deſſen Leitung die Oberin vom Klo=
ſter der Nächſtenliebe u. Zuſlucht in Tours,
Schweſter Maria von der hl. Euphraſia Belletier
(+ 1868), mit einigen Schweſtern beruſen wurde.
Sie gründete mehrere Filialen, ſuchte dieſe zu einer
Kongregation zu vereinigen u. erlangte von Gre-
gor XVI. am 3. April 1835 deren Beſtätigung
unter dem Namen „Orden Unſrer Lieben Frau von
der Liebe des guten Hirten“, kurz „Schweſtern vom
guten Hirten“. (Mutterhaus wurde das Kloſter in
Angers.) Die Genoſſenſhaſt dehnte ſich bald ſo
aus, daß ſie in Provinzen eingeteilt werden mußte,
die dur< Dekret v. 21. Juli 1855 ſeſtgelegt
wurden. 1908 zählte die Kongregation 251 Nie-
derlaſſungen in 29 Provinzen, Deutſchland hat
4 Provinzen: 1. München (1840) mit Mainz
(1854), Ettmannsdorf (1861), Altſtätten (1868);
2. Münſter i. W. (1850) mit Marienfelde
(1858), Reini>endorf (1887), Marxheim (1891),
Bocholt (1902); 3. Köln (1862) mit Straßburg

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