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die unter dem eiſigen Hauche der ſelbſt» u. ge»
nußjüchtigen Gegenwart erſtarrten Herzen unſrer
Green Ga empfänglicher machen für die
Großtaten Golte8 in der Natur wie im Menſchen»
leben. „Denn wer den Tropfen Tau im Graſe
ſchont, wird Tränen nicht aus Menſchenaugen
preſſen.“ Zartſinn, Höflichkeit, vornehme Güte
müſſen die Kinder (wie die Eltern) aus den höhern
Geſellſchajtökreiſen gegen Dienſiboten , unter»
geordnete, leidende, ungebildete =- aber darum
nicht rohe od. verächtliche -- Perſonen zeigen aus
der zum Lebenögrundſaße gewordenen Überzeu»
gung: „Cs8 gibt keine höhere u. ernſthaſtere Auſ»
gabe, al3 die Menſchen zu beglücken“ (Schiller,
Vorr, zur „Braut von Meſſina“). Endlich aber
mag die jugendliche wie ältere Bobheit u. Noheit
der an „unverbeſſerlicher“ H. krankenden Geſell»
ſchaſt durch die ganze Strenge der ſiraſenden Ge-
rechtigleit getroſſen werden, wenn ſie alle Liebe,
die ſie zur Höhe edler Menſchlichkeit emporziehen
will, von ſich ſtößt u. die friedliche Kulturgemein-
ſchaſt der Guten zu zerſtören ſucht.
Literatur. IJ. Loe, Gedank. üb. Exrzieh,
(*?3910); Salzmann, Krebsblichlein (71912) ; W.
Nein, Enzyklop. Handb. d. Pädag. 111 (24905).
[A. Wagner.]
Harthörigkeit, im Sinne von Shwer-
hörigkeit [. Ohrenkrankheiten ; in übertragener
Bedeutung [. Eigenſinn.
Haß, 1. Weſen. H. iſt da3 konträre Gegen»
teil von Liebe (ſ. d.). Iſt dieſe Wohlgefallen u.
Zuneigung, Wohlwollen u. Wohltun, dann iſt
der H. in ſeiner vollen Entſaltung Mißſallen u.
Abneigung, Abelwollen u. Dbeltun. Doch unter»
ſcheiden die Moraliſten den H. de8 Abſcheus u.
den der Feindſchaft (odium abominationis u.
odium inimieitiao). Der H. des Abſcheu richtet
ſich gegen ein Übel, eine ſchlechte od. uns ſchädliche
od. löſtige Geena in der Perſon, gegen dieſe
jelbjt nur, inſojern jene8 Übel in ihr bemerlt
wird. Dieſer Widerwille iſt nicht ſündhaſt, wenn
er ſich gegen die Fehler de3 Nächſten richtet, 3. B.
gegen ſeine Unkenſchheit, u. dabei den Nächſten
nicht mehr triſſt, als er verdient, die Perſon des
Nächſten wegen ihres Fehler8 nicht zu ſtreng
beurteilt. Der H. der Feindſchaſt beſteht in der
Freude an od, dem Verlangen nach einem Übel
des Nächſten, inſofern e8 für ihn ein Übel iſt;
dieſe Feindſchaft iſt ſtets unerlaubt.
II. Der H. im Leben der Kinder iſt gar ſo
ſelten nicht. Er erwacht gegen Geſchwiſter u. Mit-
ſchüler aus Mißgunſt u. gekränktem Ehrgeiz, ex
richtet ſich gegen die Erzieher 1. ſogar gegen die
Eltern wegen erhaltener Vorwürſe, wegen gerechter
u. vor allem wegen ungerechter od. ungerecht er»
ſcheinender Straſen, gegen beliebige Perſonen
wegen unſympathiſchen Benehmens, wegen eines
Unrechte3, einer Beleidigung, die ſie ſelbſt od.
ihre Angehörigen od. Freunde erlitten haben. Der
H. äußert ſich beim Kinde zwar oſt ſehr raſch
u. heftig, aber er geht in der Negel ſchnell vor»
Harthörigleit -- Haß,

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über. Dennoc< darf die Bekämpfung des H. bei
der Erziehung de8 Kinde3 nicht vernachläſſigt
werden; denn er iſt eine ebenſo unſchöne wie ver-
derbliche Verunſtallung des Gemüte8, das ge-
rade Gegenteil der EN wohlwollenden
Nächſtenliebe, die ebenſo die Quelle des innern
Friedens wie die Quelle einer beglükenden Wirk»
jamkeit in Familie u. Geſellſchaft bildet. Aus-
brüche des H. bringen das Kind in Widerſpruch
mit den tiefſſen u. edelſten Empfindungen ſeiner
Seele, verbittern ſein Gemüt, machen es unfähig
zum Gebet u. zu ſegensreicher Arbeit. Der H.
führt zu Argwohn u. Mißtrauen, zu Klatſchſucht
1. Verleumdung, zu häßlichem Zank u. Streit,
mitunter zu überraſchend rohen Taten der Feind-
ſchaft u. Nachſucht ; er bereitet, wenn er nicht früh-
zeitig gezügelt u. bekämpft wird, zu jenen be=
klagenswerten Begleiterſcheinungen de8 neuzeit=
lichen Lebens vor, die man als Klaſſen», Naſſen-,
Konſeſſion8- u, Neligion8=-H. bezeichnet, ja er kann
zu allgemeinem Menſchen-H. führen. Wie die
Hl. Schrift in zahlreichen Erzählungen u. Aus=
ſprüchen zeigt, ſteht der H. im Widerſpruch mit
dem heiligen Willen Gotte3 u. mit den Forde-
rungen de38 Heilande8, der im ergreifendſten
Augenblicke jeines Leben3 die Feindesliebe als
neue Himmelsblüſte in die haßerſüllte Welt hinein-
gepflanzt pet,
111. Die Bekämpfung des H. ſcht vor allem
Beſeitigung der Urſachen, aus denen er entſteht,
voraus, Darum vermeide der Erzieher ſeinen
Zöglingen gegenüber alle übertriebene Härte;
beim Tadeln u. Straſen hüte er ſich vor ver-=
lezendem Hohn u, Spott, vor jedem Scheine des
Unrechts a. der Parteilichkeit. Seine Autorität
ſichre er nicht dur Beſolgung de8 Wortes eines
Caligula: Oderint, dum motuant („Sie mögen
mich haſſen, wenn ſie mich nur fürchten“), ſondern
nach dem Nate F. W. Foerſter3: „Wer gefürchtet
werden will, der ſorge daſür, daß er geliebt
werde.“ Der Lehrer ſuche den „Weg zum Herzen
des Schüler3" (Herm. Weimer [*1908]) nicht
durch kameradſchaſtliche Herabwürdigung od. über-
triebenes8 Wiheln, ſondern dadurch, daß er dur<
in ganzes Verhalten ſeinen Willen u. ſeine Be=
ähigung, ſür das allſeitige Wohl des Schülers
zu wirken, an den Tag legt. -- So ſehr man auc
die Kinder mit Abſcheu gegen Sünde u, Unrecht
erfüllen muß, ſo ſuche man ſie doch vor Liebloſig-
keit u. H. gegen die fehlenden Perſonen zu be-
wahren. Ernſte, demütige Selbſtprüſung, auf-
richtiges Erkennen u, Anerkennen der eignen
Schwächen ſoll u. wird ſie bewegen, die Berſon
de3 Fehlenden mild zu benrteilen u, nach Möglich»
keit zu entſchuldigen. Abſtoßende Charatterſchler
lerne das Kind beſonders bei Eltern u. Vorgeſeßten
auffaſſen al8 Wunden, die der Seele im Kampfe
des Leben8 durch ſchwere Leiden, aufreibende
Sorgen u. bittere Erſahrungen geſchlagen wurden
u. ähnlich wie die entſtellenden Narben eines alten
Soldaten eher Ehrfurcht verdienen als H. u. Ber-

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