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Mutter anders uſw. Daß aber eine ſo planloſe
Erziehung8weiſe zu manchen Neibungen des H.
mit der S. führen muß, liegt auf der Hand.
Eine reiche Quelle von Entſremdungsmöglic-
keiten bildet auch die elterliche Liebe, zumal wenn
ſie ſich der Aſſenliebe (ſ. d.) nähert. Man preiſt
ſie mit Necht als ein unerſeßbares Gut, denn ohne
ſie wäre ein Familienleben gar nicht denkbar, Aber
man darſ dieſe natürliche Liebe auch nicht über»
ſchößen u. vor allem nicht mit der Tugend der lichen Nächſtenliebe verwechſeln. Schon Chriſtus
hat davor gewarnt (Mt 5, 46 ff). Sie iſt nicht
unſer Verdienſt, ſie wird mit uns geboren al8 eines
der wichtigſten Mittel der Arterhaltung u. iſt daher
auch dem Tiere eigen. Sie umfaßt nicht, wie die
ſchied, fie gilt immer nur den Eignen. Sind dieſe
bedroht, ſo tritt für ſie jol ein, ohne nac Nec macht in der Tat blind, wie das Sprichwort ſagt.
Kein Wunder alſo, daß ſie nur allzu geneigt iſt,
auch der S. den Fehdehandſchuh hinzuwerſen,
wenn dieſe mit einem ſchlechten Zeugniſſe od. gar
mit empfindlichen Strafen das geliebte Kind an»
zutaſten wagt.
Und iſt die S. ſelber immer frei von Mitſchuld,
wenn e3 zwiſchen ihr u. dem H. zu Mißhelligkeiten
kommt? Gewiß nicht! Sie hat wie alle menſch»
lichen Einrichtungen der Mängel u. Gebrechen
genug. Die ſchon erwähnte Uniſormität raubt ihr
vielfach die nötige Beweglichkeit u. Anpaſſungs»
fähigkeit, Ihre Lehrpläne halten öſter nicht Schritt
mit dem Wandel der Zeit u. machen ſie damit
rückſtändig u. weltfremd. Ihre größte Schwäche
aber liegt nicht in den Einrichtungen, ſondern in
der Abhängigkeit von den Menſchen, die in ihr
wirken. Cin ſchlechter Lehrer kann die treſſlichſte
Schulorganiſation zuſchanden machen, u. ein
guter die erbärmlichſte Lehranſtalt zu einer Stätte
des Glüds u. froher Arbeit. Die amtliche Tüch-
tigfeit iſt dabei viel weniger maßgebend als da3
Herz. 3 bildet die Quelle des Mitfühlens mit
der Jugend, de3 Verſtehens ihrer Eigenart u. nicht
zum wenigſien der wirklichen innern Herrſchaft
über die Jugend. Wo die nicht quillt, da bleiben
ſich Lehrer u. Schüler fremd u. mit ihnen H. u, S.
II. Die Notwendigkeit des Zuſammen-
wirkens8 von H. Uu. S. Wenn man ſo die zahl-
reihen Momente betrachtet, die H. u. S. von=
einander trennen können, dann möchte man faſt
wieder wünſchen, ſie ſchlöſſen ſich gänzlich von-
einander ab u. beſchränkten ſich auf ihre Spezial-
aufgaben, das H. auf die Erziehung, die S. auf
die Unterweiſung. Indeſſen ſind H. u. S. nun
einmal zuviel aufeinander angewieſen, als daß ſie
ſich gegenſeitig mit Erfolg ignorieren könnten, u.
ſie werden durc die wirtſchaftlichen Umwälzungen,
die in unſerm Vaterlande vor ſich gehen, immer
mehr voneinander abhängig, am meiſten freilich
da3 H. von der S. Wie einſt die Unfähigkeit des
erſtern, ſeinem Nachwuchſe die Geiſtesſchäße der
Haus u.


Schule. 630
Mit= u. Nachwelt zu übermitteln, zur dauernden
Einrichtung der S. geführt hat, ſo gibt e8 heute
mehr u. mehr auch Erziehungsauſgaben an die S.
ab; es geht einer bedauerlichen erziehlichen Ver»
armung entgegen. Da8 Anwachſen der Induſtrie
verſchärft den menſchlichen Wettbewerb u. ſtellt die
Arbeii ums tägliche Brot in weiten Sichten der
Bevölkerung dermaßen in den Vordergrund, daß
die häusliche Erziehung der Kinder auſs empfind
lichſte darunter leidet. Am ſchlimmſten ſteht es
da, wo die Not auch die Mutter zur Arbeit außer-
halb de3 H. treibt. Da müſſen die Kinder körper=
lich u. geiſtig verkümmern, wenn ſich nicht die
Öffentlichkeit mit allerlei erzieheriſchen Hilf8ein-
richtungen, wie Sängling3heimen, Kinderbewahr-
anſtalten , Kindergärten, Knaben= u. Mädchen-
horten, Schulſpeiſungen, Ferienkolonien uſw., ihrer
annimmt. Aber auch in den wirtſchaftlich beſſer-
geſtellten Kreiſen werden die Zeit u. die Kräfte
de3 Vaters dur) die Beruſs8arbeit dermaßen in
Anſpruch genommen, daß er in der Familie vor
allem Ruhe u. Erholung ſucht u. darum ernſterer
erzieheriſcher Beſchäſtigung mit ſeinen Kindern
gern aus dem Wege geht. Der Mutter aber feh»
len, wenigſtens dem größer werdenden Kinde gegen-
über, in ſehr vielen Fällen die zu erfolgreicher Er=
ziehungöarbeit nötige Tatkraſt u. Autorität.
Ganz beſonder3 ſchädigend wirkt die zunehmende
Induſtrialiſierung uiſer3 Volkes auf dem Gebiete
der Erziehung zur Arbeit u. zu praktiſcher Leben3=
erfahrung. In frühern Zeiten war die Familie in
diejer Beziehung eine Bildungsſtätte von großer
Wichtigkeit. Solang noc< die Mehrzahl der
Menſc ſolang das Kleingewerbe no Väter u. Mütter ein Intereſſe daran, ihre Kinder
zu zahlreichen kleinen Verrichtungen in H. u. Ge-
ſchäſt heranzuziehen. So wurden dieſe durch un-
mittelbare Anſchauung u. durc eigne Betätigung
zu Menſchen erzogen, die mit der Wirklichkeit ver=
traut waren u. fich jederzeit darin zurechtfinden
konnten. Heute aber, in der Zeit der Mietwoh=
nungen u. der beſißloſen Arbeiter» u. Beamten=
heere, bekommen die Kinder im H. immer weniger
Anregung zu eignem Handeln u. zu praktiſcher
Lebenöerfahrung. Die ärmern Klaſſen zwingt noch
die Not de3 Leben3, ihren Nachwuchs zu manderlei
häuslichen Geſchäſten anzuhalten. Je wohlhaben=
der jedod) die Familien ſind, um ſo weniger erfahren
ihre Kinder vom Getriebe de3 Alltags. E8 bleiben
ihnen dadurch nicht nur viele wichtige Lebens3be=
dingungen unbekannt, ſie lernen vor allem die
Hand, dieſe einzigartige Kulturſchöpferin, kaum
anders gebrauchen al38 zum An- u. Auzziehen,
zum Schreiben, Zeichnen, Muſizieren u. zum
Sport. Der Handſertigkeit3unterricht u. die Idee
der Arbeitsſchule finden bekanntlich in dieſem Nots=
ſtande mit ihre wichtigſte Begründung.
Auch der zunehmende Wohlſtand unſer38 Volkes,
ſo erfreulich er in vieler Beziehung iſt, trägt in
gewiſſen Kreiſen zur Erſchwerung de3 häuslichen

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