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in Vereinen erörtert worden. So hat u. a. der
Preußiſche Lehrertag 1912 in Bezug auf die Ju=
gendpflege den Saß angenommen: „Die Schule
hat den rechten Heimatſinn zu wecken u. zu pfle-
gen.“ Die Lehrervereine haben ſich bereitwillig in
den Dienſt der Sache geſtellt, in den Fachorganen
ſind nicht ſelten aufklärende Auſſähe dieſer Art zu
leſen, u. freiwillig haben ſich außerdem viele Lehrer
al3 H.ſörderer erwieſen. Die Schule ſoll dieſen
Beſtrebungen in erſter Linie durch Pflege des Ge-
ſc kunde (ſ. d.) entgegenkommen. Erſtere8 kann ge»
ſchehen, indem bei jedem paſſenden Anlaſſe im
Unterrichte da38 C gegengeſtellt wird ; lekteres läßt ſich auf Wande-
rungen ungeſucht erreichen durch Hinweiſe auf das
Heimiſche in der Bauweiſe u. auf andern Inter-
eſſengebieten. Beſonder3 aber ſoll die Schule zum
Naturſchuß (ſ. d.) beitragen, indem ſie mit den
Eigenarten der heimiſchen Natur bekannt macht u,
zu deren Schuß auffordert. Der Lehrer, der ſich
mit den Denkmälern u. Naturſchönheiten der Hei-
mat bekannt macht, wird vor allem verhindern,
daß durch Gleichgültigkeit od. Noheit weiterer
Schaden an dem Beſtande angerichtet wird. Man
denfe 3. B. an den Naubbau, der vielfach no
beim Botaniſieren u. bei der Beſorgung von Ob-
jekten für den Zeichenunterricht getrieben wird. --
Wünſchen3wert iſt die Beteiligung der Lehrer-
ſchaſt an der Naturdenkmalpflege im wiſſenſchaft-
lichen wie praktiſchen Sinne. Dem Kinde iſt der
Gedanke unſchwer nahezulegen, allzeit ein Hüter
der Naturſchönheiten zu ſein. Dem pädagogiſchen
Charakter der Naturdenkmalpflege entſprechend
hat dieſe Bewegung überall zuerſt die Lehrerſchaft
ergriffen. Da u. dort (z. B. in Liegnitz) beſtehen
Ic Literatur. W. H. Niehl, Die Naturgeſch. d.
dtſc<. Volkes (4 Bde, in verſch. Aufl.) ; H. Hans-
jakob, Unſre Volkstrachten (*1896)z; O. Sc razheim , Hie Volkskunſt! (1893); R. Mielke,
Volkskunſt (1896) ; H. Sohnrey, Das Land (ſeit
1893) ; derſ., Wegweiſer f. ländl. Wohlfahrt» u.
Heimatpflege (31908); derſ., Kunſt auf d. Lande
(1905) ; E, Nudorff, H. (*21904); P. S Naumburg, Kulturarbeiten (7 Bde, in verſch. Aufl.);
H. Conwenß, Die Heimatkunde i. d. Schule (?1906);
derſ., Die Geſährdung der Naturdenkmäler u. Vor=
ſc Naturſchilderung (?1906) ; E. W. Bredt, Deutſche
Lande, deutſche Maler (1909); H. v. Saliſch, Forſt=
äſthetif (81911); O. Schwindrazheim , Kunſt
Wanderbücher (5 Bdhen, 1907 f) ; R. Mielke, Das
deutſche Dorf (1910); B. Clemenz, Wandern 1,
Sauen i. d. Heimat (1910) ; derſ., Liegniß u. d.
Liegnitz. Landſchaft (1912) ; derſ., Naturdenkmal»
pflege u. Schule (1909); E. Vetterlein, Heimat»
kunſt (1905); BP. Knötel, Kunſt u. Heimat (1910);
E. Gradmann, H. u. Landſchaftpflege (1910); K,
Guenther, Naturſchuß (1910); O. Winter, Sc haus u. Heimat (1911) ; J. Trojan, Unſre deut«
ſchen Wälder (1911); Die ſchöne deutſche Stadt :
G. Wolf, Mitteldeutſchland (21912).
[B. Clemenz.]
Heimlichtuerei,

702
Heimlichtuerei, 1. Begriff. Die H. od.
Geheimtuerei iſt dem erſten Kindesalter ſremd ;
ſie entſteht erſt mit der Ausbildung des Scham=
gefühl8 u. braucht inſofern an ſich nicht ohne
weitere3 als etwa3 Schlechte3 zu gelten. In ge=
wiſſem Sinne wird ja jeder normal empfindende
Menſch mand innerſten Weſens geheimzuhalten haben; denn
keine Indiskretion iſt größer al38 die, wel gegen ſich ſelbſt verübt. Jjt dieſe keuſche, aller
weibiſchen Geſ auch mehr Sache de3 reifern Menſc jo gibt e38 do auch bereit3 unter Kindern Cha=
raktere, die in vornehmer Weiſe ſich in ſich ſelbſt
zu verſchließen ſuchen. Die rechte Diagnoſe der
einwandfreien u. der verwerflichen H. iſt daruni
durchau3 nicht immer leicht.
H. ſchlimmer Art liegt vor, wenn ſie ſich zu
Lug u. Trug au8wächſt u. dadurch das Vertrauen
zwiſchen Kind u. Erzieher zerſtört. Mit Lüge,
Heuchelei, Verſchlagenheit (vgl. dieſe Art.) blut=
verwandt, entſproßt ſie wie dieſe einem unehr=
lichen Herzen u. treibt ihr Weſen abſeit3 vom
Lichte des Tages. Mit Verſchwiegenheit (ſ. d.),
die auf edeln Motiven beruht, hat dieſes ver=
ſtete Weſen nicht3 zu tun; denn e3 iſt eine
Frucht ſelbſiſüchtiger, unreiner Geſinnung. Das
heimlichtueriſche Kind brüſtet ſich mit ſeinem
Wiſſen von allerhand Heimlichkeiten u. ſucht ſich
vor den Mitſchülern intereſſant zu machen ; da=
dur) wird ſeine H. leicht zur Geheimnis8-
krämerei, deren Getue im umgekehrten Ver-
hältniſſe zur Wichtigkeit der Sache ſteht. Oft iſt
da8 Prahlen mit dem Beſitze einer beſonder3 reiz=
vollen Neuigkeit nic<ßt3 andres al3 Lüge u. will
nur die mit der H, ſo leicht zu verbindende Neu=
gierde weden od. gar Gewinn erzielen. Heimlich-
keiten werden von Kindern bekanntlich geradezu
verſchachert. Ihren höchſten Grad erreicht die H.,
wenn ſie einerſeits zum Verheimlichungstriebe wird,
mit dem ein Kind ganz außerſtande iſt, ſich ein=
mal offen u. ehrlich zu geben, anderſeit3 zu un=
beſugter Geheimpolizei ſich auſwirſt.
11. Urfachen. Wie mand andrer Kinderſehler,
jo entſpringt auch die H. in vielen Fällen einer
verkehrten Erziehung. Wo überſtrenge Zucht
waltet , iſt es nicht verwunderlich, wenn ſelbſt
Kleinigkeiten, wie Näſchereien, Zerreißen von
Kleidungösſtücken uſw. , aus Furcht verheimlicht
werden. Dasſelbe gilt in allen Fällen, wo die
Eltern u. Lehrer ſelber ſich der H. ſchuldig machen
u. ein böſes Beiſpiel geben. Vor allem ſind es
nicht jelten gerade die Mütter, welche die Kinder
anſtiften, dieſe3 od. jene3 vor dem Vater geheim=
zuhalten, ſei es um ihm Ärger u. Unruhe zu er-
ſparen, fei e3 um ihn direkt zu täuſchen. Aud
ältere Geſchwiſter können dur< Verleitung zur H.
auf die jüngern einen unheilvollen Einfluß aus=
üben. Ebenſo ſpielen die Dienſtboten in dieſer
Hinſicht oft eine verhängni8volle Rolle, indem ſie
mit den Kindern hinter dem Rücken der Dienſt-

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