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herrſchaft Durchſtechereien treiben, Daß derartige
Einwirkungen auf ein zarte3 Kindergemüt die
übelſten Folgen haben müſſen, iſt leicht einzuſehen,
zumal wenn man ſich vergegenwärtigt, wie man-
d gend ſchlummern (die Phrenologie unterſcheidet
ja ſogar einen beſondern Verheimlichungäſinn,
den Sekretgal), Da iſt, wie jchon in Abjchn, 1
angedeutet, z. B. die Eitelkeit, die namentlich die
Mädchen leicht verleitet, Kleinigkeiten u. Neben»
ſächlichkeiten zu großen Geheimniſſen auſzubayu»
ſchen u. ſich mit deren Kenntnis wichtig zu machen.
Aber auch bei Erwachſenen u. jogar beim männ»
lichen Geſchlechte findet man dieſen unſchönen Zug
u, pflegt ihn hier als Renommiſterei zu brand»
marken. Beſonders häßlich wird dieſe Art der H.,
wenn ſie ſich mit der Freude am Klatſche ver-
bindet u, ſich gebördet, als hinge der Ruf eines
Menſchen von ihrer Gnade ab. Unter dem Scheine
diskreteſter Verſchwiegenheit u, zarteſter Nückjicht-
nahme auf die Chre de3 lieben Nächſten wird da
von Ohr zu Ohr getuſchelt, u, jeder iſt beglüct,
an den „Geheimniſſen“ eine3 „ſo gründlich Ein»
geweihten“ teilnehmen zu dürfen.
Von den Fällen, in denen die H. gleichbedeu-
tend iſt mit Berheimlichung tatſächlicher Begeben»
heiten, iſt am bedenklichſten u, ſolgenſchwerſten die
Geheimhaltung ſchlechter Lektüre, des Verkehrs
mit verdorbenen Genoſſen u. der aus beiden ſich
gewöhnlich ergebenden geſchlechtlichen Verjündi-
ungen aller Art. Gerade die leztern bilden den
Hauptnährboden der H. („Jeder Maſturbator iſt
ein Lügner!“) u. können durch die Geheimtuerei
der Beteiligten zu einer wahren Sintflut an»
wachſen, zumal in ſchlecht beauſſichtigten Inter-
naten. Hierbei ſpielt der böſe Korpägeiſt (ſ. d.)
eine ſchlimme Nolle, der unter ungünſtigen Ver»
hältniſſen geheime Schülerverbindungen (ſ. d.),
Betrügereien bei Schul» u. Prüfungzsarbeiten,
Komplotte gegen mißliebige Lehrer u. Verſeh»
lungen jeder Art üppig gedeihen läßt. Übt do
gerade die Heimlichkeit bei allen dieſen Dingen
den größten Reiz aus.
111. Die Bekämpfung der H. in allen ihren
Schattierungen kann nur dann Erfolg haben,
wenn ſie ſich nicht auf einzelne Maßregeln be-
ſchränlt, ſondern auf eine durchgreifende moraliſche
Erneuerung de3 ganzen Menſchen bedacht iſt. Vor
allem gilt es, eine folgerichtige Erziehung der
Jugend zur Wahrhaſtigkeit (f. d.) u. Offenheit
(ſ. d.) durchzuführen, um da3 Verwerſliche, Feige
u. Berächtliche einer ſolc rechte Licht zu ſtellen. Daneben iſt ſreilich auch
Sorge zu tragen, daß die vorhin gerügten Ver-
kehrtheiten der Erziehung verſchwinden. Dem
Kinde muß Vertrauen eingeflößt werden, damit
e3 anch den Mut der Oſſenheit haben kann.
Willkür u. Launenhaſtigleit der Erzieher, die auch
die unſchuldigſten Regungen der Kindeösſeele nicht
elten laſjen wollen, zwingen ja geradezu zur Ver»
jſchloſſenheit u. H. Au ſoll der Lehrer ſich hüten,
Heimweh.

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alles wiſſen zu wollen, u, möge es vor allem als
eine pädagogiſche Verſändigung erſten Nanges
empfinden lexnen, Auſpaſſer unter ſeinen Schülern
heranzubilden, Wenn irgend etwas geeignet iſt,
Mißtrauen (ſ. d.) u. H. im großen Stile zu
züchten, ſo iſt e8 die Anleitung zur Spionage. Vor
allem aber gebe man ſelbſt kein ſchlechte3 Beiſpiel
y. laſſe die Kinder niemals merken, daß man Dinge
vor ihnen zu verheimlichen hat, Schon ans dieſem
Grunde ſollte das Gebiet des Geſchlechtälebens,
auf dem die H. ganz beſonders in Blüte ſteht,
einer keuſchen, verſtändigen Belehrung nicht völlig
entrajen ; vgl. darüber den Art, Geſchlechtliche
Aufklärung, [C. M. Noloſſ.)
Heimweh, Ovid3 Klagelieder aus der Ver-
bannung dringen bei weitem nicht ſo zu Herzen
wie die wenigen Worte, mit denen Homer uns zu
Mitſühlenden des von Sehnſucht nach ſeiner
Heimat verzehrten Odyſſeus macht (Od. 5, 152).
Wie der Vielduldende ſucht die deutſche Iphigenie,
ſern von den Lieben, da3 traute Heim „mit der
Seele“. Dem tiefen Abſchied3ſchmerze, wie Goethe
ihn bei ſeinem Scheiden von Nom empfand u. in
„Taſſo“ zu poetiſchem Ausdrucke verklärte, gleicht
das unwiderſtehliche Gramgeſühl, da3 oſt plöklic
durch eine äußere Veranlaſſung od. durc inner-
lie Anregung eine Erinnerung entzündet, den
Menſchen mit jäher Gewalt ergreift u. zurückzieht
zu dem, was man verlaſſen hat, der Stätte der
Geburt, dem Glüde der Kindheit, dem wärmen=
den Sonnenſtrahl ſelbſtloſer Liebe, wie ex kommt
aus den Herzen treuer Eltern u, Geſchwiſter. Wen
dieſes unnennbare ſeeliſche, ja körperliche Leid de3
Scehnens packt, dem iſt e3, wie Adalbert Stiſter
im „Heidedorſ“ ſo zart die Wunde anrührt, „als
ſjc zende Nuhe, wie eine ſanſte Einſamkeit“; er
empfindet H. Dieſe hauptſächlich ſeeliſche Krank-
Heit iſt weit älter al8 ihr Name, deſſen Heimat
die Schweiz iſt, deſſen Vorkommen in der Literatur
ſich erjt 1678 nachweiſen läßt. Gerade den Sohn
der Alpen zieht e38 in die Ferne; des Heidebewoh-
ners, des Küſtenländer3 Auge ſpäht gleich jenem
in die Weite. Alle drei erfaßt aber aud) zuweilen
da8 Sehnen nach der Heimat mit aller Macht.
Bleibt e8 ungeſtillt, dann kann da3 Herz ihnen
vor Weh brechen. Wanderluſt u. H. ſind Morgen-
u. Abendrot der Seele. Mutterſprache, Mutter-
laut, ein Sang, ein Klang aus dem Heimatlande
laſſen die Aolöharſe de3 Gemütes in wunderſamer
Weiſe ertönen. Darum drückt aud) die Dichtung
u. zumal das aus der Tiefe de3 Herzens quellende
Volkölied beſſer al3 alle Schulweisheit das Weſen
de3 H. au3 u, bietet oſt allein Linderung für den
heftigen Seelenſchmerz. Heilung bringt gewöhn-
lich nur Heimkehr od. ein Wiederſehen der ver-
mißten Lieben. Wenn aus einem Internate Zög-
linge nach Hauſe ſliehen, darf der Vorſteher ſie
nicht wie Fahnenflüchtige beſtrafen. Er ſoll dem
von H). gequälten Zöglinge verſprechen, daß er ihn,
fall8 er wieder von unbezwinglicher Schmach er»

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