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liegt für H. ſeine Bedeutung nicht bloß für das
Wiſſen, ſondern auch, weil Fühlen u. Wollen im
Vorſtellungsleben wurzeln, ſür die Willen8- u.
Charakterbildung. --- Der Gang de3 Unterrichts
iſt entweder ſynthetiſch od. analytiſch. „Man kann
im allgemeinen jeden Unterricht ſynthetiſch nennen,
in dem der Lehrer ſelbſt unmittelbar die Zuſam=
menſtellung deſſen beſtimmt, was gelehrt wird,
analytiſch hmgegen denjenigen, wobei der Schüler
zuerſt ſelbſt ſeine Gedanken äußert, u. dieſe Ge=
danken, wie ſie nun eben ſind, unter Anleitung des
Lehrer3 auseinanderſeßt, berichtigt u. vervollſtän=
digt werden.“ In diefen u. den erläuternden An
gaben H.3 liegen die Richtlinien für ein Lehrplan-
ſyſtem, weiter aber in dem Sinne etwa, wie ſpäter
Ziller ſie ausgebaut hat, gehen ſie nicht. H. ſelbſt
od. die Mitglieder ſeine3 pädagogiſchen Seminars
ſind nie zur Auſſtellung eines Lehrplanſyſtems ge=
kommen. Der Ausbau de38 Gedankenkreiſes findet
ſeine Krönung in dem ſittlichen Charakter, deſſen
Entſtehung u. Eigenſchaſten H. eingehend beſpricht,
wobei immer die beherrſchende Stellung des Unter=
richt3 in den Vordergrund tritt.
ce) Die Zu ht. Sie iſt mit der Negierung
verwandt. Während dieſe den Willen des Kindes
nur biegt, ſucht die Zucht ihn zu gewinnen u. zu
veredeln. Sie iſt „die unmittelbare Wirkung auf
das Gemüt der Jugend, in der Abſicht zu bilden“.
Ihre Mittel ſind Ermahnen, Warnen, Zurecht=-
weiſen, Lohn u. Strafe. Die Zucht ſoll auch die
Bildung des Gedankenkreiſes fördern, indem ſie
dafür ſorgt, daß der Zögling mit der rechten Stim=
mung u. Sammlung in den Unterricht eintrete.
„Die ganze Lebensart muß frei ſein von ſtörenden
Einflüſſen, nicht3 für den Augenblick überwiegend
Intereſſierendes8 darf das Gemüt erfüllen.“ Für
die Charakterbildung ſorgt die Zucht, indem ſie
da8 Handeln nach dem eignen Sinne einerſeits
beſchränkt u. anderſeits fördert. Sie ſoll die Tat
pflegen, „damit ein Anſang von Charakter ſi
dur< Handeln od. Nichthandeln ſchon jekt erzeuge
od. nicht erzeuge“.
V. Zur Beurteilung der Pädagogik H.8.
1. Mängel. Die Unterlagen, auf denen H. ſeine
Pädagogik auſbaut, haben ſich als nicht tragfähig
erwieſen, u. ſo haften denn auch dem Gebäude ſelbſt
bedenkliche Mängel an. Wenn man aud) die ſor-
male Zielbeſtimmung, die O- der Pädagogik gibt,
anerkennen kann, ſo iſt do) der Inhalt, mit dem
er dieje3 Ziel materiell ausſtattet, nicht an3reichend.
Das ſchwanke Rohr des äſthetiſchen Geſallen3 od.
Mißſallens bietet keine Sicherung der ſittlichen
Lebensführung. Für den Chrijten bedarf jede rein
natürliche Cthik der Ergänzung u. des poſitiven
AuSbaue3 nach den Vorſchriften der Sittenlehre. Dieſe darf derjenige, der praktiſche
Erziehungsarbeit leiſten will, ſchon de3halb nicht
unbeachtet laſſen, weilſieunſregeſamte Kultur u. da3
ſittliche Bewußtſein der Völker durchdringt u. trägt.
H. baut ſeine Pädagogik zu ausſchließlich auf
der Kultur des Vorſtellungslebens auf. Wiſſen u.

Herbart,

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Bildung ſind aber keine gleichzuſeßenden Begriſſe,
erſt recht nicht Wiſſen u. Tugend od. Wiſſen u.
Charakter. Der Saß: „Stumpfſinnige können
nicht tugendhaſt ſein“, enthält einen Fundamental=
irrtum. DaS tägliche Leben liefert immer wieder
die Beiſpiele dafür, daß Charakterloſigkeit, niedrige
Geſinnung u. Verbrechertum ſich oſt mit hohen
intellektuellen Fähigkeiten zuſammenfinden. H.
überſchäßt den Unterricht auc nad der Nichtung,
daß er glaubt, das geiſtige Leben konſtruieren zu
können. Die erziehende Macht de8 Unterricht3
reicht lange nicht ſo weit, wie H. vorausſeht. Er
deutet zwar wiederholt an, daß auch bei guter Er-
ziehung Mißerſolge eintreten können, aber da3
ſind ihm doch nur Einzelfälle, die ſeine Grund=
anſicht nicht ändern. Der Aus8bau, den die Ziller=
ſc treibt die Konſtruktion de3 Vorſtellungslebens auf
die Spiße u. hat wider Willen dazu beigetragen,
die Schwächen der Pädagogik H.3 offenbar zu
machen. -=- H. unterſchäßt die machtvolle Bedeu=
tung, die Gefühle u. Streben im geiſtigen Leben
haben. Seine determiniſtiſche Anſicht von der Ent=-
wicklung des Seelenlebens führt in ihren Folgen
zum Fatalizmus, Wenn Fühlen u. Streben not=
wendig aus den ſenſualiſtiſchen Urbeſtandteilen
herau3wachſen, dann kann von Freiheit des Wil-
len8 ernſtlich keine Nede ſein, der Menſd) iſt dann
ein Produkt aus Bedingungen, auf die ihm jeder
Einfluß fehlt.
Jn der Metaphyſik, wo H. ſich mit dem Gottes=
begriſſe auseinanderſeßen müßte, kennt er nur die
abſolut ſeienden Realen, von denen jedes mit ge-
wiſſen Eigenſchaften, die nur Gott zukommen, aus=
geſtattet erſcheint. Die menſchliche Seele, als ein
jolc Auch in der Cthik H.3 findet Gott keinen Plaß.
Das ſittlich Gute ruht allein auf dem äſthetiſchen
Gefallen mit ſeinem unvermeidbaren ſubjektiven
Einſchlag. Von einer Abhängigkeit des Menſchen
von Gott, von der Verpflichtung, ſich dem gött=-
lichen Geſeße u. Gebote zu unterwerfen, iſt keine
Rede. Deshalb findet Gott auch in der Pädagogik
H.3 keinen Plaß; nur durch eine Hintertür ver=
ſucht fie Gott u. den NReligion3unterricht zu retten.
Ein dunkles Gefühl, eine Beſorgni3, die durch das
klare Denken nicht zu bannen iſt, beunruhigt den
Menſchen, wenn er ſeine Lage u. die Welt be-
trachtet. Gegen dieſe Beſorgnis „ericheint alle
Klugheit am Ende ſchwa“ ; daraus entquillt nun
das religiöſe Bedürfnis, „ein moraliſches wie eu-
dumoniſtiſche3 Bedürfnis“, „der Glaube quillt aus
dieſem Bedürfnis". Die Neligion iſt deshalb für
Unſichere, Gebrechliche, Strauchelnde. „Sie leiſtet
Hilſe, Laſten beſſer tragen zu können.“ „Alle be=
dürfen der Neligion zum geiſtigen Ausruhen.“
Nur für die Maſſe, die im Denken wenig geübt
iſt, führt die Religion das Steuer de3 Lebens,
vertritt ſie Spekulation u. Geſ. Aus dieſer
Einſchäßung der Religion folgt, daß ſie in der
Erziehung keine Stelle beanſpruchen kann. H. ſagt

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