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auddrüfflich : „Poſitive Religion gehört nicht für
den Erzicher als ſolchen, ſondern für die Kirche u.
ſür die Eltern.“ H. ſtellt ſich mit dieſer Anſchau-
ung in einen ſchroſſen Widerſpruch gegen ſeine
ganze Anſicht vom Menſchen u. von der Aufgabe
der Ge ung Wenn die Religion in der wiſſen»
ſchaftlichen Geſtaltung des Erziehungsgeſchäftes
keinen Plaß haben dar. was ſoll ſie dann in Kirche
u. Elternhaus?
2. Verdienſte H.3. Dieſe Mängel en
nicht blind machen gegen die großen Verdienſte,
die H. um die Sache des Unterricht8 u. der Er-
ziehung ſich erworben hat. Von ihm u. ſeinen
Schülern iſt eine nachhaltige Anregung für die
wiſſenſchaſtliche Geſtaltung der Pädagogik aus»
gegangen. H. war ein hoc liebender, edler Charakter ; er hat ſein ganzes For-
ſchen u. Arbeiten in den Dienſt der Pädagogik
geſtellt, u. da3 zu einer Zeit, wo ſie an den Stätten
der Wiſjenſchaft no< gar kein Anſehen, geſchweige
denn den Charakter eines Unterjuchungsgebietes
Hatte, das einer wiſſenſchaſtlichen Bearbeitung ſähig
u. bedürſtig iſt. Das heutige Geſchlecht, das ſich
einer ganz andern Schähung der Pädagogik gegen»
überſicht, iſt leicht geneigt, dieſe Tatjache nicht
in ihrer vollen Bedeutung zu würdigen. -“- Die
innere Hingabe u. die hohe Begeiſterung für die
Sache der Erziehung treten auf jeder Seite der | 3. F
Werke H.3 hervor u. ſind geeignet, Ernſt u. Be-
ruſsfſrendiglkeit zu wecken u. zu heben.
H. hat durch ſeine Werke der Überzeugung all-
mählich zum Siege verholſen, daß Unterricht u.
Erziehung u. alles, wa5 damit zuſammenhängt,
ein weitverzweigtes u. ſc ſenſchaſtliche Unterſuchung ſind, u. daß man mit
der landläufigen Erfahrung allein hier nicht aus»
kommt; durch ſeine Werke hat er dargetan, daß
die Pädagogik einer ſtrengwiſſenſchaftlichen Be»
handlung ſähig iſt. Wenn heute die Notwendig»
keit gründlicher pſychologiſcher Kenntniſſe für die
theoretiſche u. praktiſche Behandlung von Fragen
der Erziehung u. de3 Unterricht3 unbeſtritten iſt,
jo iſt das wiederum ein Verdienſt H.8. Sein
Syſtem bleibt troß ſeiner Mängel ein großzügiger
Verſuch zur Löjung des pädagogiſchen Problems.
Aber auch reiche poſitive Förderung wird jeder,
der mit den nötigen Vorbedingungen an das Stu»
dium H.5 herantritt, aus ſeinen Werken ſchöpfen.
H. beſaß eine ſcharfe Beobachtung8gabe, u. in den
Füllen, wo er naheliegende Tatſachen des Seelen-
lebens zergliedert u. die pädagogiſchen Folgerungen
aus ihnen zieht, konamt er zu wertvollen Ergebniſſen,
Männer wie O. Willmann u. T. Peſch 8. J. er-
kennen das unumwunden an. Lehßterer ſagt: „In
den auſgeſtellten pädagogiſchen Negeln ragt H.
hervor. Obgleich er auf verſchiedenen Gebieten
der Philojophie Grundſäße aufgeſtellt hat, welche
größtenteils ſalſch ſind, ſo hat er doch in pädago-
giſchen Dingen recht viele Regeln gegeben, die aus
der Erſahrung gezogen, mit jenen ſalſchen Grund-
ſäßen durchaus nicht notwendig zuſammenhangen
Herbartſche Schule.

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y. entſchieden wahr ſind.“ Lehrer u. Erzieher,
welche die notwendige philoſophiſche Allgemein-
bildung u, praktiſche Schulerfahrung beſihen, kön-
nen aus dem Studium H.8 entſchieden Nuhen
ziehen, Man ſoll aber zu den Werken H.8 ſelbſt
greifen u, weniger zu den zahlreichen Schriften,
die auf ihm ſußen u, die zum Teil gerade die
wertvollen u. großen Gedanken H.8 verwäſſern.
DNber die an H. ſich anſchließende Bewegung |. den
Art. Herbartjche Schule.
Literatur. Die H.-Lit. iſt faſt unüberſehbar
geworden, Soweit ſie die Fortbildung der Lehren
H.8 betrifſt, wird ſie bei dem Art, Herbartſche
Schule (ſ. d.) angeſührt. Hier ſind nur die Schriſ»
ten H.3 in den gangbarſten Ausgaben berückſichtigt.
Geſamtausg, der Werke H.8 ſind veranſtaltet von
G. Hartenſtein (12 Bde, 1850/52,* 1883/93, 13 Bde)
u. K. Kehrbach (15 Bde, 1887 ff, forigeſ. nach Kehr-
bach8 Tode von O. Flügels beſte Ausg.). Die pädag.
Schrift. ſind hr8g. von O. Willmann (2 Bde, *?1880;
Neuausßg. mit Th. Frißſch in Vorbereit.), J. J.
Wolff (2 Bde, 1891/95), Bartholomäi»Sallwürk
(2 Bde, 71903/06), E. Wagner (121907), K. Nichter,
(2 Bde, 1876/78). Die „Allgem. Pädag." H.8 hat
Th. Frihſch in Neclams Univerſalbibl. bearbeitet.
--- Aus der Hartenſteinſchen Geſamtausg, ſind in
Einzeldrucken erſchienen: Lehrb. 3. Pſychol. (* 1900);
Allg. prakt, Philoſ. (21891); Lehrb. 3. Einleit. in
d. Philoſ., (21883). -- Vgl. ferner : G. A. Hennig,
. F. H. Nach [. Leben u. ſ. pädag. Bedeutung
(1877); E. v. Sallwürk, Streifzüge z. Jugendgeſch.
H.8 (1877) ; N. Zimmermann, Ungedr. Briefe von
u. an H. (1877); E. Moller-Weiß, H. (in K. A.
Schmids Enzyklop, d. geſ. Erzieh.» u. Unterrichts:
weſ. 111 (?18806]); T. Ziller, H.ſche Neliquien (1884);
H. Schiller, Lehrb. d. Geſch. d. Pädag. (1904) 8 30;
W. Kinkel, I. F. H., ſein Leben u. ſeine Philoſ.
(1903) ; O. Flügel, H.8 Lehre u. Leben (21912);
H. Walther, H.8 Charakt. u, Pädag. in ihrer Ent«
wickl. (1912); Th. Frißſch, Brieſe von u. an H.
(4 Bde, 1912; literar» u. ſchulgeſchic Die Stärke u. Schwäche der H.ſchen Didaktik er-
örtert in verſchied. Abhandl, O, Willmann in „Nus
Hörſaal u. Schulſtube" (?1912). --- Eine gute
Überſicht über die H.»Lit. gibt H. Zimmers Führer
durch d. dtſch. H.-Lit. (1910). [J. J. Wolſſ.|
Herbartſche Schwule, 1. Geringer un-
mitjelbarer Erjolg Herbaris. Herbart hatte mit
großer innerer Geſchloſſenheit ſein philoſophiſche3
u. pädagogiſche3 Syſtem au8gebaut, unbekümmert
darum, was die Mitwelt, beſonders ſeine Beruſs-
genoſſen auf den philoſophiſchen Kathedern u. die
Schulmänner, dazu ſagten. Der geringe Erfolg
zu ſeinen Lebzeiten hat ihn wohl geſchmerzt, aber
nicht entmutigt. Soweit ſeine Philoſophie in Frage
kommt, hat jeine Hoſſnung auf Fruchtbarkeit ſeiner
Lehren fich nicht erfüllt, Wohl laſſen ſich Spuren
ſeiner Gedanken in der philoſophiſchen Entwicklung
verſolgen, indes ſchlagen die einzelnen philoſophi=
ſchen Diſziplinen bald Nichtungen ein, die völlig
von den Grundlagen Herbarts abweichen. Seine
Ethik u. Äſthetik ſind ebenſowenig zu einer größern
Anerkennung gelangt wie ſeine ſpröde realiſtiſche
Metaphyſik. Die meiſte Beachtung fand ſeine

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