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gemein rege ſchriftſtelleriſche Tätigkeit entfaltet.
Der Gedächtnisrede Herrmanns auf ihn (ſ. u.) iſt
eine Bibliographie beigegeben, die nicht weniger
al3 81 größere u. kleinere Werke, Schriften u.
Abhandlungen aufzählt. Wenn H.8 wiſſenſchaft»
liches Intereſſe auch den mannigfachſten Gegen
ſtänden zugewandt war, ſo bewegen ſich ſeine
Schriften in der Hauptſache do< uuſ vem Gebiete
der Pädagogik u. hier wieder auf dem ihrer Ge-
ſchichte. Sein beſonderes Verdienſt beſteht darin,
daß er eine völlige Umgeſtaltung des Begriffes
der Geſchichte der Pädagogik zuſtande gebracht
hat. Die Geſchichtſchreibung der Pädagogik ſteht
zum Teil noc< immer unter dem Einfluſſe der
monographiſch-biographiſchen Methode , wie ſie
Raumer in ſeiner „Geſchichte der Pädagogik vom
Wiederaufblühen klaſſiſcher Studien bis auf unſre
Zeit" (1851 ff) zuerſt angewandt hat. Bei ihm
u. ſeinen zahlreichen Nachfolgern löſt ſich die Ge=
ſchichte der Pädagogik in eine Neihe von Leben8-
bildern bedeutender Pädagogen auf, u. alle Ver-
ſuche, etwas andre3 zu bieten, legen nur Zeugnis
davon ab, daß man von dieſer Art, Geſchichte der
Pädagogik zu ſchreiben, mehr u. mehr unbefriedigt
war. Bekundete do neuzeitlichen Bildungs8weſen8 nur zu deutlich, daß
dieſe von ganz andern Faktoren beeinflußt wird
al3 den theoretiſchen Erwägungen einzelner Päd-
agogen, mochten ihre Anſichten auc noch ſo ſehr
Beachtung an den maßgebenden Stellen ſinden.
Was H. -- der Schüler Diltheys --- wollte u. in
jeinem Hauptwerke, der „Geſchichte de3 deutſchen
Bildungsweſen3 ſeit der Mitte des 17. Jahrh.“,
verwirklichte, hat Herrmann (a. a. O. 107) in die
treffenden Worte gekleidet : „Nicht die Meinungen
der großen Theoretiker der Pädagogik über Er=-
ziehung ſollen in ihrer folge dargeſtellt werden, ſondern einerſeit3 die Ab-
hängigfeit, in der ſolc von der allgemeinen Bildung, der Geſamtkultur,
den alles beherrſchenden Ideen ſtehen, u. ander»
ſeit3 ihre Nealiſierbarkeit u. ihre tatſächliche Reali-
ſierung auf Grund der allgemeinen Kulturverhält=
niſſe jeder Zeit, inbeſondere auc der praktiſchen
Zuſtände: des wirtſchaftlichen, des ſozialen, des
politiſchen Leben3, So wird zu einem integrieren-
den Beſtandteile der Geſchichte der Pädagogik die
Geſchichte de8 Unterricht8weſens8, die
ihrerſeits auf ſolche Art in die allgemeine Ge-
jchichte der Ideen hineingerückt wird.“ Leider iſt
da3 eben erwähnte Hauptwerk H.3 über den 1. Bd
(1905) nicht hinaus8gekommen ; dieſer reicht nur
„bi3 zum Beginn der allgemeinen Unterrichts8-
reſorm unter Friedrich d. Gr. 1763 ff“ u. behan»
delt „das Zeitalter der Stande8= u. Berufs-
erziehung". Mancherlei Vorarbeiten zeigen aber,
daß Y. unabläſſig bemüht war, den Abſchluß des
Werles zu fördern ; u. a. gehört hierher ſein Buch:
„Die Nationalerziehung in ihren Vertretern Zöll=
ner u. Stephani“ (1904). Wohlverdiente Beach-
tung fand auch ſein lezte3 Werk „Johann Heinrich
Heudelei.

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Peſtalozzi“ (1910), das von der Kritik mit ſeltener
Einmütigkeit al8 die Peſtalozzibiographie erklärt
wurde. „Ganz ausgezeichnet iſt auch hier“, ſo
ſagt Herrmann (a, a. O. 111) mit Bezug auf H.3
Peſtalozzibuc u. ſeine Arbeit über Schleiermacher
(vgl. oben), „in beiden Fällen das Bemühen
gelungen, die Perſönlichkeiten in die Zeitideen
einzuſtellen u. in ſol entwicklung zu bieten.“
Quellen, Für den Lebens8gang H.3 durfte ich
außer dem, was Herrmann in ſeiner Gedächtnis=
rede mitteilt (vgl. Zeitſchr. f. Geſch. d. Erzieh. u.
d. Unterr. 1 [1911] 99 ff, beſ. 101) Aufzeichnungen
der Witwe des Verſtorbenen benußen, die ich Prof.
Dr Herrmann verdanke. Vgl. auch Klatt, A. H.
(Korreſpondenzbl. f. d. akad. gebild. Lehrerſtand
XVIII [1910] 649 ff). [W. Kahl.]
Heuchelei, Da3 uns aus dem Matthäus-=
evangelium beſonders geläufige Wort „Heuchler“
kam erſt in der Neformation3zeit aus der mittel=
deutſchen Volksſprache in die Literatur. Urſprüng=
lich hatte „heucheln“ die Bedeutung von „ſich du>en,
ſchleichen“, dann von „ſich anders geben, al8 man
iſt“, „ſich verſtellen“, auch „ſchmeicheln“, wofür
gleichzeitig oft „fuchsſchwänzen“ geſagt wurde
Bezeichnender war der mhd. Au8drud gelichse-
naere, glichesaerse, von gelichegen, eigentlid
= vergleichen, nhd. Gleiöner, da38 mit „gleißen“
(mhd. glizen = glänzen) nicht8 zu tun hat, aber
gern damit verbunden wird, weil man beim Gleis=
ner an den trügeriſchen Schein denkt, in den er
ſich kleidet. Der Heuchler täuſcht über ſeine wahre
Geſinnung durch Schauſpielerkünſte, durch ſeine
Miene, ſein Auſtreten, ſein Reden; daher gebrauchte
der Grieche dafür das Wort önoxpirns = Schau=
ſpieler. Der Wolf im Shafskleide (Mt 7, 15) iſt
ſprichwörtlich geworden, wie die „Krokodilstränen“.
In der Tierſage wird gerade der Heuchler gern an
den Pranger geſtellt, auch in der ſonſtigen Poeſie
öfter „entlarvt“ als im wirklichen Leben. Mit bes
rechneter Vorliebe beſchäftigte ſie ſich eine Zeitlang
namentlich mit dem Frömmler. Dieſer kommt
auc heute noch häufig vor, beſonder3 in Jnter=
naten u. unter Dienſtboten, ein höchſt gefährlicher
Menſch für das Haus u. den Stand. Die Geiſt=
lichen müſſen die Augen offen halten u. -- natür
lich ohne es zu zeigen --- gegen Zöglinge wie gegen
Hausgenoſſen u. Mitglieder religiöſer Vereine,
die augendieneriſcher Frömmigkeit ſich hingeben,
mißtrauiſch ſein. Unter dem Mantel der Demut,
Redlichkeit, Sittſamkeit, Gewiſſenhaftigkeit, Keuſch-
heit, Chrerbietung, Treue, des Dienſteifer3 u. Ge=
horſam3 uſw. wandelt häufig das Gegenteil des
äußern Scheins. Leider laſſen ſich zu vertrauens»
ſelige Eliern, Erzieher u. Vorgeſeßte dur< gefäl-
liges, zuvorkommende3, freundliches Benehmen u.
ſchöne Worte oft hinters Licht führen u. beurteilen
eine grundehrliche, derbe Natur, die nicht ſchön=
zutun verſteht, einen „ungeſchliffenen Cdelſtein“,
zu ihrem eignen Nachteile ſalſc<. In dem Auf=
brauſenden, der aus ſeinem Herzen keine Mörder=-

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