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ſittlichen Wert u. ſind bei den einzelnen Völkern
oſt ſehr voneinander verſchieden, aber ſie erleichtern
den Verkehr unter den Menſchen u. ſind der Aus»
dru des Willens, mit dem andern in da3 der
gegenſeitigen Stellung angemeſſene Verhältnis
einzutreten od. darin zu bleiben. Wer 3. B. beim
Eintritt in ein Zimmer die Anweſenden begrüßt
u. ſich denjenigen vorſtellt, die ihn noh nicht
kennen, hat das Necht, ſich an der allgemeinen
Unterhaltung zu beteiligen u. Antwort auf eine
beſcheidene Frage zu erwarten, Der Erzieher ſoll
den Zögling auch ſür den geſellſchaſtlichen Ver-
kehr im Leben erziehen; darum iſt e3 ſeine Pflicht,
ihn zur H. anzuleiten, ſchon weil dieje auch manche
Vorleile bringt. Der Höſliche iſt beliebt, man
erfüllt ihm gern einen Wunſch, man iſt anch ihm
gegenüber höſlich u, macht ihm ſo den Verkehr
mit andern leicht u. angenehm. Dieſen Vorteilen
der H. gegenüber kommen die geringen Mühen
u. Opſer, die ſie ihm auſerlegt, nicht in Betracht.
11. Quellen der H. Haben die H.8formen an
ſich auch keinen ſittlichen Wert, ſo können ſie ihn
doch erhalten, wenn ſie aus ſittlichen Quellen ent-
ſpringen. Dieſe ſind die Tugenden der Beſch ei»
denheit u. der Nächſtenliebe. Das Gegenteil der
erſtgenannten, die der Selbſtüberhebung entſtam»-
mende Unbejcheidenheit, die unvornehme Rü»
ſichtöloſigkeit n. Arroganz, die heute ſo viel als
„Scdneidigkeit“ bewundert wird, iſt groß in der
Mißachtung der H. YVon ihr gibt uns der fran»
zöſiſhe Schriftſteller La Bruyere eine treſſliche
Edhilderung: Giton läßt denjenigen, der ihn
unterhält, ſeine Worte wiederholen, trohdem er
ihn verſtanden hat od. ihn verſtehen konnte, wenn
er auſmerljam zugehört hätte ; auch zeigt er deuts»
lich, daß er da3, wa3 andre ſagen, nicht hoch ein»
ſc Geräuſche. Er ſchläſt in der Geſellſchaft ohne
Scheu ein. Am Tiſche beanſprucht er mehr Platz
al3 ein andrer u, ſucht ſich die beſten Biſſen aus.
Auf oem Spaziergange nimmt er unter ſeine38»
gleichen ſtets den Ehrenplaß ein ; er bleibt ſtehen,
u. alle müſſen ſtehen bleiben, er geht weiter, u. alle
müſſen weitergehen. In der Unterhaltung unter»
bricht er andre ohne Scheu, nimmt es aber ſchr
übel, wenn man ihn unterbricht. Wenn er ſich
ſeht, lehnt er ſich weit zurück u. ſtre>t die Füße
von ſich. Hat er Kopſ- od. Zahnweh, ſo lang»
weilt er jedermann mit der genauen Beſchreibung
jeines Übel3, nimmt aber keinen Anteil an den
Schmerzen andrer. -- Verkehren wir Gitons
Verhalten in das Gegenteil, ſo wiſſen wir, wie e3
der Beſcheidene macht.
Die andre Quelle der H. iſt die Nächſtenliebe
(j. d.). Wer Wohlwollen gegen ſeine Mitmenſchen
int Herzen trägt, wird ſich bemühen, das in ſeinem
ganzen Weſen hervortreten zu laſſen, mag er da-
bei aus Unkenntnis auch gegen ſeſtſtehende H.8-
formen verſtoßen. Dieſe nicht ganz ſormgerechte
H. iſt jedenfalls angenehmer u. wertvoller als jene
kalte, ablehnende H)., von der da3 Herz nichts weiß,
Höflichkeit,

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da ſie ganz in der 9 Form aufgeht. Daß
die H. niht bloß äußerliche Dreſſur ſein ſoll,
ſondern im ethiſchen Gebiete wurzeln muß, ſpricht
auch Schopenhauer aus, wenn er die H. al3 „ſyſte
matiſche Selbſtverleugnung in kleinen Dingen“
erllärt. Bei aller Wertſchäßung auch der üb=
lichen Umgangöſormen möge daher der Erzieher
nie außer acht laſſen, daß die echte H. eine Tugend
iſt, die bis ins Zentrum ſung geht. Werden dagegen die H.sformen nur
aus Gewohnheit, nur des leichtern Verkehrs
wegen beobachtet, ſo ſind ſie ſittlich gleichgültig.
Werden ſie gar nur geübt, weil u, ſolang man
jelbſtjüchtige Zwecke damit fördern zu können ver=
meint, ſo ſind ſie al8 Heuchelei eine unſittliche
Tat (ſj. Kriecherei).
III. Die Erziehung zur H. iſt in erſter Linie
Sache der Eltern. Sie haben Gelegenheit, die
Kleinen von früh auf an höfliches Verhalten zu
gewöhnen u. der natürlichen Rücſichtsloſigkeit
zu wehren. Erſt ſpäter treten die eigentlichen Be=
lehrungen hinzu. Die Kinder müſſen wiſſen, wie
ſie ſic) Hausgenoſſen, Verwandten u. Frems-
den gegenüber zu benehmen, was ſie bei Tiſche,
auf der Straße, in fremden Häuſern zu beobachten
haben (j. Achtung). (E3 muß ihnen anerzogen
werden, ſich nicht vorzudrängen, nicht läſtig zu
werden, Wünſche in Form der Vitte, nicht der
Forderung vorzutragen uſw. Die Belehrung wird
unterſtüßt durch das gute Beiſpiel, Wenn die
Eltern jelbſt überall gute Umgangsformen be=
obachten u. ihre Kinder bei Verſtößen immer
wieder zurechtweiſen, ſo hält e8 nicht ſchwer, ſie zu
höſlichen Menſchen zu erziehen, Freilich muß auch
die H. der Eltern aus den rechten Quellen ent=-
ſpringen u. mit Zeuchelei nichts gemein haben.
Eltern, die in Gegenwart ihrer Kinder über
Menſchen ſpotten u. klatſchen, die ſie kurz zuvor
mit „ausgeſuchter“" H. behandelt haben, können
ihren Söhnen u. Töchtern echte H. , die ohne
Rückſicht auf ſozialen Nang jedermann, alſo 3. B.
auch den Dienſtboten, gezollt wird, nicht anerziehen.
Die Erziehung zur H,, die das Elternhaus be=
gonnen, muß die S iſt, muß ſie gutzumachen ſuchen. Auch in ihr iſt
dem guten Beiſpiele ſein hoher Rang einzuräumen.
Der Lehrer vergibt ſich nicht3, wenn er einen
Schüler in der üblichen Form um eine Gefällig-
feit bittet u. ihm ſür die erwieſene dankt; auch
nicht, wenn er ſich de5 höſlichen „Was iſt ge=
fällig?“ ſtatt des häßlichen „Was?“ bedient.
(Wenn e3 ſich um eine Pflicht der Schüler han-
delt, ſo darf er ſelbſtredend nur MENN nicht
bitten.) Er muß ſerner ſtreng darauſ halten, daß
die Schüler auch ihm u, ſämtlichen Lehrperſonen
der Anſtalt gegenüber ſich höflich benehmen. Aber
auch untereinander ſollen die Schüler höflic) ſein.
Die Gewöhnung daran iſt um ſo notwendiger, als
manche Kinder, beſonders Knaben, nicht aus Un-
kenntnis od. böſem Willen unhöflich ſind, ſondern
aus Scheu vor dem Spotte der andern. Gelegen-

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