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die Mädchen ſo wenig Intereſſe an caritativen
Berufen zeigten, obwohl dieſe doch ſo weſentlich
in der weiblichen Eigenart begründet ſind. Das
läßt ſich nur dadurch erklären, daß dieſe3 Gebiet
den Schülerinnen im Unterrichte ſo wenig nahe-
gebracht worden iſt, daß es in ihrem Intereſſen»
freiſe keine Nolle ſpielt, = Hinſichtlich der gleic<-
lautenden Umfragen bei Erwachſenen möge nur
nod) erwähnt werden, daß von ihnen 44,2 */, au8=
drücklich den Einfluß konſtatieren u. begründen,
den ein Kindheit8ideal auf ihre Entwieklung ge=
nommen hat, u. daß bei 32,6 */, ein ſol noh heute wirkſam iſt.
Literatur. H. Goddard, Die I. d. K. (Zeit-
ſchr. f. experiment. Pädag. V [1907] 156 ff); JI.
Friedrich, Die J. d. K. (Zeitſchr. f. pädag. Pſych.
111 [1901] 38 ff) ; M. Lobſien, Kinder-J. (ebd. V
[1903] 323 ff) ; E. Meumann, Vorleſ. 3. Einf. i.
d. experiment. Pädag. I (?1911) 620 ff; W. Kam
mel, Beliebtheit u. Unbeliebtheit der Unterrichts»
fächer (Pharus IV [1913] 297 ff 396 ff) ; F. Weigl,
Schule u. Leben (1913). [F. Weigl.]
IJDealien, Im Mittelalter waren die höhern
Schulwiſſenſ der 7 freien Künſte u. gegliedert in Grammatik,
Dialektik u. Nhetorik , Arithmetik, Geometrie,
Muſik u. Aſtronomie. Die 3 erſten bezeichnete
man als Trivium (Dreiweg), die 4 lehten als
Quadrivium (Vierweg); jene umſpannen das
philologiſch-philoſophiſche, dieſe das mathematiſch»
naturwiſſenſchaftliche Gebiet. In ähnlicher Weiſe
hat man in Frankreich die Gegenüberſtellung von
lettres u. Bciences, wobei jene da3 philologiſch-
hiſtoriſche, dieſe das mathematiſch=philoſophiſche
Lehrgut umfaſſen. In England bezeichnet man
die ſprachlich-hiſtoriſche Gruppe mit Liberal Stu-
dies, die mathematiſch-naturwiſſenſchaftliche mit
Permanent Studies, od. man beſchräntt den
lebten Ausdru> auf die Mathematik u. bezeichnet
die naturkundlichen Fächer mit Progressives
Sciences. Jn Deutſchland haben wir die Gegen
überſtellung von humaniſtiſchen u. realiſtiſchen
Fächern. Der Bevorzugung der Nealien verdankt
ja eine ganze Schulgattung ihren Namen: die
Nealſchule. Doch iſt dieſe Gegenüberſtellung ſprach»
lich nicht einwandfrei. Humaniſtiſch heißt „auf den
Menſchen gerichtet“, der Gegenſaß wäre alſo eher
naturaliſtiſch od. natürlich, auf die Natur gerichtet.
Den Gegenſaß zu den Realien müſſen ſprachlich
die J. bilden, u. im Anſchluſſe an den Gymnajſial-
pädagogen Niethammer (1766/1848) führt auch
Otto Willmann dieſe Bezeichnung in ſeine Didak=
tik ein. Er begreift unter J. Theologie, Philoſo-
phie, Philologie u. Mathematik, die er an einer
andern Stelle al8 die eigentlichen, grundlegenden
Schulwiſſenſchaften verſteht er Geſchichte, Weltkunde, Naturkunde u.
polymathiſche38 (vielartiges) Wiſſen. Im Gefüge
der Bildungsinhalte nennt er die Realien auc
akzeſſoriſche Diſziplinen, d. h. ſolche, die erſt im
Laufe der Zeit im höhern Unterrichte Eingang
Jdealien = Jdeali3mus8 u, RNeali3mu3 in der Erziehung.

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fanden 1. ſich an die grundlegenden Wiſſenſchaften
od, J. anreihten.
Literatur. Vgl. O. Willmann, Didaktik
(21909) 340. [I. B. Seidenberger.]
Jdealis8mus 11. NRealismus in ver
Erziehung. 1. J. im philoſophiſchen Sinne.
I. iſt nach Willmann (Geſch. des J. 111 [1897]
206) „jene Denkrichtung, bei welcher mittels der
idealen Prinzipien: der Idee, des Maßes, der
Form, des Zweckes, des Geſeßes, das Verhältni3
des Göttlichen zum Endlichen, des Sein8 zum
Erkennen, der natürlichen zur ſittlichen Welt be=
ſtimmt wird“. Dieſe Denkrichtung kann mit Fug
u. Recht auch gemäßigter NR. genannt werden;
denn ſie geſteht den Sinnendingen wahrhaſt Re-
alität zu, aber ſie erklärt zugleich das Jdeale,
Zntelligible, in dem ſie das Weſen der Dinge
findet, für ein Daſeinselement, alſo für mehr al3
ein Produkt de3 menſchlichen Denkens, wofür es
der Nominali8mu38 au8gibt, Al3 Vertreter des
3. dürfen wir Pythagoras, Platon, Ariſtoteles,
Auguſtinu3 u. die großen Scolaſtiker des Mittel-
alter3, vor allem Albertus Magnu38 u. Thoma3
v. Aquin, bezeichnen. In der Neuzeit wurde dieſe
Denkrichtung durch eine Reihe von Männern fort-
geführt, die das Erbe der antik- jene idealen Prinzipien gebauten Philoſophie
übernahmen. „Sie vertreten die Kontinuität der
Gedankenarbeit, die der idealen Weltbetrachtung
vermöge ihrer Verwandtſ die ſich in Geſchlechterfolgen heraus8arbeitet, teriſtiſch iſt. Neologiſj mit der Tradition willkürlich ſchalten od. ihr ents
raten zu können glauben, ſind nicht von dem
Geiſte der echten Weisheitsliebe geleitet u. darum
auch nicht der Aufgabe gewachſen, die idealen
Prinzipien zu hüten u. au8zubauen“ (Willmann).
Auf die Tragweite dieſer Grundſäße für die Lehre
vom Sein, vom Erkennen u. vom Guten kann
hier nicht näher eingegangen werden (vgl. darüber
Willmann, Die wichtigſten philoſ. Fachau3drüe
[21912] 70f; 3. B. Seidenberger, Grundlinien
idealer Weltanſchauung [1902]; E. Commer,
Die immerwähr, Philof. [1899]).
UD. TJ. als Geſinnung, Der populäre Sprach=
gebrauch“ verſteht unter J. eine Weltanſchauung,
die an Idealen feſthält u. ſie im Leben zu ver=
wirklichen ſucht; auch wohl eine über die mate=
riellen Intereſſen ſich erhebende Geſinnung, in
welcher der Menſd) ſein Handeln u, Wollen be=
ſtimmen läßt durch feſte, ſittliche, über das Irdiſche
hinausliegende Normen. „Der Zug der menſch=
lichen Natur zum Tranſzendenten, Übernatürlichen
iſt mit den Leben3gefühlen, welche ſie an das
Sinnlich-Endliche binden, dur ein mannigſaches
Geäder verflochten, das der pſychologiſchen Ana=
lyſe nicht weniger Schwierigkeiten bereitet als jenes,
dur welche3 Geiſt u. Sittlichkeitzuſammenhangen.
Alle Jdealität ſaugt, bewußt od. unbewußt, un=
vermittelt od. mittelbar ihre Nahrung aus dieſen
Adern; da3 ſittliche Streben, da8 Ringen nach

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