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durc (datiert v. 8, April 1874) hat in den verſchie-
denen deutſchen Bundesſtaaten Ausführungsbe-
ſtimmungen gezeitigt, die in den betreſſenden Re-
gierungsblättern nachgeſchlagen werden mögen.
Bei der großen Hebung der Volk8geſundheit, welche
die 3. aunsübt --- durch die verbeſſerte Hygiene
allein iſt dieſe nicht zu erklären ---, ſollten die
Schulen zur Empfehlung u. nicht zur Diskredi=
tierung der Schußpoken=J. beitragen. Häufig
ſind Brechdurchfall u. andre Krankheiten der
Kinder der J. zur Laſt gelegt worden, doch läßt
ſich die urſächliche Beziehung höchſtens vermuten,
aber nie nachweiſen.
Literatur. M. Piſtor, Deutſches Geſundheits-
weſß. (2 Bde, 1890) ; N. Wehmer, Enzyklop. Handb.
d. Schulhyg. (1903/04); A. Baur, Die Schußs-
po>en-J. u. ihre Technik (1889). [A. Baur.]
I1nDiviDunalism08, Individuum (v. lat.
divideros = teilen) heißt das Unteilbare, in dem
Sinne von Einzelweſen gegenüber einem Kollek=
tivum, Da3 konkrete Ding iſt Individuum gegen=-
über der Art od. der Gattung, der Menſch iſt In>
dividuum gegenüber der Geſellſchaft od. deren
Verbänden , innerhalb deren er ſteht. Ethik u.
Pädagogik haben den Menſchen in beiden Bezie-
hungen zu betrachten ; geſchieht dies mit einſeitiger
Bewertung des Individuums, ſo nennt man dieſe
Anſchauung mit tadelndem Sinne IJ., welcher
Denkweiſe die ebenfalls einſeitige de3 Kollektivi8=
mus gegenüberſteht, Die Würdigung des JIn-=
dividnums iſt eine Frucht der Kultur u. Bildung,
u. der J. nur die Überſpannung einer richtigen
Auſſaſſung. Die griechiſche Bildung der Blüte=
zeit zeigt vollentwickelte , die Bildungselemente
eigenartig vereinigende JIndividualitäten neben
dem J. der Sophiſten, welche Geſellſchaft, Staat,
Sitte, Neligion al3 Erfindungen von Gewalt=
habern hinſtellten u. ſo dieſe Denkweiſe bi3 zum
Subjektivi8mus ſteigerten. Darum ſank bei ihnen
da3 Bildung3ideal der Kalokagathie (ſ. d.), d. i.
der innern Geſtaltung im Sinne de3 Schönen u.
Guten, zur Virtuoſität im Überreden u. Streiten
herab. Den Typus3 der kollektiviſtiſchen Auffaſ=
ſung der Geſellſchaft u. der Erziehung zeigen die
Spartaner ; in dem Dialoge „Vom Staate“ neigt
ihr Platon zu, während er ſich in den „Geſehen“
der allgemeinen, die Mitte der beiden Momente
ſuchenden Anſicht anſchließt. Auch Ariſtoteles ſucht
dieſe Mitte.
3. kehrt bei den Aufflärern des 18. Jahrh.
wieder, in ſchroſſſter Form bei Nouſſeau, der ſeinen
Zögling auch der Familie entrückt u. gar keine
Nücſicht auf die Geſellſchaft gelten läßt; er ver=
langt, daß die Wörter Bürger u. Vaterland aus
dem Wörterbuche geſtrichen werden. Die Nevo-
lution brachte dagegen Anſtalten nach ſpartaniſchem
Muſter, die da3 andre Extrem darſtellen. In der
Erziehungslehre macht ſich ſeit Loc>e u. Nouſſeau
eine individualiſtiſche Auffaſſung geltend, welche
die Erziehung auf das zweiſeitige Verhältni3 von
Individuali3mu8 -- Jndividualität,

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Erzieher u. Zögling ſtellt, wie dies auch Herbart
tut. Bei Fichte ſchlug der J., den er mit Kant
(f. d.) teilte, in den „Reden an die deutſ tion“ in das Gegenteil um. Schleiermacher vers
einigte da3 individuale u. da3 ſoziale Moment der
Erziehung in der Zwebeſtimmung; ſie habe die
Anlagen der Individuen h erauszubilden, aber
dieſe zugleic) in die ſittlichen Gemeinſchaften
hineinzubilden, eine Formel, die nur der Cin-
beziehung de38 Güterbegriffs (ſ. d.) bedarf, um ganz
zuzutreffen. In der Gegenſaß prinzipiell überwunden: „Eine durch-
gehende Überzeugung der Kirchenlehrer war, in
bewußtem Gegenſaße zum Altertum, daß jeder
einzelne der Gegenſtand der göttlichen Fürſorge fei,
we3wegen auch die Kirche ihre Tätigkeit jedem
einzelnen zuwenden müſſe. . . . Durchgehend38 aber
ſteht das Ganze vor dem einzelnen, es teilt ſich,
Glauben u. Gehorſam fordernd, ihm als objek=
tive Macht mit, ſo daß alle8, wa8 im Individuum
vorgeht, nur in der Aneignung eine3 über ſeine
Willkür erhabenen Inhalts beſtehen kann“ (Euken,
Geſch. u. Kritik d. Grundbegriffe d. Gegenwart
[1878] 205). Die ſowohl die Obſorge, daß keiner an ſeiner Seele
Schaden leide, wie die Darbietung der ſpirituellen
Güter, die bei der Kirche hinterlegt ſind.
Literatur. Vgl. den Art. Kirche u. Schule
ſowie O. Willmann , Didaktik (*1909), Einl. 11
am Ende u. 8 15. [O. Willmann. ]
Individualität, 1. Das individuelle
Moment der Erziehung. Der ſo oft angewandte
Vergleich der Jugendbildung mit der Beſtellung
eines Weinberges od. Gartens rechtfertigt ſid)
durc<< mehr als eine Analogie zwiſchen beiden
Betätigungen. Er erinnert daran, daß beide der
Pflege, Obſorge, Förderung gewidmet ſind, daß
e3 bei beiden ein werdendes Leben ijt, dem die Be=
mühung gilt, u. daß beide ebenſowohl ein Ganzes,
ein Kollektivum: dort die Pflanzung, hier die
Jugend, zum Gegenſtande haben, wie ſie auf da3
einzelne gerichtet ſind, von deſſen Gedeihen das
des Ganzen abhängt. Die letztgenannte Analogie
iſt wohl geeignet, da3 individuale u. das ſoziale
Moment der Erziehung u. des Unterricht3 in ihrer
Zuſammengehörigkeit aufzuzeigen (f. Geſellſchaft).
Wenn bei Homer da3 Ziel, dem der Knabe u.
Jüngling zuzuführen iſt, mit den Worten be-
zeichnet wird: „Immer der erſte zu ſein u. vor=
zuragen vor den andern“ (Jlias 6, 208), ſo
ſchwebt die geſcharte Jugend vor, aus der die
Helden u. die Kämpfer, in Reih' u. Glied nac ihrer
Anlage abgeſtuſt, hervorgehen ſollen. Von den
drei Faktoren der Erziehung, die Ariſtoteles (ſ. d.)
unterſcheidet: Naturanlage (pv31s), Übung (8Io5)
u. Einſicht (6705), ſahen die Alten in dem erſten
den die 3. begründenden Faktor ; Blaton unter=
ſcheidet goldene, ſilberne u. eiſerne Naturen u.
die ihnen entſprechenden Erziehung3weiſen (Vom
Staat 3, 414), u. die Pythagoreer trafen die
Auswahl ihrer Schüler nach dem Spruche :

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