943
ee aus jedem Holze läßt ſich eine Hermen»
äule jmnißen.“
11, Individnaliſierender Unterricht, Dieſer
ältern Aufſaſſung ſieht die weitherzige des S o-
krate38 gegenüber, der ſe!'ne Geſprächsgenoſſen
nicht wählte, ſondern auſgriſſ u. ſeine Belehrungen
an deren Intereſſen anknüpfte, mochten dieſe nun
höhere od. niedere ſein; ſo belehrte ex einen Ma»
ler, ſeinen Geſtalten edeln Ausdruck zu geben,
einen Bildhauer, Stellung u. Miene in Einklang
1 bringen, aber auch einen Panzermacher, die
roportion von Körper u. Harniſch im Auge zu
haben (Xenophon, Erinnerungen an Sokrates
3, 10). Daz iſt individualiſierender Unterricht,
der auf Anſchluß an den Gedanken» u. Intereſſen»
kreis ausgeht. Darin iſt Ariſtoteles ganz
Sofraſiker : ex ;eht auf den Geſchma> der Hörer
ein, von denen die einen Beweiſe verlangen, die
andern Belege durch Beiſpiele, die dritten ſolche
durch Dichterſtellen (Metaphyſik 2, 3); er ſchäßt
auch geringſügige Erfahrungen der Schüler, weil
es eigne ſind, wie er überhaupt dem Eigentüm»-
lichen (vizeiov, eigentlich = von Haus aus Ge-
gebenen) eine grundlegende Bedeutung zumißt
(ebd. 7, 4; Näheres bei Willmann, Ariſtoteles
al38 Bädagog u. Didatltiker [1909] X, 4).
Mit der erhöhten Bedeutung, welche die J.
durch das Chriſtentum erhielt, vervielfältigte ſich
auch der Anſchluß der Lehre an das von den
Hörern ihr Entgegengebrachte. Solchen indivi-
duellen Anſchluß zeigen vielfach die Gleichniſſe u.
Parabeln des Evangeliums. Der Heiland wählt
da3 Bild von dem Samenkorn, das ſtirbt u. neue3
Leben erhält, weil e8 Griechen ſind, die er an-
redet, denen die Frucht der Demeter als Symbol
der Unſterblichkeit geläufig war (Jo 12, 20f; im
Urtexte: "Lönvec). Die Parabel vom Verwalter,
der mit den Schuldnern ſeines Herrn paktiert
(21 16, 1-9), wird verſtändlicher, wenn man qe
al3 an einen wirklichen Vorgang, der in aller
Munde war, anknüpfend faßt. Der Weltapoſtel
kann ſich rühmen, daß er jedermann5 Knecht, mit
Juden ein Jude, mit den Schwachen ein Schwacher,
u. ſo allen alle3 geworden ſei, um alle zur Selig-
feit zu führen (1 Kor 9, 19--23). Das liebende
Eingehen auf die Fähigkeiten de3 Schülers macht
der hl. Auguſtinus in ſeiner Schriſt über den Erſt-
unterricht dem Lehrer zur Pflicht, u, bei den lichen Pädagogen ſinden wir allenthalben die
gleiche Weiſung. Der Empfehlung der Sokratik
u. Heuriſtik im 18. Jahrh. liegt das Beſtreben
naß Individualiſierung des Unterricht8 zugrunde,
wenngleich die Form keine glückliche war.
111. Der pſychologiſche Geſichtöpunkt. Vom
Standpunkte ſeiner Pjychologie hat Herbart
die Auſgabe des individualiſierenden Unterrichts
Fet: Er ſordert, daß der Erzieher an Er-
ſahrung u. Umgang des Zöglings anknüpfe, u. in
ſeiner „Allgem. Pädagogik" denlt er einen Unter-
richt dieſer Art als analytiſchen neben dem ſyntheti-
jc Individualpädagogik -- Induſtrieſchule.

944
vgl, Willmann, Didaktik [*1909] 8 76 : Die Ver»
zweigung des Lehrſtoſſ8 im Gedanken» u, Inter-
eſjenkreiſe). Die eignen Vorſtellungen de8 Zög-
lings betrachtet Herbart al8 Mittel zur Apper-
zeption (j. d.) des Neuzubietenden, zum Borſtellig»
machen (wovon aber das Verſtändlichmachen zu
unterſcheiden iſt; vgl. Willmann, Didaktik 8 78,
woſelbſt weitere Verweiſungen). Unter dem Ge»
ſichtöpunkte I. u, Vielſeitigkeit ſtellt Ziller in
der „Grundlegung zur Lehre vom erziehenden
Unterricht" (8 20) ein reiches Material zuſammen.
1V, Sthüler-J.en. Zn ſeinen „Vriefen über
die Anwendung der Pſychologie auf die Päd»
agogik" (1831) hat Herbart „die mannigſaltige
individuelle Bildſamkeit der Zöglinge“ unterſucht,
u. zwar in Nüdſicht auf deren phyſiologiſche,
phyſiologiſch-pſychologiſche u. pſychologiſche Be-
dingiheit 1, die erworbenen Unterſchiede, Seine
Charakteriſtiken des Quedſilbrigen, de8 Choleri-
fers, des verneinenden Geiſtes, des Muſikus, des
Bodten, des düſtern u. des ſteifen Kopfes, des
Klangloſen, der flachen u, tiefen Naturen, der
ſtarren, der ſpringend energiſchen, der nördlichen
u. ſüdlichen Naturen u. a. ſind geiſtreich u. meiſt
zutreffend. =- Neuerdings iſt der Gegenſtand vom
Geſichtspunkte der Experimentalpädagogik (ſ. d.)
aus in Angriſſ genommen worden.
Die Anfänge einer Syſtematiſierung der
Schüler-J.en ſallen ſchon in das Altertum. Ariſto-
tele8 gibt Andeutungen dazu in der „Nhetorik“
6, 12 nu, in der (in der überlieferten Faſſung
nicht e ſanceperiode wurde die Aufgabe vielfach behandelt.
Auſſehen erregte beſonder8 das Buch des ſpaniſchen
Arztes Juan Huarte: Examen de ingenios para
Jas 8ciencias (zuerſt 1578, in viele Sprachen
überſeht). Leſſing, der eine deutſche Überſeßung
(„Brüfung der Köpfe zu den Wiſſenſchaſten") be»
ſorgte, vergleicht den Autor mit einem edeln
Pſerde, das auch Feuer aus den Steinen ſchlägt,
wenn e8 ſtolpert. Ein ſolches Stolpern war die
lebhaſten Widerſpruch erregende Behauptung, daß
das Sprachenlernen nur Sache des Gedächtniſſes
ſei u. nicht die Phantaſie u. den Verſtand bilde.
Dagegen erklärte ſich der Jeſuit Poſſevino in
ſeiner Cultura animarum Kap. 13--18 (überſeßt
von G. Fell in der „Bibl, der kathol. Pädag."
XI [1901]), ein Werk, das aud) einſchlägiges
Material beibringt. [O. Willmann.]
InDiviDualpädagogik vgl. die Art. In-
dividualismus u. Individualität,
Indolenz |. Empfänglichkeit.
Induktion |. Analyſe u. Syntheſe.
Induſtrieſchule. I.n ſind gewerbliche
Fachſchulen. In Bayern beſtanden ſie als kgl.
I.n zu München, Kaiſerslautern, Nürnberg u.
Augsburg. Sie hatten ſich (1868) aus den ſeit
1833 beſtehenden Gewerbeſchulen entwickelt u.
bildeten die höchſte Stufe de3 mittlern techniſchen
Unterrichts, Die I.n waren gegliedert in eine
mechaniſch-techniſche , eine bautechniſche u. eine

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.