057
uns aber zu dem Gegenſtande hin? Nichts an-
dre8 al3 der Wert, den er für uns in dem Augen=
bli>e hat, Und deſſen werden wir uns zuallererſt
bewußt in der ſpontanen Geſfühlsreaktion der Luſt
an dem betrachteten Gegenſtande. Das Gefühl
überhaupt bedeutet ja eine gewiſſe Stellungnahme
unſers Jh zu den ihm durc die (ſinnliche u, gei-
ſtige) Erkenntnis dargebotenen Objeiten. Fühlen
wir uns bei Gegenwart eines beſtimmten Bewußt=-
ſeinsinhaltes luſtig, dann iſt dies ein Zeichen da-
für, daß dieſer Inhalt auf unſre Bewußtſeins8lage
ſozuſagen abgeſtimmt iſt, daß er für uns einen
Wert hat. Umgekehrt bei der Unluſt. So iſt das
Gefühl in Wahrheit jener Wertanzeiger, dem wir
da3 primitive Wertbewußtſein verdanken. Mit der
Ansbildung der Verſtandeserkenntni8 gewinnen
wir allmählich die Fähigkeit, nicht bloß gefühls=
müßig den Wert od. Unwert eines Objekts zu
ſchäßen , ſondern uns durch ein Urteil darüber
zu vergewiſſern. Allerdings erſcheinen auch dieſe
Werturteile durchweg von Gefühlen begleitet. In
der Gefühlsreaktion offenbart ſich die anziehende
bzw. abſtoßende Kraft, die der erkannte od. beurteilte
Gegenſtand auf unſer I< auszuüben vermag;
danad) bemißt ſic aber ſtet3 unſer aktives IJ. an
ihm. Inſofern mag man den Schwerpunkt jedes,
auch de3 geiſtigen J. mit Loße, Ziegler, Ebbing-
haus im Gefühle ſuchen. Wir glauben indes, daß
damit der ganze Tatbeſtand noh nicht erſchöpft
iſt. Das J. ſcheint uns neben dem Wertbewußt=
jein immer den Anfang eines Strebens in ſich zu
ſchließen, u. zwar nicht als bloße Wirkung od.
Folge, ſondern als weſentliche Beſtimmung. Der
gefühlte, der erkannte Wert bildet ohne weitere8
ein Motiv unſer3 Strebens, ein Ziel unſrer An=
eignung. Ob wir die Tendenz nach dieſem im
einzelnen Falle durch aktuelles Streben verwirk=
lichen, iſt eine eigne Frage, deren Beantwortung
hier belanglo38 iſt. Demnach kann das (aktive)
3. etwa definiert werden al8 das durc ein-
ſaches Gefühl od. durch gefühlbetontes Urteil
vermittelte Wertbewußtſein, verbunden mit einer
Tendenz nac) dem als wertvoll erſcheinenden
Gegenſtande.
11. Die pädagogiſche Bedeutung des IJ. iſt
außerordentlich groß u. darum noch von keinem
vernünftigen Pädagogen bezweifelt worden. Die
Anſichten ſpalten ſich erſt bei der Frage : Soll das
ganze Abſehen der Pädagogik auf die Wedkung
des J. gehen, d. h. ſoll in der Erziehung u. im
Unterrichte dem Zöglinge alles intereſſant gemacht
werden, od. müſſen nicht ab u. zu tro>ne, un=
intereſſante, mühevolle Übungen zur Willen3er=
probung u. Auſmerkjamkeit8bildung eingeſchoben
werden? Die Philanthropiniſten u. in gewiſſem
Sinne auc Herbart bejahen die erſte Frage. Mit
Jean Paul, Jame8, Mündh, Meumann u. den
allermeiſten modernen Willen8pädagogen bejahen
wir die zweite. Die Periode der Erziehung gilt
uns als Vorbereitung für das Leben, u. dieſes
zwingt den Menſchen oſt genug, Unangenehmes,

Intereſſe,

958
Pnintereſſantes zu ertragen u. ſich zunuße zu
machen. Sonſt bliebe der „Ernſt de38 Lebens“
mit jeinen zahlloſen , tieſgreifenden Bildung3=-
mitteln an ihm wirkungslo3 ; da3 Leben ſfänke
zu einer Spielerei herab od. artete beſtenfalls
in einſeitige Beſchäſtigung mit gewiſſen Lieb-
ling8gegenſtänden aus. Jeder kluge Bädagog
wird auf Liebling8neigungen ſeiner Schüler ent=
ſprechende Nücſicht nehmen, wenn ſie als Aus=
druc> beſonderer Begabung anzuſehen ſind; er
darf ſie aber nicht ausſchließlich pflegen, damit
nicht die ſonſtige intellektuelle Aus8bildung od. gar
die Willenäerziehung mangel8 der notwendigen
Widerſtände u. Hemmungen Schaden leide. Des=
halb kann e8 der Lehrer nicht unterlaſſen, der na=
türlichen J.nrichtung ſeiner Schüler da u. dort
entgegenzutreten, ihnen mandhe unentbehrlich wich-
tige Gegenſtände förmlich aufzudrängen. Dieſes
Bemühen iſt gewiß nicht jedesmal ſofort von Er=
folg begleitet, immerhin laſſen ſich die meiſten
Schüler neue I.n nach u. nach einpflanzen. Was
ihnen anfänglich nicht zuſagte, wird ihnen im Laufe
der Zeit ſc intereſſant. Das erworbene J. wird um ſo nac-
haltiger ſein, je beſſer der Lehrer bei deſſen An=
bahnung den Jamesſchen Grundſaß durchführt,
dem Schüler die notwendige Anſtrengung ſo bei-
zubringen, daß er ſie der Mühe wert findet. Auf
dieſe Weiſe kann im Zöglinge jene Harmonie der
Zn hergeſtellt werden, die dem berechtigten Kern
der Forderung allſeitiger od. vielſeitiger J.nbil=
dung entſpricht.
Zn jüngſter Zeit iſt das J. der Schüler an den
einzelnen Unterrichtöſächern ſtatiſtiſch unterſucht
worden, meiſt auf Grund der (ſchriftlichen) Er=
klärungen der Schüler über Beliebtheit od. Un-
beliebtheit der betrefſenden Gegenſtände. Die
Forſchungen ſind noch lange nicht abgeſchloſſen.
Vielleicht bedarf die angewandte Methode einer
bedeutenden Verbeſſerung; denn die Ausöſagen der
Schüler haben oſt ſehr verſchiedenartige Vorau8=
ſeßungen (momentane Gemütsregungen, zufällige
Erfolge od. Mißerſolge, Perſönlichkeit des Lehrers
uſw.) ; daher wohl die weit auseinandergehen=
den Rechnungsöergebniſſe der einzelnen Forſcher
(M. Lobſien, W. Stern, H. Waljemann, G.
Wiederkehr, P. Hoſſmann, H. Keller u. a.). Aus
den biSherigen Beobachtungen läßt ſich ungefähr
folgende3 ſchließen: In den ſtädtiſchen Volk8-
ſchulen werden von Knaben u. Mädchen die ſog.
techniſchen Fächer bevorzugt, Turnen von beiden
Geſchlechtern , Handarbeit von den Mädchen,
Zeichnen von den Knaben. Dem Rechnen gegen=
über verhalten ſich beide Geſchlechter ziemlich gleich ;
die abiehnenden Antworten ſind ebenſo zahlreich
wie die zuſtimmenden. Der Unterricht in der deuts=
ſchen Grammatik iſt bei Knaben u. Mädden
gleich) mißliebig. Der ReligionSunterricht findet
bei den Mädchen mehr J. als bei den Knaben.
Bei den Dorſſchülern ſpielen die techniſchen Fächer
die nebenſächliche Rolle ; die Knaben bevorzugen

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.