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redneriſche Mittel nur höchſt ſelten angewendet
werden ſollte; denn auf die Dauer fällt e8 eins
ſichtigen Menſchen verdrießlich, die ſchwachen macht
es irre, u. behagt ſreilich der großen Mittelklaſſe,
welche ohne beſondern Geiſte8auſwand ſich klüger
dünken kann als andre“ (Dichtung u. Wahrheit
2. TI, 7. Buch).
Das ſoll auch der Pädagog bebenken u, nur
ſelten eine ſpihige Zunge merken laſſen. Nadel
ſtiche ſchmerzen oft mehr als ein kräſtiger Schnitt,
der ein Geſchwür öffnet, u. reizen, ohne zu nußen
u. zu heilen. So kann die ZJ. erkälten, verbittern,
während der goldene Humor (ſ. d.) erwärmt, belebt.
Bei eingebildeten Schülern, bei Laffen mag ein
älterer, angeſehener Lehrer wohl einmal mit einer
ironiſchen Bemerkung demütigen u. Crfolg er-
zielen, Jüngere Erzieher, die raſch zu dieſem et=
was weibiſchen Mittel greiſen, können fich dadurch
da3 Vertrauen im buchſtäblichen Sinne de8 Worte3
„verſcherzen“. Sie wiſſen nicht, wa38 im Gemüt
de3 vor ſeinen Kameraden „Blamierten“ vorgeht,
u. beachten nicht, daß ſie ſich ſelbſt eine Blöße
geben durc< den Doppeljinn einer Äußerung. Sie
kann ihnen den Namen eine3 Heimtücers ein-
tragen, den namentlid) die Jugend --- u. nach Ver-
dienſt -- haßt. Die Jugend urteilt von ihrem
lehrenden Spottvogel nicht ſo mild wie Goethes
„Herr“ vom böſen Feind: „Von allen Geiſtern,
die verneinen, iſt mir der Schalk am wenigſten
zur Laſt“, ſondern ſieht nur Geſicht u. Fuß des
Mephiſto. Meine ich das Gegenteil von dem, was
ich jage, ſo verſahre ich unehrlich u. lieblo3, gebe
alſo den Zöglingen kein gutes Beiſpiel u. verwirre
einfältige Herzen, während ich die Klugen reize
u. erbittere. Das fühlt der wohlmeinende Erzieher,
wenn er ironiſch ſpricht, ſelbſt. Darum fügt er
der J. gern eine klärende Bemerkung bei. „Fahre
nur ſo fort!“ ſagt er zum Faulenzer u. ſeßt hinzu :
„Dann bleibſt du ſicher ſihen“ ; ironiſch weiter=
ſprechend, würde er die Folgerung ziehen : „Dann
kommſt du gewiß zum Ziel.“ Harmlos8 u. wohl für
jeden, auch den von langſamer Faſſungskraſt, ver=
ſtändlich ſind ironiſche Belobigungen, wie: „Nun,
das iſt ja nett, ſchön, gut; na, ich danke; ich gra-
fuliere“ u. dgl., die jedoch mehr im geſellſchaft
lichen Verkehre al3 im Schulleben zur Anwen-
dung kommen. Einem Überſchwenglichen, einem
Großhanſen, Maulhelden, Sc ſchneider tut eine Pille J. zuweilen gut. Ein
„Bravo“, „Gut gebrüllt, Löwe“ (Shakeſpeare), im
rechten Augenblicke zugeruſen, hat manchem ſchon
das Maul geſtopft. Und wenn man einem, der
ſich mit fremden Federn pußt, mit J. zu Leibe
geht, ſo iſt dieſe Art der Kritik wirkungs8voll, auch
in der Schule, vorausgeſeßt daß der Plagiator
od. „Pſuſcher“" ſie verſteht. Cinem Primaner kann
man rühig an den Rand eines Aufſake3 ſchreiben:
„Buch der Nichter 14, 18.“ Zuweilen triſſt man
mit einem paſſenden Zitat den wunden Punkt.
Greiſt man aber zu dieſem Mittel, ſo muß ſtet
die Abſicht einer Heilung vorliegen, nicht Ver=
Lexikon der Pädagogik, Il.
Jrrtum.

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lezung, Kränkung bezweckt ſein, wie ſie der Sar-
ka8mus (vom griech. oopxale == derſleiſhen),
der beißende, ſchneidende, äßende Spott de3 Bos-
haften verurſacht. [S. P. Widmann.]
Irrtum. 1. Pſychologiſche Grundlegung.
J-. iſt die falſche Annahme, daß das Bewußte zu-
gleich Wirklichkeit iſt, u. der durch Verwechſlung
von Einbildung u. Wirklichkeit hervorgebrachte
Gedanke. Das Kind lebt in der erſten LebenSzeit
in einer Welt de3 J., da e3 Sein u. Schein nicht
unterſcheiden kann: e8 greift nach dem Scat
ten an der Wand, dem einfallenden Lichtſtrahle,
dem Monde, nach dem Bilde im Spiegel u. auf
dem Papier uſw. Urſache dieſer Verwechſlung iſt
da3 Fehlen von Wahrnehmungen, Anſchauungen
u. Vorſtellungen. Mit der Zunahme u. logiſchen
Verknüpfung der Vorſtellungen iſt jedoch der J.
keine3wegs ausgeſchloſſen. „E3 irrt der Menſch,
ſolang er ſtrebt“ (Goethe). Urſachen ſeine3 IJ.
ſind lü>enhaſtes Wiſſen (materieller J.) u. Un=
vollfommenheit im Urteilen (formeller J.). -+ 3.
iſt die Brücke zur Wahrheit (Sokrate3 baute den
Wahrheits8jaß auf dem J. auf; der im Ptole-
mäij nifus zum weitern Studium), oft der Pfad zur
ſittlichen u. intellektuellen Niederlage od. Vernich-
tung (moraliſche Niederlage des im J. über ſeine
Gemahlin befangenen Herodes in Hebbel3 „Hero-
de3 u. Mariamne" ; Wahnſinns3anfall des ſich ſelbſt
täuſchenden Oreſt). =- Die Lehre, die durch trü-
geriſche Schlüſſe die Wahrheit verwirrt, iſt die
Sophiſtik, die Lehre von der J.8möglichkeit aller
Erkenntniſſe der Skeptizi3mus.
I. iſt ein Fehler de3 Denken3 (JUuſion, die
einen Sinneseindru> falſch auslegt ; Halluzina-
tion, die eine Vorſtellung für eine Empfindung
nimmt u, veräußerlicht ; Sophi8ma, ein abſicht-
lich falſcher, Paralogi8mus, ein unabſichtlich fal-
ſcher Schluß), des Fühlen8 (durch Haß, Liebe,
Stolz, Demut uſw. hervorgerufene Selbſitäu=
ſchungen), des Wollens u. Handelns (der Phan-
taſt verwechſelt Trugbilder der Phantaſie, Phan-
tome mit wirklichen Anſ F. einſieht u. nicht widerruft od. gar aus Furcht,
ECigennuß od. Bo3heit weitergibt, iſt ein ſchwacher od. nicht anheimzuſallen, muß man ſeine Urteils8kraft
ſchulen, ſeine Gemüt8bewegungen beherrſchen, ſich
von Vorurteilen freihalten. Die ſachliche Wider-
legung übt man praktiſch, indem man den Gegen=
ſtand der Kritik ſcharf ins Auge faßt, vor allem
die Prinzipien unterſucht, Parteilichkeit ausſchaltet,
gegenteilige Anſichten nicht dur< Rederei, ſondern
dur) ruhiges Überlegen, konſequentes Urteilen u.
Schließen zu Fall zu bringen ſucht.
11. Bädagogiſche Verwendung. 1. J. u.
Lehrer. Der Lehrer vermittelt den Schülern den
Unterrichtsſtoff nah dem Stande der Wiſſenſchaft.
3. iſt hierbei nicht aus8geſchloſſen, da die Wiſſen=
ſchaft nicht irrtumsfrei iſt, Dem abſoluten, objek=
tiven J. ſteht der relative, ſubjektive, d. i. der IJ,
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