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u. Freiübungen, auch beim Laufen u. Springen,
dem Freiſprung ſowohl wie dem gemiſchten
Sprung, wird der Eiſenſtab gebraucht, Nicht
eine einzige der 43 Abbildungen der „Neuen
Turnſchule“" ſtellt den Turner ohne Stab dar;
dagegen hat J. auf die Verwendung von Hanteln
hier verzichtet. Die Ordnungsübungen im Stehen
u. Gehen, Stirn= u. Flankenmarſch, Wendungen
u. Schwenkungen, Auf= u. Abmärſche werden von
den in Zügen u. Halbzügen geordneten Turnern
in militäriſcher Form, die jedes Sichgehenlaſſen
verhindert, au8geführt. Bei den Freiübungen ver-
tritt der Eiſenſtab das Gewehr, u. wir finden da=
her neben vielen andern höchſt wirkung8vollen
Formen auch zahlreiche, dem Gewehrfechten ent=
lehnte Übungen: Hoch- u. Tieſſtöße, Kopf=- u.
Bruſthiebe, Angriff8=- u. Abwehrbewegungen, die
mit ſoldatiſchem Scneid zu üben ſind. Dabei
bilden von IJ. ſelbſt feſtgelegte 16zeitige Übung3=
folgen die Negel ; mit der 8. Zeit wandert der
Stab zur linken Hand, um mit der 16. Zeit zur
rechten Hand zurückzukehren. Der Lauf umfaßt
Lauſmarſch, Dauerlauf, Scnellauf, Sprunglauf,
Wettlauf u. Sturmlauf. Das durc allmähliche
Steigerung in genau feſtgelegten Stuſen anzu=
ſtrebende Ziel de8 Dauerlaufs iſt, in 15 Minuten
die 1öfache Laufbahn gleich 2160 m zu durc»
meſſen. Beim Sprunglauf, der ſich wohl mit dem
griechiſchen Dreiſprung vergleichen läßt, kommt es
darauf an, eine beſtimmte Strecke in möglichſt
wenig Sprüngen zurückzulegen. Das Springen
erfolgt als Plankenſprung an der Umzäunung des
Turnplaßes, al8 Grabenſprung, wozu J. auch den
Tauerſprung u. das Schwimmen rechnet, u. als
'Scnurſprung. Die Wurfübungen gliedern ſich
in Zielwurf, Heben u, Stemmen, Weitwurf. Auch
hier ſpielt wieder der Eiſenſtab die Hauptrolle,
der im Zielwurf nach der bekannten, aus Eiſen
hergeſtellten J.ſchen Scheibe geworfen wird. Mit
Eiſenkugeln wird unter anderm der ſchon von
Jahn erwähnte Scho>wurf geübt, bei dem die
Kugel wie beim Kegelſchieben auf den Boden auf=
gejehbt wird. Großes Gewicht legt J. auf das
Ningen, das als Ningkampf, Ning= u, Tragſpiel
auftritt. Zu den Kletterübungen endlich gehören
nicht bloß die gemeiniglich al8 ſolche bezeichneten
Übungen an den Klettergeräten, auch Schwing-
übungen am Pferd, Gleichgewicht3übungen, Rec>=
u. Barrenturnen rechnet J. unter der ſonderbaren
Bezeichnung „Freier Fauſtwurf“ hierhin, --
Eigenartig wie der Turnbetrieb iſt auch J.3
Sprache , jo daß e8 Mühe koſtet, ſich in ſeine
Schriften hineinzuleſen.
111. Bedeutung. Da3 deutſche Turnen ver=
dankt J. zunächſt die Einführung der ebenſo ab=
wechſlungsreichen wie turneriſch wirkſamen Eiſen=
ſtabübungen, auf die heute wohl kein Turner
mehr verzichten möchte. Verdienſtvoll iſt ferner
3.8 Eintreten für den einfach-ungekünſtelten Turn=
betrieb gegenüber dem nicht ſelten auf Schau-
ſtellung hinauslaufenden, gekünſtelt-vielgeſtaltigen
Jahn.

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Gerüſtturnen ſeiner Zeit, ſowie die Zurückweiſung
nicht8ſagender, jeder Anregung entbehrender Ord=
nungs8= u. Freiübungen. Wenn man endlich in
denlekten Jahrzehnten den volkstümlichen Übungen
wieder mehr Auſmerkſamkeit geſchenkt hat, ſo iſt
ach dies, zum Teil wenigſtens, auf das Wirken
3.3 zurückzuführen.
Literatur. K Ph. Euler, Enzyklop. Handb.
des geſ. Turnweſ., Art. J., von Keßler (1894); derſ.,
Geſch. des Turnunterr. (31907) ; A. B. Hanſch»
mann, I.8 Turnſyſt. u. ſ. Bedeutung f. d. gegenw.
Sculturnen (1900). [I. Götting.]
Jahn, Friedrich Ludwig. I. Leben u.
Schriften. Johann Friedrich Ludwig Chriſtoph
3. wurde am 11, Aug. 1778 als Sohn eines
Pfarrers zu Lanz bei Lenzen (Bez. Pot8dam) ge-
boren. Von 1791 ab beſuchte er das Gymnaſium
zu Salzwedel, Aber weder hier noch in Berlin,
wo er 1794/95 Schüler des Gymnaſiums zum
Grauen Kloſter war, vermochte der an Freiheit u.
Ungebundenheit gewöhnte, durch vorzeitigen u.
unpaſſenden Verkehr mit erwachſenen Perſonen
ungünſtig beeinflußte Knabe ſich der Anſtalts=
ordnung zu fügen. 1795 gab er eigenmädtig
den Schulbeſuch auf, ging auf die Wanderſchaft
u. langte nach mancherlei Irrfahrten im Eltern=
hauſe wieder an. 1796 bezog er die Univerſität
Halle. Seine Abſicht, Theologie zu ſtudieren,
ließ er bald fallen u. begann, da ſein ungebän=
digter Sinn, der in ungezählten ſtudentiſchen
Raufereien zum Au3bruch kam, ihn überall un=
möglich machte, ein ruheloſe8 Wanderleben, das
ihn von einer Univerſität zur andern führte. Von
einem ernſten u. nachhaltigen Studium konnte
dabei keine Rede ſein, aber J. lernte Land u.
Leute kennen, ſchärſte ſeinen Bli> für alles Volks8=
tümliche in Brauch u. Sitte, wurde vertraut mit
der Sprache de3 Volke3 in ihren verſchiedenen
Mundarten, Nachdem er in Greifswald, wohin
ihn vornehmlich Arndt8 Vorleſungen gezogen
hatten, relegiert worden war, nahm er 1803 eine
Hauzdlehrerſtelle in Mecklenburg an. Der un=
lüdliche Krieg 1806/07 flößte dem feurigen
Patrioten unjägliche Bitterkeit u. glühenden Haß
gegen Napoleon u. die Franzoſen ein. Er trat in
Beziehungen zu den Kreiſen, die eine Volk3=
erhebung gegen die Fremdherrſchaft anſtrebten, u.
juchte unermüdlich da8 ſc bewußtſein des deutſchen Volkes aufzurütteln u.
gegen die Bedrücer zu entflammen. 1809 kam
3. nach Berlin. Seine Hoffnung, einen Lehr=
auftrag für die hier neubegründete Univerſität zu
erlangen, erfüllte ſich niht, u. ſo übernahm er
denn, nachdem er ebenfalls erfolglos eine Gyms=
najial-Oberlehrerſtelle in König3berg geſucht hatte,
1810 die Stellung eine8 Lehrer3 am Gymnaſium
zum Grauen Kloſter u. gab gleichzeitig Unterricht
an der in peſtalozziſc mannſchen Erziehung3anſtalt.
ZU dieſe Zeit fällt die Begründung des deut=
ſ

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