1027
2 auf die Propheten u. Hagiographen, die 8
lezten auf kleine Talmudtrallate zu verwenden ſind.
Der Lehrplan wies überall dieſelbe Reihenfolge
auf: Erlernen des Alphabets, veien von Wörtern,
Bibelverjen, Wochenabichnitten, Erklärung leichter
Stücle der Miſchna u. des Talmud. Föhigere
Schüler wanderten nach berühmten Schulen, wo ſie
dürftige Koſt u, Herberge im Lehrhauſe od. bei
wohltätigen Gemeindemitgliedern fanden. Die er-
worbenen Kenntniſſe verbreiteten die heimgekehrten
Scholaren in ihrer Beimat, -- Nac< den Kreuz»
ügen kam für die Juden eine Zeit harter Ver»
Jolgungen, die ſie aus England (1290), Frank-
reich (1395), Spanien u. Portugal (1492), aus
einzelnen deutſchen u. italieniſchen Staatögebieten
(im 15. 1. 16. Jahrh.) vertrieben. Die Flücht»-
linge fanden eine Zufluchtsſtätte in der Türkei 1.
in Holland. Jn Amſterdam entſtand 1640 eine
Lehranſtalt, die als die erſte ihrer Art die Unter»
richt3gegenſtände in auſſleigenden Klaſſen lehrte.
Sie war Volk3- u. höhere Schule zugleich,
die Anſtalt zur Ausbildung von Nabbinern für
Amſterdam u. die Tochtergemeinden in Europa u.
Amerika, Die reiche pädagogiſche Literatur, die
Amſterdam erzeugte, beweiſt den ausgebreiteten
Unterricht, Die Stellung des israelitiſchen Leh-
rers in der Gemeinde beruhte auf einem Kontrakte
mit ihr od. mit den einzelnen Familien ; abgelegte
Prüſungen waren nicht notwendiges Erfordernis
für die Anſtellung , konnten aber ausbedungen
werden. Schulen zu errichten (für 25 Kinder mit
1 Lehrer, darüber bis zu 40 Kindern mit 1 Haupt»
u. 1 Hilfslehrer, über 40 Kinder mit 2 Haupt»
lehrern) waren die Gemeinden verpflichtet.
In Deutſchland wurde das j. S.» u. E. in
ſeiner Entwidlung durch die äußere Lage der
Juden ſehr gehemmt. Die Abgeſchiedenheit von
dem Verkehr mit den Mitbürgern bewirkte eine
große Verderbnis des ſprachlichen Ausdruks, der
immer mehr zu einer eignen Mundart ſich ausbil-
dete. In Süddeutſchland, wohin viele aus Frank-
reich vertriebene Juden einwanderten, miſchten ſich
ſranzöſiſche Spracheigentümlichkeiten in dieſe ein,
aus dem Oſten brachten ſlawiſche Auswanderer,
die man gern als Lehrer, Vorjänger, Nabbiner
annahm, auch ſlawiſche Elemente hinein. Die
Sprache entartete ſo, daß die Juden deutſche
Bücher kaum mehr verſtanden, daß die Scriſten
ſür die Frauen u. das geringere Volk in der
Miſchſprache u. mit hebräiſchen Lettern gedruct
wurden. Von Schulen gab es aud in Deutſch»
land die zwei Arten: höhere für Rabbiner u.
Talmudgelehrte (z. B. in Fürth, Prag, Frank»
furt a, M.) u. niedere, ſog. Winkelſchulen, für die
Knaben. An einzelnen Orten beſtanden mittiere
Schulen (jüdiſche Gymnaſien), 3. B. in Hechingen
bis 1853. Mit dem Jugendunterrichte ſah es ſchr
kläglich aus. Allgemeine Dürſtigkeit, Vernach»
läſſigung der änßern Kultur, Verderbnis der
Sprache, Ausſchluß von den öſſentlichen Schulen,
Wahl ungeeigneter Lehrperſonen, da man mehr
Jüdiiches Schul» u, Erziehungs8weſen.

1028
auf die Qualifikation der Bewerber für den Vor-
ſänger» 11. SIE bie jah, waren die Urſachen
des tiefen Standes des j. S. Die Beſſerung be-
ann mit der Periode dex Aufklärung u. der
manzipation der Juden,
V. Seit der Emanzipation bis jeht. Zu den
Männern, welche die aus England u. Frankreich
eindringende Aufklärung in Deutſchland verbrei-
teten, gehörte Moſes Mendelsjohn (1729/86),
der Sohn eines Deſſauer Schullehrer8, der in
Verlin eine vielſeitige wiſſenſchaftliche Bildung
jich erwarb u, ſich dann ganz den philojophiſchen
Siudien widmete. Mit den Vertretern der neuen
rationgliſtiſchen Richtung wurde er bekannt, mit
Leſſing beſreundet, an Nicolais „Allgemeiner
deutſcher Bibliothek“, dem Hauptorgane der Auſ=
klärung, Mitarbeiter. Er bewirkte den Anſchluß
des Reſormijudentums8 an die literariſche Bes
wegung der neuen Zeit. Die Synagoge fürchtete
nicht ohne Grund, ſeine Philoſophie entſerne vom
Boden der talmudiſchen Orthodoxie; in Berlin
bekam er deren Intoleranz reichlich zu koſten, ſo-
gar ſeine Bemühungen um die Neinigung der
Sprache galten vielen als ein Frevel. Was er
auf dieſem Gebiete gewirkt hat, iſt jedoch gerade
epohemachend für die jüdiſche Kultur» u. Schul=
geſchichte geworden. Seine Überſeßung des Pen-
tateuchs u. der Pſalmen ins Hochdeutſche übte
einen mächtigen Einfluß auf die geſamte Geiſtes=
entwilung ſeiner Glaubens8genoſſen aus, Aus
ihr erlernten dieſe die deutſche Sprache, deren
Beſiß die Juden für die Aneignung deutſcher
Bildung beſähigte u, ihnen den Weg zur Teil-
nahme an deutſcher Kultur u. Geiſte8bildung
bahnte. Beſonders anregend wirkte ſein perſön-
licher Umgang. Zahlreiche Jünglinge, die den
Talmudſtudien in Berlin oblagen, ſuchten dieſen;
mit reiſen Männern beſprach er ſich über die Ber=
beſſerung der Schulen u. die Pflege der deutſchen
Sprache. Unterricht u. Erziehung der Juden haben
ihm zu verdanken, daß ſie aus der Erſtarrung u.
Verknöcherung erlöſt wurden, in die ſie unter der
Zuchtrute unwiſſender polniſcher Schulhalter u.
infolge de3 häßlichen Sprachjargons hinabgeſunken
waren, daß ſie einen deutſchen Charakter u. eine
pädagogiſche Einrichtung erhielten, die auf die
vollkommene Aneignung der deutichen Sprache u.
die Vorbildung für jeden künftigen Beruf ab=
zielte, -- Schüler u, Freunde Mendelsſohn3 ſehten
ſeine Jdeen in die Tat um: Friedländer entwarſ
den Plan zu der iöraelitiſchen Freiſchule in Berlin
(1778), die das Muſter für weitere wurde; Hom-
berg wirlte in Oſterreich, wo Kaiſer Joſeph 11.
durc) ſein Toleranzedikt (1781) u, durch Geld-
unterſtüßungen die Errichtung jüdiſcher Schulen
erleichterte ; in Deſſau entſtand 1799 eine Privat-
ſchule für arme jüdiſche Knaben, die bald mit
einer Mädchenſchule verbunden wurde u. 18138
den Namen „Herzogliche Franzſchule“ (mit Zus
ſicherung einer jährlichen Unterſtüßung aus Staats»
mitteln) erhielt, Löwe gründete in Breslau die

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.