1307
Jahre 787 ; vgl. auch den Art. Akademie, Abjchn.
111) dem drohenden Verſalle der k. S. nach
Kräſten entgegengearbeitet, Rhetoriſche, metriſche,
orihographiſche Kompendien werden eifrig ab»
geſchrieben, um die einreißende Sprachverwilde»
rung (die nN allerdings in italiſchen Urkunden
wie in weſtgotiſchen Überjehungen mediziniſcher
Werke u. bei galliſchen Hiſtorikern in gleich er-
ſchrekender Weiſe geltend macht) zu bekämpfen.
Hrabanuys8 Maurus (ſ, d.) läßt in ſeiner Schrift
oinstitutiono cloricorum (819) die heidniſchen
Schriſiſteller „wegen ihrer blühenden Beredjſam»-
keit“ al8 Muſter gelten. Der Brief Gunzos v.
Novara (965) mit ſeiner Recher gung eines im
Tiſchgeſpräche begangenen Kajusſchnißer3 zeugt
von dem Gewichte, das man auf Sprachrichtigleit
legte, u, von der ausgebreiteten Gelehrſamkeit, mit
der man ſolche Fragen behandelte ; das projodiſche
Florileginm des Mico (825) u. die Ciceroexzerpte
Hadoards (ſ. Cicero) vom GigE Betriebe
der imitatio klaſſiſcher Schriſtſteller; der Brief»
wechſel de3 Biſchofs Lupus v. Ferrieres (T 862) von
gewiſjenhaſter Handhabung urkundlicher Text-
kritik, Dber die große Zahl antiker Autoren, die
damal38 im Beſihe der Klöſter waren, geben die
alten Bibliothekökataloge die intereſſanteſten Auſ-
ſchlüſſe. Die Kenntni3 des Griechiſchen ging aller»
dings mit wenigen Au8nahmen (Johanne3 Scotus
Erigena) ganz verloren, u. die klaſſiſche Erndition
nimmt an Breite wie an Tieſe ſtändig ab ; auch
ſchlt es nicht an bewußten antiklaſſiſchen Sprach-
beſtrebungen, die uns ſchon im 6. u. 7. Jahrh.
in den Hisperica famina 1. bei dem Gram»
matiker Vergilius Maro entgegentreten.
Vom 11. Jahrh. an wird der auf Emanzipation
vom klaſſiſchen Altertum gerichtete Zug immer
ſtärker , ganz beſonders, ſeitdem die neue (ſcho»
laſtiſche) Philoſophie aufgekommen war, die ſic
auf Werke des Ariſtoteles begründete, deren
Kenntnis erſt durch die ſpaniſchen Araber ver-
mittelt wurde. Der ſo gänzlich veränderte Inhalt
der Lehre bedingte auch eine Erneuerung der
Sprache ; weder die klaſſiſchen Autoren noch die
Kirchenväter vermochten den Bedürfniſſen der
neuen Zeit zu genügen. Ein ſehr bewegliches u.
ausdrucsſähiges Latein entſtand, das nicht nur
ſeltenere antike Wörter, wie qualitas, quantitas,
gubstantia , oxistentia, essentia, ens, mo-
dernus u. dgl., aufgriff od. in neuer Bedeutung
anwandte, wie ſinalitas, ſondern aud) ke> die
Grenzen de3 Klaſſizismu3 überſchreitend Neus
bildungen wie ontitas quidditativa, haeccoitas
(das Ariſtoteliſche r682 1 ear), disquiparantia,
porveitas, uboitas uſw. ſchuſ. Dementſprechend
veränderte ſich auch die Methode des Lateinunter»
richt3, u. e3 entſtanden neue Lehrbücher ; der Do»
natus (ſ. d.) rückte auf die 2. Elementarſtuſe
herab, während der höhere Unterricht meiſt auf
das Doetrinale des Alexander de Villa Dei
(). d.) begründet wurde. Außerdem gab es noch
zahlreiche andre grammatiſche Werke, wie der
Klaſſiſche Studien,

1308
Gravcismus des Chberhard v. Belhune, zum Teil
mit ſeltſamen Namen, wie Plorista u, Mammo-
treetus (ſ. d.), aunc< Vokabularien (Alexander
Neckam, Johannes de Garlandia, Huguccio uſw.),
Dieſe Sprache will vor allem praktiſchen Zwecken
dienen; die Orthographie iſt ihr gleichgültig u.
wird dem Einſluß der Landes8ſprachen ſowie ben
durch Pergamenterſparni8 bedingten Überhand»
nehmen der Abkürzungen preisgegeben. Ahn»
liches 16ßt jich auf dem Gebiete der Dichtung be-
obachten. Zwar werden Ovid u. Terenz, Vergil
1. Lukan, wie die maſſenhaſten Handſchriſten des
12.---14, Jahrh. beweiſen, noch immer geleſen ;
aber neben u. vor ſie treten die zeitgenöſſiſchen
u. zeitgemäßen Poeten, wie Theodulus, der
„neue“ Cato, Macer Floridus8, Alanus ab Inſulis,
Maithäus v. Vendöme, Walter v. Caſtiglione u.
viele andre. Da3 Registrum multorum aucto-
rum des bambergiſchen Schulmeiſter8 Hugo v.
Trimberg (1280) gibt ein gutes Bild des Ums
ſangs der damals zur Bildung gehörigen Lektüre.
Für viele Autoren bricht die handſchriftliche Über-
lieferung mit dem 11. od. 12. Jahrh. ab ; ſie blie-
ben (oft nur in einem einzigen Exemplare) in den
Bibliotheken liegen u. mußten erſt dur die Hand-
ſchriſtenjäger des Humani8mus8 neu entde>lt wer-
den. Freilic muß man dabei anerkennen, daß
jene Zeit dieſe koſtbaren Neſte wenigſtens pietät=
voll aufbewahrte, während das 6.--8. Jahrh.
den gänzlichen Verluſt vieler klaſſiſchen Autoren
verſchuldet hat. Überhaupt muß man ſid) vor der
Unterſchäßung des ſpätern Mittelalter3 hüten; ſo
hat e8 z. B. das Studium des früher kaum be=
achteten Seneca wiederbelebt, Schriſten wie die
de3 Johanne8 v. Salisbury (+ 1180) od. die
großartigen Sammlungen des Vinzenz v. Beau-
vais (7 1264; ſ. d.) zeigen einen reſpektabeln
Umfang von Gelehrſamkeit. Douiſchland ſteht aller-
dings in dieſer Epoche hinter England, Frankreich
u. Italien einigerinaßen zurück ; wer höhere Aus-
bildung anſtrebte, als ſie die Kloſter-, Dom,
Rats- u. Stadtſchulen Deutſchlands boten (f.
Deutſches Schulweſen, Abſchn. 11 u. 111), mußte
ſie an den ſeit dem 12, Jahrh. entſtehenden Uni-
verſitäten (ſ. d.) des Auslandes (für das Griechiſche
namentlich in Pari8) ſuchen ; u. auc) als ſolche in
Deutſchland (zuerſt Prag 1348) gegründet wur
den, blieb das Niveau der k. S. no über ein
Jahrh. ein ziemlich niedriges.
3. Das humaniſtiſche Zeitalter. Die in
JItalien ſeit dem 14. Jahrh. auſtretende huma-
niſtiſche Bewegung (]. Humanismus, Humaniſti-
ſc der k. S. zunächſt in dem erwachenden Stil-
gefühle ; man empfand nicht nur den Zauber des
Ciceroniſchen Periodenbaue8 u. de3 Vergiliſchen
Veröfluſſes lebhaſter, ſondern lernte auch die Ur-
ſachen dieſe3 Eindruckes richtiger beurteilen u. ge=
langte zu vollkommener Nachahmung. Cs ent=
ſtand eine neue Beruſsllaſſe der poetao u. ora3-
tores, die außer dem antiken Grundſaße der

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