533
fähigkeit, Erweiterung u, Klärung des Vorſtel-
lungöſreiſes hingearbeitet u. unſre Literatur als
auptbildungs8quelle auch zur Pflege vaterlän»
diſchen Geiſtes benußt.
Fremdſprachen. Da zwei Fremdſprachen :
Franzöſiſch u. Engliſch, bei der großen Zahl der
andern Fächern die Mädchen in hohem Grade be-
anſpruchen, hat Bayern, entgegen Preußen u. den
meiſten andern Staaten, nur Franzöſiſch obliga-
toriſch gemacht ; Engliſch iſt jafultativ. Der me=-
thodiſche Fortſchritt im Betriebe der Fremdſprachen
iſt ſehr bedeutend. Die ſremde Sprache wird nicht
mehr als äußere Dekoration angeſehen, ſondern
als ein wertvolle3 Bildungsmittel ; die Würdigung
des Inhaltes, das Eindringen in den fremden
Geiſt u. die fremde Kulturwelt muß ſtets das vor»
nehmſte Ziel der Lektüre bleiben. So kann auch die
Fremdſprache ein ſehr wertvolles Mittel der Schy-
lung des Geiſtes, Herzens u. Charakters werden.
Geſchichte. Durch die Kenntnis der bedeut=
ſamſten Ereigniſſe der Geſchichte, in8beſondere der
deutſchen u. der de3 engern Deimatſtaates, will
man nicht bloß das Verſtändnis für die Ver-
gangenheit u. den hiſtoriſchen Sinn bilden, ſondern
auc Intereſſe u. Verſtändnis für das öffentliche
Leben der Gegenwart wecken. In der Geſchichte
liegen aber auch ſo viele Herz u. Charakter bil=
dende Momente, daß dieſer Unterricht gerade bei
der M. vor allem geeignet iſt, ſittliche u. vater=
ländiſche Geſinnung zu bilden. Jn den Lehr=
plänen ſucht man vergeben8 nach einer Hervor-
hebung bedeutender Frauen, u. doch ſollten dieſe
eine entſprechende Würdigung finden.
Die Erdkunde pflegt bei Mädchen im all
gemeinen nicht ſehr beliebt zu ſein, u. doch iſt ſie
auch für dieſe wichtig. Die neue Art, dieſe3 Fach
zu betreiben, zielt wie bei allem Unterrichte auf
eine erziehliche Beeinfluſſung hin. Überall iſt zum
Verſtändniſſe der Wechſelbeziehungen zwiſchen
Menſch u. Umwelt anzuleiten, der Gedächtnisſtoff
zu beſchränken, Land u. Leute ſollen in lebensvoller
Anſchaulichkeit dargeſtellt werden, die Erdgeſchichte
iſt zu berückſichtigen, Verſtändnis u. Selbſttätigkeit
überall zu pflegen. Die Mädchen ſollen beſonder8
die Heimat u. das deutſche Vaterland ſchäßen
lernen, deShalb fehrt der Unterricht in der vor-
lezten Klaſſe wieder zu einer eingehendern Behand=
lung Deutſchlands zurück.
In Nechnen u, Mathematik wurde früher
im Mädcenunterrichte recht Minderwertiges ge
leiſtet. Die neuen Lehrpläne bringen eine weſent=
liche Beſſerung. Wa3 Knaben in den höhern Schu-
len lernen, kann man den Mädchen nicht vorents=
halten, da beſonder8 dieſe ein Gegenwicht gegen
das Überwuchern der Phantaſie brauchen u. ganz
beſonder3 zum ſtrengen, folgerichtigen Denken u.
logiſchen ſprachlichen Aus8drue anzuleiten ſind.
Auch die Naturwiſſenſchaſften werden in
den neuen Lehrplänen der Mädchenſchulen mehr
als früher betont; in den Klaſſen IV--I1 der
preußiſchen höhern Mädchenſchulen wurden dieſe
Mäd
634
Stunden 1908 um 50*%/, vermehrt. Sie ſind ja
in der Tat von hoher Bedeutung in praktiſcher
u. pädagogiſcher Beziehung, Die Liebe zur Natur
übt eine ſegenſpendende Wirkung auf Geiſt u. Herz
der Mädchennatur au3; Naturſinnigkeit, Pflan-
zen= 1. Tierpflege, äſthetiſche Anregungen, Bewun-
derung der Größe der Natur uſw. ſind nur einige
von dieſen ſchönen Wirkungen. Die Pflanzen= u.
Tierkunde wird nach biologiſchen Geſichtspunkten
gelehrt. Von beſonderer Wichtigkeit für Mädchen
iſt der anthropologiſche Unterricht, zumal in prak=
tiſcher Hinſicht; denn vor allem die Frau braucht
in Haus u. Familie für ſich u. die JIhrigen grund=
legende Kenntniſſe über den geſunden u. kranken
Menſchen. Der Phyſikunterricht, der von Schüler=
übungen unterſtüßt wird, will die wichtigſten phyſi-
kaliſchen Geſeße zum Verſtändniſſe bringen, der
Chemieunterricht beſonders ſolche gänge, die ſpäter in der Hauswirtſchaft u. Schul-
füche zur Anwendung kommen.
Da3 Zeichnen. Der Zeichenunterricht wurde
ja längſt gerade in Mädchenſchulen fleißig ge-
pflegt; ijt doch der Kunſtjinn gerade bei Mädchen
oſt ſtark ausgebildet, Dazu kommt, daß das
Zeichnen mit den weiblichen Handarbeiten
(|. Handarbeitsunterricht) durchweg in enge Ver=
bindung tritt; ſo iſt es für die Mädchen in ganz
beſonderm Maße ein bildende3 Fach geworden,
da3 die Freude am Schönen, die Luſt am Geſtalten
weſentlich fördert. =- Daß auch der Geſang
unterricht bei der M. eine namhaſte Rolle
ſpielt, bedarf keiner beſondern Ausführung.
Dem Turnen (ſ. d.) der Mädchen iſt erſt in
neuerer Zeit größere Auſmerkſamkeit zugewandt
worden. 5 ſoll den erziehlichen Zweck der Schule
unterſtüßen, im beſondern die Geſundheit ſtärken,
die körperliche Gewandtheit u. die natürliche An=
mut der Bewegungen fördern. Um dieſes Ziel zu
erreichen, wird der Unterricht dur Erziehung zur
Ordnung u. zum Gehorſam, dur< Überwindung
der entgegenſtehenden natürlichen Schwierigkeiten
auf den Willen einwirken.
Cine Spezialität der M. bildet die Sh ul-
küche. Die Schülerinnen ſollen durch ſie Ein-
ſi des Hau3haltes8 gewinnen u. dur praktiſche Übung
zur Bereitung einfacher Speiſen angeleitet werden.
Die Vorgänge bei der Speiſenbereitung ſind im
Anſchluſſe an den naturkundlichen Unterricht zu
entwideln u. in praktiſchen Übungen zu erläutern.
Bei dieſen Übungen ſind die wichtigſten Nahrungs=
mittel nach ihrer Zujammenſeßung u. ihrem Nähr-
werte zu behandeln. Neben den wiſſenſchaftlichen,
hygieniſchen u. ökonomiſchen Grundſäßen ſoll der
Unterricht auc die Erziehung zur Sparſamkeit u.
die Gewöhnung an Ordnung u. Reinlichkeit be=
rückſichtigen. Näheres über dieſen Gegenſtand
enthält der Art. Hauswirtſchaftlicher Unterricht, --
Vgl. auch die Art, Frauenſchule u. Dauspädagogil.
VI. Lehrart u. Erziehung an ven Mädchen-
ſchulen. Unter dem Beſondern der M. iſt nament«=

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.