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auch in andern Unterricht3ſächern, ſo in Geſchichte,
Erdkunde, Naturkunde, wo nur durch ſie Namen
ſür alte Bauwerke, ſür Wälder, Wieſen, Berge,
Tiere u. Pflanzen ihre Erklärung finden,
ce) Auch im Auſſaßunterrichte gehe der
Lehrer nicht gleichgültig an der M. vorbei. Wenn
die Kinder im mujahe einen mundartlichen Aus-
dru> gebrauchen, jo ertöte er dieſen nicht gleich in
roter Tinte, ſondern ſreue ſich darüber. In mancher
Beziehung iſt die M. der Stilbildung eher ſörder-
lich als hinderlich. Sie iſt einſacher, ungekünſtelter;
Verbindungen durch Doppelbindewörter Gh
-- al38 anch, teil3s -- teils) vermeidet ſie ebenſo
wie die nenartigen papiernen Verhältniswörter:
angeſichts, betreſſ8, anläßlich, eingangs u. ä,; die
M. ſchildert anſchaulich, erzählt auch die geringſten
Begebenheiten, vermeidet allgemeine Redensarten
(„ſich beſinden“). Alle derben od. gar unedeln
Nedengarten, an denen die M. reich iſt, ſind ſelbſt-
verſtändlic) zu verbannen. Wodurch offenbaren
die Werke neuerer Schriftſteller, eines Alban Stolz,
Jeremias Gotthelf, Noſegger, Hansjakob, ihren
Reiz ander3 als durch Anlehnung an die ſrüher ſo
mißachtetle M.!
Ja der Lehrer wage no< einen Scritt weiter
u. laſſe gelegentlich einmal einen Auſſa ganz in
der M. ſchreiben. Freilich eignen ſich hierzu weniger
Stoſſe aus dem Unterrichte als vielmehr ſolche über
heitere u. intereſſante Erlebniſſe, 3. B. Wie ich ens
Malör hodd -- Wie ich den Zeppelin ze erſch
ſoch uſw. Die Befürchtung, daß durd) den Ge-
brauch der mundartlichen Aunsdrücke u, Sabſormen
ein Schaden für den richtigen Gebrauch der hd,
Sprache entſtehen könne, iſt hinfällig, da von ſolchen
Auſſjätßen höchſtens 3 im Jahre angefertigt werden
dürſen. Sie erregen in hohem Grade das Intereſſe
der Kinder ; mancher ſonſt ſpracharme Schüler wird
beredt, u. der Lehrer gewinnt Einblicke in das
Seelenleben ſeiner Klaſſe, die ihm ſonſt verſchloſſen
geblieben wären.
d) Leſebuch, Gedichte. Die M. weiſt zum
Teil hervorragende Dichter auf (Hebel, Neuter,
Groth, Nojegger, Koſchat, Kobell, Grimme, Stöber,
Stieler u. a.). In ſeinem Leſebuche lernt das Kind
meiſt nur Proben der hd. Poeſie kennen, was als
ein Mangel zu bezeichnen iſt. Der Lehrer muß den
Schülern auch jen M. geben, die teils herzerquickenden Humor,
teil3 tiefernſte Erlebniſſe od. Wahrheiten zum Aus-
drucke bringen ; an ec wahrlich nicht. In größern Städten (Köln, Aachen,
Berlin, Hamburg, Stuttgart uſw.) hat ſich eine
eigne Ortsliteratur im Lauſe der Zeit entwicelt,
die neben Waſſerloden auch goldechte Frucht»
zweige auſweiſt ; in ländlichen Gegenden kann we=
nigſtens die Landſchaſt3-M. zur Darbietung heran»
gezogen werden, Nur hüte fich der Lehrer vor hd.
Übertragungen, die den Kern der Dichtung ent-
kräſten. Der Zwe ſolcher Vorſührungen beſteht
nicht darin, eine Kenntnis der M. zu vermitteln --
dieje keynt da3 Kind oft beſſer als der Lehrer ---,
Maundſänule.

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ſondern die Licbe zur Heimat zu pflegen, das Ge=
müßt zu erfriſchen, lachenden Sonnenſchein in den
Ernſt des Schullebens u, in die Dürre der Schul-
ſinbe hineinzubringen, Dann erſcheint dem Kinde
die M. als ebenbürtige Schweſter der hd. Schriſt-
u, Umgangöſprache.
311. Die M. in den Lehrerbildungsanſtalten.
In den Lehrerbildungsanſtalten wird mit Recht ein
planmäßiger Unterricht über die M. erteilt, der ſich
erſtre>t auf Weſen, Alter, Wertſchäßung, Einwir-
kung zwiſchen M. u. Scriſiſprac Abgrenzung der Haupt-M.en, Kenntnis der wic»
tigſten M.en, beſonders der heimatlichen. Die ein=
gehendern Belehrungen über Lautbeſtand, Lauts
bildung u. Wortſchaß der Heimat-M,. ſchließen ſich
an die Lektüre von Gedichten od. Erzählungen in
der M. an, 3. B. an Hebel3 „Alemanniſche Ge-
dichte“, an Neuters „Ut de Franzoſentid“ u. a.
Vorteilhaſt iſt e8, wenn die Seminariſten an=
geleitet werden, ſich ſelbſtändig zu betätigen durc
Sammeln von Wörtern od, Ausdrücken für
Pflanzen, Tiere, Tätigkeiten, von Nedensarten
u. Sprichwörtern im Volkönmmde. Durch ſolche
allſeitige Sammeltätigkeit kann recht wertvolles
Material zutage geſördert werden, das die Neich-
haltigkeit u. Mannigfattigkeit der M. deutlich er-
kennen läßt. Für das cine hd. Wort „Schmetter-
ling“ gibt e38 allein im Nheinland über 100 Namen:
Sommervogel, Summerop, Spannevogel, Flack=
vogel, Witvugel, Schmandlecker, Schneider, Kanne=
weber, Flimmermans8, Flabbes, Fliegendißchen,
Mehlſreſſer, Kappeskopp, Fippmopp, Geiling, Pei-
pel, Bibberhahn, Peperling u. a. Dieſe8 Sammeln
iſt ein gutes Mittel, das Intereſſe für die M. über=
haupt zu ſteigern. Dod) ebenſo hod) iſt der ſprach=
geſchichtliche Gewinn einzuſchäßen: der Seminariſt
hat 3. B. gehört, daß im Niederdeutſchen die
zweite Lautverſchiebung wirkungslos geblieben iſt ;
nun erfährt er dur) eigne Beobachtung, daß hier
in der M. die urſprünglichen Tenues unverſehrt
erhalten geblieben ſind; die Herbeiſchaſſung der
dies bezeigenden Beiſpiele obliegt nicht dem Lehrer,
ſondern der Seminariſt findet ſie ſelbſt mit Leich-
tigkeit, u. er erhält ſo ein viel klareres Bild von
dem Werdegang unſrer Sprache. So dienen die
mundartlichen Belehrungen lehten Ende3 der
Förderung im Verſtehen u. Gebrauchen der hd.
Sprache ſelbſt.
Literatur. O. Behaghel, Scriftſpr. u. M.
(1896) ; O. Brenner, Etwas üb. d. M.forſchung 1.
d. Schule (1895); E. Linde, Die Mutterſpr. i. Ele»
mentarunterr. (21907); H. Oſthoſſ, Scriftjpr. u.
Volk8»M. (1883); N. Neichel, M. u. Schriftſpr.
(1892); O. Weiſe , Unſre M., ihr Werd. u. ihr
Weſ. (281912); E. Wilke, Schriſtdeutſch u. Volk3-
ſprache (1903). Außerdem ſ. die unter 11, A an-
gegeb. Werke. [F. Weiden.]
Mundſävnle. Die M. iſt eine in der Kin-
derwelt ſchr häuſige, auf Geſc Mundhöhle beruhende anſte>ende Krankheit, die
entweder direkt von Menſch zu Menſch od. durc

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