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ſind. Die „Kirchlichen Geſänge“ für mehrſtim-
migen Männerchor von Alb. Jepken38 hat P. neu
bearbeitet u. bedeutend vermehrt, die Orgelbeglei»
tung zum Ordinarium Missav nebſt Darlegung
der bei der Harmoniſierung leitenden Grundſähe
hat er hräg. mit P. Schmeß. Sämtliche Kon
poſitionen, homophone wie polyphone, ſind in echt
kirchlichem Geiſte geſchrieben u, zeichnen ſich aus
durch Anmut der Melodien, gewandte 1. klare
Stimmführung, maßvolle, weiſe Anwendung der
muſikaliſchen Mittel, vollendete Form u. künſt»
leriſche Behandlung de3 Textes. Vielſach iſt P.
in ſeinen Kompoſitionen den einfachen Verhält»
niſſen entgegengekommen, ohne dabei den edeln,
kirchlichen Charaſter auſzugeben. Hauptjächlich ſür
Studium u. Aufführungen der Seminariſten be-
ſtimmt, ſchrieb er 6 Sonatinen ſür Klavier, 2 So»
naten u. 1 Suite für Violine u. Klavier u. 10
Märſche ſür Violine u. Klavier zu 4 Händen;
letztere ſind für größern Geigen voll, Als Mitglied de3 Referentenkollegiums des
Cäcilienvereins hat P. mit Gewiſſenhaſtigleit u.
Wohlwollen in ſtet3 anregender, nie verlehender
Weiſe geurteilt. Oft hat er auf den Nheiniſchen
Sängerſeſten al3 Preisrichter mitgewirkt u. zur
Hebung de3 Geſange3, namentlich des Volksliedes,
viel beigetragen. Sämtliche Werke P.3 ſind im
Schwannſchen Verlag (Düſſeldorf) erſchienen, der
ein Verzeichnis mit einer kurzen Biographie P.3
von Peter Höveler verſendet. [C. Pelher.]
Pieta14 |. Ehrerbietung.
Pletiswus, 1. Weſen y. Eniſichung des
PR. Die bittern Kämpfe proteſtantiſcher Theologen
auf Kanzel u. Katheder über die „reine Lehre“,
die nach Luther3 Tode einſekten u. zum Schaden
der Berinnerlichung ſaſt 2 Jahrh. währten, dazu
die Verrohung de3 Volfes durch den 80jährigen
Krieg, hatten Zuſtände geſchaſſen, die ein lebhaftes
Verlangen nad) Neubelebung der Frömmigteit u.
de3 werktätigen Glaubens weten. Aus dieſem
Streben nach Beſſerung der Zuſtände entſtand der
P. (von lat. piotas = Frömmigleit). Spener
(1635/1705 ; ). d.), damals Prediger in Frank=
furt a. M., war der Begründer. In ſeiner Schrift
Pia desideria (1675) bezeichnet er Weg u. Ziel
der neuen Richtung wie folgt : 1. (3 kommt darauf
an, das Wort Gotte3 reichlicher unter die Leute zu
bringen, Dazu wird außer den regelmäßigen Pre»
digten dienen, daß die Leſung der Bibel in den
Häuſern gefördert, daß Predigten über bibliſche
Bücher u. nicht bloß über die Perikopen gehalten,
endlich daß beſondere Verſammlungen eingerichtet
werden, in denen nach dem Vorbilde der älteſten
Kirche unter der Leitung de3 Paſtor3 ein Aus»
tauſch des Schriftverſtändniſſes ſtattſinden u. ein
engerer gegenſeitiger Anſchluß der Gemeinde»
glieder untereinander u. mit dem Paſtor erreicht
werden würde. 2. Es kommt darauf an, das all»
gemeine Prieſtertum gemäß der Deatung Luther3
in ſleifige Übung zu ſeen, Dieſe3 Recht der gegen-
ſeitigen religiöſen Anregung u. Zucht, das in der
Pietät -- Pleti8mu8,

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römiſchen Kir unterdrüdt iſt, würde ſeinen Ort gerade in den
vorgeſchlagenen ſpeziellen Verſammlungen finden.
8. Es kommt auf die Einſchärfung der Wahrheit
an, daß das Chriſteninm nicht im Wiſſen, ſondern
in der Betätigung der Liebe beſteht, in Uneigen»
nüßigkeit, in Bezähmung des Unwillen8 über er»
fahrene Beleidigungen, in Enthaltung der Rache,
in Billigkeit bei Behauptung der eignen Nechte,
in Verſöhnlichkeit u, Feindesliebe. Zur Erreichung
ſolcher Geſinnung ſoll man dem Beichtvater od.
auch einem andern rechtſchaffenen Menſchen Nechen=
ſchaft ablegen u. deren Anleitung ſuchen. 4. In
dem Verhalten gegen ſol andrer Neligion8gemeinſchaſten Irrgläubige od.
die überhaupt Ungläubige ſind, iſt nicht ſowohl
das Disputieren als vielmehr Fürbitte, Milde,
gute8 Beiſpiel anzuwenden, um ſie zu gewinnen.
Was in dieſer Hinſicht jedem Chriſten ziemt, gilt
ebenſo auch ſür die Prediger. 5. Zu dieſem Zwece
fommt e8 darauf an, die theologiſche Vorbildung
der Prediger auf den jenverſitäten zu verbeſſern,
ſittliche Auſſicht über die Studierenden zu führen,
as Fach der Polemik zurückzuſtellen, die Frömmig-
keit durch Lektüre von Tauler u. Thomas v. Kem=
pen zu pflegen. 6. Die Predigten ſollen zweck»
mäßiger eingerichtet, nicht mit Gelehrſamkeit u.
Kunſt ausgeſtattet, ſondern auf den Anbau des
innern Dieſe Grundgedanken machten einen bedeutenden
Eindruck u. fanden die Zuſtimmung einflußreicher
Theologen, rieſen aber auc Widerſpruchs hervor. Man erblickte darin einen
Abfall von der Reformation , eine Erneuerung
mittelalterlich-katholiſcher Auſſaſſung, u. nament=
lich in den Collegia piotatis, jenen Konventikeln
zur Schriſtleſung u. Gebetsübung, die eine eccle-
giola in ecclosia bilden ſollten, eine hedenkliche
Einrichtung. Da die Negierung in Darmſtadt
ihr Veto einlegte u. Speners Schriften verbot,
ſolgte er einem Nuſe nach Dreöden. Von dort
aus gewann er Aug, Herm, Franke (ſ. d.) u. zwei
gleichſtrebende Dozenten in Leipzig als Geſin-
nungögenoſjen, die alsbald ein Collegium philo-
biblicum entſprechend dem Collegium pioetatis
einrichteten. Die ganze ſtreitbare Proſeſſorenſchaft
erhob ſich dagegen, ſo daß Franke u. ſeine Freunde
die Stadt verlaſſen mußten. Sie wurden aber
bald (1691) von dem Kurfürſten Friedrich 11. v.
Brandenburg als Proſeſſoren an die neugegründete
Univerſität Halle beruſen, wo nunmehr ungeſtört
die Pflanzſchule de3 P. gedieh, Der Name war
ſchon in Leipzig entſtanden, freilich zuerſt als
Spottname.
11. Die pädagogiſche Bedeutung de8 P. er-
gibt ſich aus der Tätigkeit ſeiner Häupter u. Führer.
Spener empfand ſehr tieſ, daß die Erziehung der
Jugend einer Verbeſſerung bedürfe u. auf ihr
allein die Hoffnung der Zukunft beruhe. Die
biöherige Herrſchaft der Orthodoxie hatte keinen
Wandel ſchaffen können weder mit der unfrucht-

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